Klare Formen, in denen deutlich mehr Aufbruchsgeist steckt, als es zunächst den Anschein hat – das macht für viele Menschen den Reiz von Bauhaus-Architektur aus. Auch in Erfurt gibt es einige markante Bauwerke des „Neuen Bauens“ zu sehen. Über die ganze Stadt verteilt finden sich Wohn- und Geschäftshäuser, Funktionsbauten und Villen, die dem Geist der Moderne entsprechen.

In der Erfurter Oststadt gibt es Architektur der Moderne zu sehen

Mark Escherich hat sich als promovierter Bauhistoriker viel mit diesem Teil der Erfurter Stadtbaugeschichte befasst und weist in seinem Rundgang auf die Wohnanlagen im Hanseviertel hin. In der Krämpfer- und Johannesvorstadt gibt es gleich mehrere bezeichnende Wohnblöcke, die dem Leiter der Erfurter Denkmalschutzbehörde am Herzen liegen.

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Wichtige Wohnhäuser und historische Bauwerke in Erfurt

Denkmalschutz Erfurt
Der Denkmalpfleger Mark Escherich hat sich die Bauhaus-Bauten im Erfurter Osten besonders genau angeschaut.© Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

An sieben Stationen können die spazier- oder fahrradfreudigen Erfurter ähnliche und unterschiedliche Facetten des Neuen Bauens der Blumenstadt erkunden. Viele der heute unauffällig wirkenden Häuser waren in ihrer Erbauungszeit Zeichen eines ambitionierten und innovativen Geists, die später als „Moderne“ bezeichnet wurde.

Begeisterung für Mut der Architekten

Mark Escherich findet die reduzierte Ästhetik von Hansa-Block, Hamburger Block & Co. nicht nur schön, sondern ist auch vom Aufbruch-Mut der Moderne begeistert: „Im 19. Jahrhundert hat die Architektur immer nur vorhandene Stile gesampelt – und das trotz Technikboom und Industrialisierung. Erst die Zwanziger Jahre haben einen überfälligen, völlig neuen Stil hervorgebracht!“, sagt der Denkmalpflege mit Nachdruck.

1 – Flensburger Block – Flensburger Straße

Die Vorgärten des Flensburger Blocks sind mit einer abgerundeten Backsteinmauer von der Straße getrennt.
Die Vorgärten des Flensburger Blocks sind mit einer abgerundeten Backsteinmauer von der Straße getrennt. © Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

Der Rundgang beginnt zwischen Steinplatz und Fachhochschule. Der Zuschnitt des trapezförmigen Quartiers des „Flensburger Blocks“ geht auf Otto Jacobsen, den Architekten und Mitgesellschafter der „Grundstücksgesellschaft Krämpfertor mbH” zurück. Ganze 24 Wohnhäuser wurden im Jahr 1929 in der Flensburger Straße in geschlossener Bauweise errichtet. Deshalb wurde der Komplex kurzerhand zum „Flensburger Block“. Backsteine heben sich farblich und als Material von der hellen Fassade ab und bilden „Bänder“, die den hellen Wänden einige Akzente verleihen. Den Name Jacobsen können aufmerksame Beobachter an verschiedenen Stellen des Gebäudes finden.

Eugen-Richter-Straße
Der Flensburger Block in den 1930er Jahren. © Stadtarchiv Erfurt | Stadtarchiv Erfurt

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2 – Hamburger Block – Hamburger Straße

Hamburger Block
Am Hamburger Block findet sich auch Klinker – aber deutlich weniger, als in der Flensburger Straße. © Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Nur etwa 100 Meter weiter gibt es einen ganz ähnlichen Wohnkomplex, der von Otto Jacobsen entworfen wurde. Im Gegensatz zum damals herkömmlichen Grundriss des Flensburger Blocks führte der Architekt mit dem „Hamburger Block“ erstmals Laubengänge in den Wohnungsbau in Erfurt ein. Der Block erhebt sich über einem langgestreckten u-förmigen Grundriss mit ganzen 170 Meter Länge. Die für Jacobsen bis dahin typische Fassaden-Bänderung wie beim Flensburger Blick gibt es hier nicht. Ähneln sich die beiden Blöcke sehr, zeigt sich in der Hamburger Straße doch etwas weniger Backstein in der Fassade.

In der Hamburger Straße sind noch Reste der Markierungen erhalten, die auf die Luftschutzräume des Wohnblocks verwiesen.
In der Hamburger Straße sind noch Reste der Markierungen erhalten, die auf die Luftschutzräume des Wohnblocks verwiesen.© Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger
Der Gästeführer Richard Schäfer bei einer Führung durch die Krämpfervorstadt. Die Laubengänge des Hamburger Blocks sind hier auch ein beliebter Anlaufpunkt.
Der Gästeführer Richard Schäfer bei einer Führung durch die Krämpfervorstadt. Die Laubengänge des Hamburger Blocks sind hier auch ein beliebter Anlaufpunkt. © Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

„Das Besondere beim Hamburger Block sind die Laubengänge“, betont Mark Escherich. „Neben ökonomischen Faktoren verband man den Laubengang auch mit sozialen Hoffnungen. Die gleichartige Reihung der Wohnungen konnte als hierarchisch gerecht empfunden werden“, schildert der Bauhistoriker. Im Rahmen der Denkmaltage werden sie gern bei Führungen gezeigt.

Der Blick der Denkmalpfleger

Erfurt hat viele interessante Bauwerke, die nicht in Reiseführern stehen. Unsere Zeitung hat die städtischen Denkmalpfleger gefragt, welche Gebäude, Steine und Plätze Erfurt als Stadt und vor allem einzelne Stadtquartiere besonders machen. Diese stellen wir in Beiträgen und als thematische Rundgänge zusammen und schauen, warum diese einen zweiten Blick wert sind.

3 – Hansa-Block – Eugen-Richter-Straße

Hansa-Block
Der sogenannte Hansa-Block steht zwischen Eugen-Richter-Straße, Bebelstraße und Dortmunder Straße. © Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Wer dann fünf Minuten erst der Liebknecht- und dann der Eugen-Richter-Straße folgt, kommt zum dritten Block der nördlichen Krämpfervorstadt. Der „Hansa-Block“ erstreckt sich zwischen Eugen-Richter-Straße, Bebelstraße und Dortmunder Straße. Bauherrin des schneeweißen Blocks mit dem großzügigen Innenhof war die in Hamburg ansässige Deutsche Wohnungsbau-Gesellschaft mbH „Erfurt“ (D.W.G.). Der Wohnblock entspricht mit seiner Kargheit der Auffassung des Hamburger Architekten Karl Schneider. Die enorme Flächigkeit des Blockstrangs wird lediglich von Durchfahrten und von zwei um eine Blockecke gelegten Balkonen akzentuiert.

Kleine, quadratische Fenster markieren in den einzelnen Wohngeschossen die Lage der Nebenräume. Eine „unsensible Fassadensanierung der 90er Jahre“ nahm dem Hansa-Block laut Denkmalpfleger Escherich einiges von seiner ursprünglichen architektonischen Schärfe.

Eugen-Richter-Straße
Der „Hansa-Block“ mit Blickrichtung zum Steinplatz. Hier gibt es die einzigen Balkone des Blocks.© Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

In den Treppenhäusern findet sich schon deutlich mehr Farbe. Die Aufgänge sind je nach Haus in unterschiedlichen Tönen von gelb, blau, rot und grün gestaltet.

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4 – Kühlhaus – Ladestraße

Denkmalschutz Erfurt
Das Kühlhaus versprüht nur noch wenig von dem Charme, den es in den 1930er Jahren hatte.© Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

Der nächste Punkt des Rundgangs ist eher ungewöhnlich, gehört aber trotzdem zur Architektur des Neuen Bauens. Von der Eugen-Richter-Straße aus geht es etwa 800 Meter weiter zum alten Kühlhaus. Es wurde 1930 errichtet und sollte den 1911 gebauten städtischen Schlacht- und Viehhof ergänzen. Die turmartige Stahlbetonskelettkonstruktion wurde in der Nachkriegszeit mit einer neuen Fassade versehen. Daher ist das Kühlhaus lediglich in seiner Grundform erhalten.

Kühlhaus erurt
Einst zierte sogar eine Leuchtschrift das alte Kühlhaus nahe der Schlachthofstraße.© Stadtarchiv Erfurt | Stadtarchiv Erfurt

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5 – Erwo-Block – Hallesche Straße/Dresdener Straße

Bauhaus
An der Ecke Hallesche Straße/Dresdener Straße steht noch ein erhaltener Rest des Erwo-Blocks.© Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Mit einem Weg durch die Schlachthofstraße über die Bremer Straße zum Hanseplatz kann der Spaziergänger innerhalb einer Viertelstunde gleich noch mehr Quartiere des Hanseviertels erkunden. In der Dresdener Straße finden sich noch Reste der ursprünglichen Bebauung des „Erwo-Blocks“. In 1929/30 wurden zwölf der eigentlich sogar 22 vorgesehenen Gebäude ausgeführt. Das Quartier, ursprünglich für 200 Wohnungen gedacht, blieb bis in die 50er Jahre fragmentarisch. In den frühen 1960er Jahren entstanden hier Altneubauten, die eine Kriegslücke zwischen den beiden Straßenenden füllten. Zwei der Erwo-Teilbauten sind aber noch zu sehen. Der Name Erwo steht für „Erwo Wohnungsbaugesellschaft mbH“.

ERWO Block
Einst war die gesamte Häuserzeile ein einheitlicher Block.© Theo Kellner/Felix Hinssen | Theo Kellner/Felix Hinssen

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6 – Wohnanlage Grolmannstraße

Denkmalschutz Erfurt
Die markante und fensterreiche Ecke der Wohnanlage in der Grolmannstraße.© Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

Vom Hanseplatz aus führt der Weg am leichtesten über die Hallesche Straße zu den beiden letzten Zielen des Rundgangs. An der Ecke zur Uhlworm-Straße beginnt die Grolmannstraße, die als einer der Anfänge des Massenwohnungsbaus der 1920er Jahre bezeichnet werden kann. Die Wohnanlage der „Wohngemeinschaft Erfurt GmbH“ in der Nähe des Nordbahnhofs zwischen 1926 bis 1928 und die langgestreckten Hauszeilen in der Grolmannstraße zählen dazu.

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Die Finanziers waren Hermann Bösenberg und Otto Langemann. Während dieses in der Presse häufig als „auswärtiges Unternehmertum“ bezeichnete Kaufmannsduo ständig in Hamburg firmierte, hatte sich der mit ihm assoziierte Architekt Otto Jacobsen um 1926/27 in Erfurt niedergelassen.

Auch diese Wohnanlage zeichnet sich durch gerahmte Hauseingänge mit kleinen Vordächern (ähnlich wie beim Hamburger Block) und großzügige Vorgärten aus.

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7 – Großgarage – Grolmannstraße/ Ecke Uhlworm-Straße 

Denkmalschutz Erfurt
Die Großgarage in der Grolmannstraße.© Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

Die neue Wohnanlage in der Krämpfervorstadt brachte auch mehr Automobile ins Quartier. Die „Radowitz-Großgarage“ nach Entwürfen des Erfurter Architekten Alfred Crienitz wurde allerdings schon 1925 fertiggestellt. Auch dieses Gebäude trug Kriegsschäden davon und musste 1940 wiederaufgebaut werden. Die Zufahrt führte über die Südseite des Industriebaus, der sich durch Klarheit und Funktionalität auszeichnet. Obwohl es ein reiner Zweckbau ist, haben die Baumeister dekorative Elemente in die Fassaden integriert. „Das zeigt die Auseinandersetzung der zeitgenössischen Architekten mit der neuen Arbeitsaufgabe“, so Escherich.

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Noch mehr markante Bauhaus-Orte in Erfurt

Bauhaus in Erfurt
Mehr Bauhaus in Erfurt (von links): Haus Schellhorn, DHV-Haus am Anger, Treppenhaus in der Windthorststraße und die Windthorststraße von außen.© Funke Medien Thüringen | Thomas Müller, Kathleen Kröger, Marco Schmidt, Mark Escherich

Die Bauwerke in der Oststadt sind nur einige von vielen Beispielen für Bauhaus-Moderne in Erfurt. Ein anderer Wohnungsbau aus der Zeit des Neuen Bauens findet sich in einem Eckhaus in der Windthorststraße. Größere Hingucker mit noch deutlich abgerundeten Formspielen zwischen den klaren Liniensprachen sind unter anderem am Anger zu sehen. Zum einen das Schellhornhaus in der Neuwerkstraße, aber auch das ehemalige Sanitätshaus an der Ecke Anger 81.