Inschriften an Gebäuden werfen oft Fragen auf. Egal, ob in Latein verfasst oder als deutscher Sinnspruch, der Hintergrund erschließt sich oft nicht auf den ersten Blick. Bei Jahreszahlen ist das anders – so ein vorschnelles Urteil. Denn dass auch in Sachen Zahlen gut diskutiert werden kann, zeigt eine Nachfrage unseres Lesers Lutz Klingebiel.
Steinerne Zahl wirft Fragen auf
Seine Aufmerksamkeit gilt der Landespolizeidirektion in der Andreasstraße. Aktuell wird das Haus saniert und ist von einem Gerüst umsäumt. „Als alter Erfurter (80), der immer aufmerksam seine Geburtsstadt betrachtet, fiel mir [an dem] Gebäude etwas auf, was bis heute nicht verändert wurde. Im September 2024 machte ich den damaligen Verantwortlichen aufmerksam, dass die über dem Haupteingang angebrachte Jahreszahl „1949“, die die meisten Leser ggf. als Baujahr annehmen, wohl ein schlechter Witz sein soll und im Rahmen der Renovierung entfernt werden müsste, weil diese Jahreszahl nur an die Gründung der DDR erinnert.“
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NS-Symbol wurde bei Umbauarbeiten ausgetauscht

Tatsächlich wurde das imposante Verwaltungsgebäude zwischen 1937 und 1939 errichtet. Also zehn Jahre vor der großen Jahreszahl „1949“. Wie kam es also ausgerechnet zur Wahl dieser vier Ziffern? Eine Nachfrage unserer Zeitung im städtischen Bauamt bringt Klarheit: Eine größere Umgestaltung des von Wilhelm Pook entworfenen Ministeriumsbaus wurde im Jahr 1949 fertiggestellt. An gleicher Stelle hatte in den Jahren des Nationalsozialismus ein Hakenkreuz-Emblem geprangt. Der Umbau war eine dankbare Gelegenheit, in der entstehenden Lücke das Jahr der Sanierung zu würdigen.
Erfurt historisch
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Jahreszahl steht für mehr, als die DDR-Gründung
Doch das war wohl nicht der einzige Grund, sich für diese Zahl statt für das Errichtungsjahr zu entscheiden: „Es ist eine Erinnerung an das Erfurt, als es das erste Mal Landeshauptstadt sein durfte. Das wurde 1948 sehr einhellig vom Landtag Thüringens entschieden. Ein Status, der von vielen, auch Thüringern, schon seit dem Zerfall der Herzogtümer und dem „Landesgründungsgedanken“ ab 1919 angestrebt wurde“, weiß Mark Escherich zu berichten. Der Stadtdenkmalpfleger sieht darin also mehr als eine Erinnerung an die DDR-Gründung. Dass das zufällige Aufeinandertreffen des Umbaus und der Republikgründung die Zuständigen dann schlussendlich zusätzlich zur „1949“ ermutigt hat, hält er trotzdem für möglich.
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Für unseren Leser Lutz Klingebiel stellt sich die Frage: „Soll an diesem denkwürdigen, unter Denkmalschutz stehenden Gebäude für die nächsten Jahrzehnte eine Erinnerung an die DDR erhalten bleiben?“. Seine Antwort hat er schon gefunden. „Noch ist Zeit diesen Lapsus mit geringem Aufwand (das Gerüst steht noch) zu korrigieren. Man sollte vielleicht ein Landeswappen von Thüringen an diese Stelle platzieren“, schlägt er als Lösung vor.
Was denken Sie? Ändern oder beibehalten?
Wie empfinden Sie die Jahreszahl „1949“ am Gebäude der Landespolizeidirektion? Empfinden Sie eine Erinnerung an die Gründung der DDR als störend? Sind Sie für eine Änderung der Inschrift? Schreiben Sie uns Ihre Meinung mit dem Betreff „1949“ an erfurt@funkemedien.de!
Bauhistoriker Escherich hat dazu eine andere Meinung. Bauwerke und Baudenkmale sind auch Zeugen der Geschichte. Seine Beurteilung fällt sehr klar aus: „Inschriften zu tilgen und durch andere zu ersetzen, erinnert da schon fast an Urkunden(ver)fälschung.“







