Sie liegen schon bereit. 15 Stolpersteine auf dem Gehweg vor der Charlottenstraße 8. Sie glänzen in der Sonne. Neben den Stolpersteinen ein Zehn-mal-zehn-Zentimeter-Loch. Die Männer von der Stadt haben den Gehweg schon präpariert. Die Polizei sperrt mit drei Streifenwagen ab. Auf der Straße hat sich eine Menschentraube gebildet. Der Chor der Schiller-Schule baut sich auf.

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Währenddessen wuseln die Frauen und Männer von der Erfurter Stolperstein-Initiative durch die Menge. Stehen die Klappstühle richtig? Funktioniert das Mikrofon? Dann begrüßt Sophie Hohmann ihre Kollegen vom Gedenkort Topf & Söhne. Auf diesen Tag haben die Historikerin und ihre Mitstreiter von der Erfurter Stolperstein-Initiative ein Jahr lang hingearbeitet.

Stolpersteine in Erfurt
Großer Andrang zum Auftakt: Angehörige der Schoah-Opfer sind aus Israel angereist.© Oskar Luis Bender

Erst vergangenes Jahr der erste Stolperstein

83 Jahre nach der Deportation von 364 Thüringer Juden werden an sechs Orten in Erfurt Stolpersteine verlegt. Lange hatte man das in der Landeshauptstadt nicht gewollt. Obwohl Angehörige immer wieder darum gebeten hatten. Man wolle die Opfer der Schoah nicht mit Füßen treten, so die Argumentation.

Einen ersten Stolperstein gibt es seit Mai 2024. Für den 1940 ermordeten jüdischen Kaufmann Karl Klaar. Jetzt sollen es nach und nach mehr werden. Inzwischen ist auch Oberbürgermeister Andreas Horn vorgefahren. Er gesellt sich zum Publikum. Für den Anlass hat er sich eine Kippa aufgesetzt.

120.000 Steine hat Gunter Demnig schon verlegt

Stolpersteine in Erfurt
Diesen Stolperstein verlegte Demnig zuerst. Er erinnert an Antonia Marcus, die in der Charlottenstraße 8 lebte.© Oskar Luis Bender

Als der Schülerchor ein jiddisches Kinderlied anstimmen will, läutet die Mittagsglocke der Thomaskirche dazwischen. Zwei Minuten später fangen sie an zu singen: „Shlof main fegele, mach tzu dain egele…“ („Schlaf, mein Vögelchen, mach deine Augen zu …“).

Nach der Eröffnungsrede von Reinhard Schramm, dem Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde, und einem kurzen Statement des Bürgermeisters, setzt sich Künstler Gunter Demnig in Bewegung. Der 77-jährige Kölner, der in Hessen lebt, hat den Stolperstein 1992 erfunden. Inzwischen wurden mehr als 120.000 davon verlegt. Am rechten Bein trägt er einen Knieschoner. Dazu eine beige Arbeitshose und ein blaues Jeans-Hemd. Die Ärmel sind umgeschlagen. Der braune Lederhut auf seinem Kopf verdeckt die obere Hälfte seines Gesichts.

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Er streift seine Arbeitshandschuhe über. Dann kniet er sich hin und legt den Messing-Stein in das vorbereitete Loch. Klopft ihn mit seinem Gummihammer fest. Die Fugen schließt er mit Mörtel. Am Ende wischt er den Stein ab. Nicht mal eine Minute braucht er dafür. Währenddessen verliert er kein Wort.

Zahl antisemitischer Vorfälle steigt wieder

Initiativen in ganz Deutschland kämpfen mit der Verlegung von Stolpersteinen gegen das zunehmende Vergessen. Einer Umfrage der Jewish Claims Conference zufolge wissen 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland nicht, dass etwa sechs Millionen Juden von den Nationalsozialisten ermordet wurden. 15 Prozent glauben, es wären weniger als zwei Millionen gewesen.

Seit dem Überfall palästinensischer Hamas-Terroristen auf Israel am 7. Oktober 2023 hat der Antisemitismus in Thüringen stark zugenommen. Das Recherche- und Informationszentrum Antisemitismus zählte im vergangenen Jahr 392 antisemitische Vorfälle. Rund ein Drittel mehr als im Vorjahr. Auch Stolpersteine werden immer wieder Ziel antisemitischer Gewalt. So etwa in Weimar: Dort wurden seit Jahresbeginn 33 Stolpersteine geschändet.

Stolpersteine in Erfurt
Ist für sein Freiwilliges Soziales Jahr aus Münster nach Erfurt gezogen: Elija Schildheuer-Rowe (18).© Oskar Luis Bender

Gedenkort Topf & Söhne unter den Initiatoren

Mit-Initiator der Erfurter Stolperstein-Aktion ist der Gedenkort Topf & Söhne. Benannt nach dem Familienunternehmen, das in Erfurt Öfen für das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau fertigte. Heute steht nur noch das ehemalige Verwaltungsgebäude. Steingraue Fassade. Innen kahle Wände und Decken. Ausgestellt sind Originaldokumente, das Zeichenpult des Chef-Ingenieurs der Firma, Urnen und Schuhsohlen aus dem KZ Buchenwald.

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Elija Schildheuer-Rowe macht bei Topf & Söhne sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Er kennt die Ausstellung, als würde er die Besucher selbst schon herumführen. Zu allen Dokumenten und Objekten hat er eine Erklärung parat. Dabei ist er noch nicht mal drei Wochen da. Der 18-Jährige mit der Harry-Potter-Brille und den mittellangen braunen Haaren hat sein Jahr zwischen Schule und Studium der Arbeit um die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen verschrieben.

Ein FSJler begleitet Angehörige

Er ist dafür nach seinem Abitur aus Münster nach Erfurt gezogen. Mit Blick auf die politische Stimmung in Deutschland spricht er von einer „Entwicklung, die in eine gefährliche Richtung geht“. Elija wird leiser. Zwei Schülergruppen kommen in die Hauptausstellung in der zweiten Etage des Gebäudes.

Weil Elija als Sohn eines Kanadiers fließend Englisch spricht, ist es seine Aufgabe, die aus Israel angereisten Angehörigen der Familie Feiner zu begleiten. In der Klausenerstraße 11 lebten Joseph und Adele Feiner mit ihren Töchtern Charlotte und Marion. Für sie werden an diesem Tag vier Stolpersteine verlegt. Die Männer von der Stadt sind mit ihren Pritschenwagen schon vorgefahren, haben den Gehweg vorbereitet. Anwohner stehen in der Tür des Mehrfamilienhauses, wo die Feiners einst vier große Zimmer bewohnten.

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Das Schicksal Familie Feiner

Der 19-jährige Jakob, Elijas Vorgänger als FSJler bei Topf & Söhne, erzählt der Menschentraube von seinem Projekt über das Schicksal der Familie. Die Eltern versuchten, mit ihren Töchtern in das heutige Israel zu fliehen. Doch ihnen wurde die Einreise verwehrt. Charlotte und Marion Feiner, die sich später Miriam nannte, mussten ohne ihre Eltern im damaligen britischen Mandatsgebiet bleiben. Joseph und Adele Feiner wurden mit 120.000 anderen Juden in Lwow im damaligen Polen, heute in der Ukraine, von den Nazis ermordet. Wieder setzt Gunter Demnig routiniert die Steine in den Boden. Die Familie singt auf Hebräisch.

Vor dem Döner-Laden ein weiterer Stein

In der Schmidtstedter Straße 57, direkt vor dem Anadolu-Döner, ist es belebter als an den anderen Orten. Innenstadtlage. Direkte Bahnhofsnähe. Viele Menschen laufen vorbei. Die Polizei macht die Straße dicht. Zwei Bauarbeiter, angezogen von der Menschenansammlung, diskutieren, ob sie bleiben oder gehen wollen. Schließlich bleibt nur einer von ihnen.

Dann fängt er an, etwas von „Kindern in Gaza“ zu murmeln. Und fragt verstohlen in die Runde, ob diese etwa keinen Stolperstein verdient hätten. Als ihn niemand beachtet, verstummt er. Nach der Verlegung lacht er spöttisch und verlässt den Ort wutschnaubend in dieselbe Richtung, aus der er gekommen war. Es wird der einzige Vorfall dieser Art bleiben.

Für Künstler Demnig geht es weiter und immer weiter

Nachdem der letzte Stein in der Pergamentengasse 42, unweit der Alten Synagoge, verlegt ist, lehnt sich Demnig erschöpft an seinen roten Peugeot-Kastenwagen. Immer mehr Menschen trauen sich, ihn anzusprechen. Einige fragen ihn nach Selfies. Bevor er abfährt, geht Demnig zu den Männern von der Stadt, die leicht abseits im Schatten warten. Er bedankt sich für ihre Vorbereitung und kündigt an, nach Weimar weiterzufahren. Stolpersteine, Zement und sein Werkzeug hat er im Auto.

Zum Abschied versichert er den angereisten Angehörigen: „Ich werde weitermachen.“