Trotz Regenwetter und grauem Himmel haben sich in Erfurt-Büßleben viele Kinder, manche in Begleitung ihrer Eltern, manche noch mit Schulranzen, am Peterbach versammelt. Denn hier befindet sich eine von ca. 43 Haltestellen der Busbibliothek Erfurt. Das Interesse ist groß – kaum öffnen sich die Bustüren, laufen Kinder in den hinteren Bereich und durchstöbern die zahlreichen Kinderbücher, die der Bus im Gepäck hat. Ganz hinten befindet sich eine Sitzbank, auf der eine Mutter Platz nimmt und ihrem Kind aus einem Bilderbuch vorliest. Der Bus füllt sich – und zeigt, wie wichtig es ist, eine mobile Medienversorgung zu haben.

Schon in den 70ern gehörte die Fahrbibliothek zum Stadtbild

Farbibliothek Erfurt
Der große Anhänger der Fahrbücherei in den 1970er Jahren auf dem Domplatz.© Stadtarchiv Erfurt | Stadtarchiv Erfurt

Die Stadtbibliothek am Domplatz und die Zweigstellen in Erfurt sind zwar wichtige Anlaufstellen für Lesebegeisterte, aber für viele Menschen aus den weiter entfernten Ortsteilen ist der Weg zu weit. Deswegen gibt es die Fahrbibliothek: Die Bücher kommen zu den Menschen. Das Bibliothekskonzept ist dabei nicht neu: Schon in den 70ern war der Bus ein fester Teil des Stadtbildes und erfreute sich einer regen Nutzung. Ganze 18.287 Bücher wurden an 1.203 Leser in einem Halbjahr verliehen, so ein Artikel aus „Das Volk“ von 1971.

Fahrbücherei Anfang der 1970er Jahre
Die Fahrbücherei auf einer Farbaufnahme, die im Rieth aufgenommen wurde.© Archiv Funke Medien Thüringen | Günther Pambor

Zehn Jahre musste Erfurt ohne Bücherbus auskommen

Trotzdem gab es ab 1982 eine lange Pause in der Geschichte der Erfurter Fahrbibliothek. Der alte H6-Sattelzug war nach vielen Touren verschlissen, für eine Neuanschaffung fehlte das Geld. 1992 ging es für den schmerzlich vermissten Bücherbus weiter, denn die Bundesländer in Ostdeutschland erhielten neue Fahrbibliotheken. So konnte wieder ein Bücherbus für die Erfurter losfahren.

Fahrbücherei Anfang der 1970er Jahre
Im Inneren des Bücher-Anhängers konnten die Kinder schon in DDR-Zeiten in den Regalen stöbern.© Archiv Funke Medien Thüringen | Günther Pambor

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Nach einer zehnjährigen Pause geht ein neuer Bus auf Tour

Am 30. November 1992 ging die neue Fahrbibliothek auf ihre erste Tour. Mit ca. 5.000 Büchern, Kassetten und Zeitschriften versorgte der Bus die Ortsteile und konnte sich in den nächsten Jahren im Erfurter Stadtbild neu etablieren. Damals wurden 29 Haltestellen regelmäßig bedient, auch bei Schulfesten war der Bus ein gern gesehener Gast. Regelmäßig stattfindende Lesungen im Inneren rundeten das Bild ab, sodass am Jubiläumstag im Jahr 1998 eine durchweg positive Bilanz gezogen wurde, wie die Thüringer Allgemeine berichtete.

Farbibliothek Erfurt
Die Fahrbibliothek in den 1990er Jahren.© Stadtarchiv Erfurt | Stadtarchiv Erfurt

Nach 2015 war auch der zweite Bus nicht mehr fahrtüchtig. Mit Fördermitteln konnte ein neuer finanziert werden, der dann ab 2016 die Bücherversorgung der Ortsteile übernahm und der auch heute noch fährt. Der Bestand hat sich vergrößert und umfasst derzeit 6.700 Medien zur Ausleihe. Auch die Art der Medien hat sich verändert. Bücher gab es natürlich schon immer, aber im neuen Bus können außerdem Hörbücher, Brettspiele, Videospiele und Tonieboxen ausgeliehen werden.

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Ein wichtiger Bücherlieferant – vor allem für Kinder und Jugendliche

Elisabeth Greil, die seit Anfang dieses Jahres für die Fahrbibliothek verantwortlich ist, freut sich über regen Zuspruch. Zur Zielgruppe gehört grundsätzlich jeder, wobei die Fahrbibliothek schon seit ihrer Entstehung eng mit Schulen und Kindergärten zusammenarbeitet und besonders für diese ein großes Angebot hat.

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Die frühen Fahrten des Busses machen Station direkt in den Kitas und Schulen, die späteren Haltestellen sind so getaktet, dass auch Senioren und Arbeitnehmer vorbeikommen können. In der kleinen Busbibliothek gibt es oftmals großen Andrang. Für die Kinder gibt es außerdem Programm: Vorlesestunden oder das japanische Erzähltheater, „Kamishibai“, das bei den Kitakindern gut ankommt.

Elisabeth Greil
Elisabeth Greil ist mit der Erfurter Fahrbibliothek in den Ortsteilen unterwegs.© Funke Medien Thüringen | Marlene Borchers

Ist ein Buch nicht im Bus zu finden, kann es bestellt werden – bei der nächsten Tour ist es dann dabei. Die Haltezeit und Haltelänge sind an die Gäste angepasst. So hält der Bus manchmal nur eine halbe Stunde, an manchen Haltestellen bleibt er fast zwei Stunden. Gerade die Schulkinder brauchen laut Greil oft mehr Zeit zur Auswahl. Da kann es auch sein, dass 100-200 Kinder pro Halt in den Bus kommen.

Mit den Erziehern und Lehrern steht die Bibliothek im steten Austausch. So können neue Haltestellen erschlossen und die Haltezeiten angepasst werden, denn jedes halbe Jahr wird ein neuer Tourenplan erstellt. Mit 55.000 Ausleihen im letzten Jahr und 30.617 Besuchern, schaut Elisabeth Greil optimistisch in die Zukunft.

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Wer einmal angefangen hat zu lesen, kann nicht mehr aufhören

Für Greil ist die Fahrbibliothek ein wichtiger Stützpfeiler der Leseförderung und Medienbildung. „Lesen und Schreiben gehören zu den Grundbausteinen der Gesellschaft“, sagt sie. In der Schule werde das Lesen gelernt, in der Bibliothek könne es aktiv umgesetzt werden. Die Kinder können hier die passenden Bücher finden und spannende neue Themen entdecken. „Wer einmal das richtige Buch gefunden hat und anfängt zu lesen, hört nicht mehr damit auf“, schwärmt Greil.

Daher sei es so wichtig, den Kindern einen Anfang zu ermöglichen. Auch digitale Angebote werden mehr, doch das Buch ersetzen werden sie nicht. „In jeglicher Hinsicht hat alles etwas mit Lesen zu tun“, sagt Greil. Auch für ein Videospiel muss man lesen können. Am Ende sei es aber wichtig, alle Medienarten kennenzulernen und einen Umgang damit zu finden.

43 Stopps in und um Erfurt

Die Fahrbibliothek hält auf seinen Touren an zahlreichen Orten halt, die keine Bibliotheks-Zweigstellen haben: Alach, Bindersleben, Bischleben, Büßleben, Daberstedt, Dittelstedt, Egstedt, Ermstedt, Frienstedt, Gispersleben, Gottstedt, Hochheim, Hochstedt, Hohenwinden, Kerspleben, Kühnhausen, Marbach, Mittelhausen, Möbisburg, Molsdorf, Niedernissa, Ringelberg, Scharnhorststraße, Schmira, Schule am Zoopark, Schwerborn, Stotternheim, Tiefthal, Töttelstädt, Urbich, Vieselbach, Waltersleben, Windischholzhausen.

Ein kleines Team sorgt für einen reibungslosen Ablauf

Obwohl der Bus das ganze Jahr über unterwegs ist, liegt die Verantwortung bei einem kleinen Team, bestehend aus drei Personen. „Wir haben mit Matthias Hegel auch nur eine Person, die den Bus fahren kann“, sagt Greil. Das sei zwar herausfordernd, funktioniere aber bisher gut. Auch mit der Pünktlichkeit nehmen es Greil und ihr Team genau: „Wir machen eine Anfahrtsprobe, bevor wir eine neue Haltestelle aufnehmen“. Danach werde die Fahrtzeit berechnet. Außerdem braucht das Team vor jedem Halt Zeit, die Bücher und anderen Medien wieder zu sortieren. Da müsse man schnell sein, damit die Bibliothek für jede Haltestelle frisch aussieht.

In Büßleben haben die Gäste es nicht eilig, die Fahrbibliothek zu verlassen. Erst, als jeder seinen Fund bei Matthias Hegel ausgeliehen hat und eine Reihe von zufriedenen Erwachsenen und strahlenden Kindern aus dem Bus strömt, schließen sich die Türen und der Bus steuert die nächste Haltestelle an.