Von Kiliani nach Viti lässt es sich gut spazieren. Dass die Erfurter dabei auch echte Denkmalentdeckungen machen können, ist aber nicht vielen bekannt. Doch der Ortsteil am Rande des Europaplatzes hat viel zu bieten. Eine kleine Zeitreise ab dem 14. Jahrhundert bis in die späten 1960er Jahre lässt sich anhand besonderer Gebäude in Gispersleben unternehmen.
Kirchen, Obelisken und „Kunst am Bau“
„Hier gibt es viel zu sehen, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermutet“, weiß Ulrike Opel zu berichten. Die Erfurterin lebt mit ihrer Familie in Gispersleben und arbeitet in der Städtischen Denkmalbehörde in Erfurt. Daher ist sie nicht nur ortskundig und gut vernetzt, sondern hat auch Akten und Recherchematerial zu den besonderen Bauten des Ortes zur Hand.

Schon ab 1800 zählten Kiliani und Viti jeweils mehr als 80 Wohnhäuser mit über 400 Einwohnern. Das 1900 gebaute Elektrizitätswerk, dessen Ruine einem Buga-Projekt weichen musste und das sogenannte „Gefecht bei Gispersleben“ zählen zu den Dingen, die auch Erfurter kennen, die nicht alltäglich mit dem Ortsteil zu tun haben.
An sieben Stationen können die spazier- oder fahrradfreudigen Erfurter ganz unterschiedliche Epochenmarken in Gispersleben erkunden. Nicht nur die in der Erbauungszeit 600 Jahre auseinanderliegenden Kirchen tragen einen Teil zur Erzählung des Ortsteils bei, sondern auch einer der letzten Obelisken Erfurts.
1 – Kamenzer Straße 9


Das reich verzierte Haus in der Kamenzer Straße Nummer 9 ist der Startpunkt des Rundgangs. Gebaut wurde es 1901, die Fassade aus dieser Zeit ist erhalten. Roter Sandstein mit Ornamenten, Blumenmotiven und die Fachwerkausführung im Obergeschoss stehen für Ulrike Opel für die Wohnarchitektur des Jugendstils. „Es sind Details des Heimatstils, wie er für die Erfurter Baulandschaft der Jahrhundertwende typisch ist“, sagt sie. Die Geschäftsfläche des heutigen Wohnhauses diente schon vielen Zwecken. Friseurladen, Büro sind nur einige davon. Bevor auch in den oberen Etagen Gisperslebener Familien einzogen, wurde das Gebäude laut Recherche von Ulrike Opel als Kleinstkinderheim genutzt.
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2 – Obelisk

Nur drei Minuten Fußweg entfernt liegt der zweite Punkt des Rundgangs. Der Amtmann-Kästner-Platz spielt für die Ortsgeschichte eine besondere Rolle. Sein Name geht auf Wilhelm Christoph Kästner zurück, der das damals ärmliche Dorf zu einer florierenden Gemeinde machte. Ein eigenes Denkmal hat Kästner nicht, aber der Obelisk auf dem Platz kann als solches verstanden werden. „Eigentlich ist er auch ein Brunnen“, weiß die Gisperslebenerin zu berichten. Ein Rohr, das aus dem Inneren der Steinsäule herausragt, spricht dafür. Schon in einem alten Zeitungsartikel heißt es, dass der Wasserfluss wieder in Gang gebracht werden sollte. Vielleicht ein Projekt, das auch für die heute aktiven Denkmalpfleger und Restauratoren zum Ziel werden könnte.
Der Blick der Denkmalpfleger
Erfurt hat viele interessante Bauwerke, die nicht in Reiseführern stehen. Unsere Zeitung hat die städtischen Denkmalpfleger gefragt, welche Gebäude, Steine und Plätze Erfurt als Stadt und vor allem einzelne Stadtquartiere besonders machen. Diese stellen wir in Beiträgen und als thematische Rundgänge zusammen und schauen, warum diese einen zweiten Blick wert sind.
3 – Wohnhaus von Amtmann Kästner


Schon in Sichtweite des Obelisken steht das Amtmann-Kästner-Haus. In klassizistisch-ländlicher Baugestalt zählt es zu den markanten Häusern des nördlichen Dorfplatzes. Der verputzte Fachwerkbau wurde 1806 errichtet – für den besagten Bürgermeister Wilhelm Christoph Kästner. In 2022 wurde das Gebäude aufwendig saniert und war einer der Dreh- und Angelpunkte der damaligen Erfurter Denkmaltage.

4 – Jubelnde Figurengruppe an der Grundschule 20


Auch „Kunst am Bau“ ist im Ortsteil zu finden. Genauer gesagt ein Figurenpaar, das seit 1969 an der Grundschule in der Gubener Straße freundlich auf die Schüler schaut. Ganze drei Meter misst das Betonrelief des Künstlers Eberhard Heilands, der auch die Figuren des alten Brunnens der Völkerfreundschaft im Rieth geschaffen hatte. „In einer Notiz heißt es, dass das Bildnis ein Mädchen und einen Jungen nach dem erfolgreichen Abschluss der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule zeigt. Die hochgerissenen Arme der beiden sollen das Paar als jubelnd zeigen“, wie Ulrike Opel mit einem Schmunzeln sagt.
Während der Sanierung der Schule wurde das Wandbild gesichert und farblich wiederhergestellt. Eine Umsetzung, die nicht selbstverständlich ist. Aufmerksamkeit bekam das jubelnde Schülerpaar vor allem, als im Jahr 2021 eine Flaschenpost entdeckt wurde. In dieser war ein Zettel bewahrt, auf dem Eberhard Heiland „dieses wundervolle volksrealistische Nahkunstdingsbums“ samt dem Aufwand, genügend Zement dafür zusammenzubekommen, beschrieben hat.
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5 – Evangelische Kirche St. Viti

Die Gubener Straße entlang ist es nur ein kurzer Fußweg zur Kirche St. Viti. Die evangelische Gemeinde wurde bereits 1319 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. „Ein Rundgang ohne Viti ist einfach nicht möglich, dafür ist sie zu wichtig“, sagt Ulrike Opel, die die wenigen Dinge, die sie noch nicht über das Gotteshaus wusste, nachgeschlagen hat. Im Jahr 1726 erstmals umgebaut, bekam die Vituskirche 1790 eine Kummer-Orgel aus Dachwig. Auch ein achtseitiger Taufstein von 1611 und ein barocker Kanzelaltar gehören zur Ausstattung des Hauses. Mittlerweile liegen die Gemeinden von Viti und Kiliani zusammen.
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6 – Pforte in der Ringstraße 19

Nur ein paar Schritte Richtung Süden findet sich ein Ort des Rundgangs, der vielen Passanten in der Ringstraße auffällt. Inmitten der sonst recht modernen Fassaden rückt ein kleines Mauerstück besonders in die Aufmerksamkeit. Inmitten eines Mauerrests findet sich eine alte Pforte mit imposanter Krone und Initialen über dem Portal. Das Mauerstück grenzt an das nebenstehende größere Haus an. Das Wort „Patina“ für die Holztür ist beinahe untertrieben. Wer genau hinschaut, sieht, dass jemand mit praktischer Veranlagung zu DDR-Zeiten einen Briefschlitz in dem historischen Objekt installiert hat. Eine weitere Besonderheit: Die Bruchmauer, deren originale Ausmaße unklar sind, hat zum Schutz ein kleines Dach bekommen. Die Pforte wird laut Ulrike Opel auf 1770 datiert.
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7 – Römisch-katholische Filialkirche St. Antonius von Padua

Kiliani und Viti sind vielen Erfurtern ein Begriff. Doch viele wissen nicht, dass es mit der Kirche St. Antonius von Padua noch ein weiteres Gotteshaus in Gispersleben gibt. In der Neustrelitzer Straße liegt die katholische Kirche und damit der letzte Punkt des Rundgangs. Gebaut wurde sie 1955 und ist damit ein nicht oft zu findendes Beispiel von DDR-Kirchenarchitektur. „Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hat es hier keine katholische Kirche gegeben. Erst mit dem Zuzug zahlreicher Flüchtlinge und Vertriebener kamen Wunsch und Bedarf zusammen“, weiß Ulrike Opel.

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Ihr hat es besonders das runde Kirchenfenster im Altarraum angetan, das 1961 vom Halleschen Künstler Ulrich Bewersdorf geschaffen wurde, und in abstrakter Form die Schöpfung thematisiert. Auch das eigens gestaltete Altarkreuz korrespondiert mit dem Fenster. Im Jahr 2014 wurden Innenraum und Kirchturm saniert. Seit Sommer 2023 ist der Zugang zu St. Antonius barrierefrei.







