Die Turmreiche, so wird Erfurt oft genannt. Die größtenteils gotischen Glocken- und Kirchtürme prägen das Stadtpanorama. „Aber es gibt noch viele andere spannende Türme, die auch Aufmerksamkeit verdienen“, meint Lew Ludwig. Der Erfurter schaut als Denkmalpfleger mit einem besonderen Blick auf die alten und neuen Bauwerke der Landeshauptstadt.
Welche Türme bleiben in Erfurts Stadtbild erhalten?

Aus vorerst sieben nachgefragten besonderen Türmen wurden kurzerhand sogar zehn aussichtsreiche Bauwerke, die ihm und seinem Kollegen, dem Bauhistoriker Mark Escherich, eingefallen sind. Darunter sind neben dem auffälligen Schlachthofturm oder dem Uhrenturm im Rieth auch Objekte, die selbst ortskundigen Blumenstädtern nicht sofort einfallen. Einige davon sollten schon im Entstehen verhindert werden, wieder andere gibt es nach Aktenlage eigentlich überhaupt nicht – und sie existieren dennoch. So gibt es selbst bei den modernen Türmen Erfurts noch Rätsel zu lösen.
„Spannend ist, welche Funktionen sie hatten. Das sieht man oft nicht auf den ersten Blick und muss nachforschen“, so Ludwig. Mit dem Königlichen Salzbergwerk in der Saline ist auch ein Turm dabei, der bei den Denkmaltagen eine Rolle spielt. Der Feuerwehrturm im Bahnhofsviertel und der zum Abriss verurteilte Wasserturm des alten Schlachthofs rückten zuletzt in einer Ausstellung im Stadtmuseum in den Fokus. Hier gilt der Blick natürlich auch der Zukunft: Bleiben diese Ortsmarken Teil des Stadtbilds oder müssen einige der oft funktionslos gewordenen Bauten doch irgendwann weichen?
Wir haben zehn Türme der Moderne in Erfurt zusammengestellt und recherchiert, welche Bedeutung sie eigentlich haben:
Der Post-Turm auf dem Anger

Die Hauptpost auf dem Anger wurde 1885 im neugotischen Stil errichtet. Der Turm ist 17 Meter hoch. Neben dem Hauptbahnhof zählt die Post als größter Neubau ihrer Zeit. Der Eckturm an sich hat jedoch keine Funktion, außer die technische Anlage der Telegraphenanstalt schick zu kaschieren. Die Nachforschungen des Bauhistorikers Clemens Peterseim legen sogar offen, dass er eigentlich gar nicht hätte gebaut werden sollen. Seitdem er aber steht, ist er der erste Blickpunkt für alle Touristen, die aus der Bahnhofstraße auf den Anger treten, um die Altstadt kennenzulernen.

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Der Uhrenturm am Hauptbahnhof

Wohl jeder Erfurter kennt den markanten Uhrenturm am Bahnhofsplatz. Aber nur wenige wissen, dass es sich hierbei um den Turm des ersten Erfurter Hauptbahnhofs handelt. Im Jahr 1847 eröffnet, diente das Gebäude allerdings nur kurz als Empfangsgebäude. Schon nach wenigen Jahren wurde klar, dass Erfurt als Verkehrsknotenpunkt schnell an Bedeutung gewinnt. 1890 wurde der neue Hauptbahnhof errichtet, der seine Funktion bis heute behalten hat. Das alte Haus samt Turm wurde danach als Sitz der Reichsbahndirektion genutzt.


Der mysteriöse Uhrenturm in der Hans-Loch-Straße 13/14

Türme, die an allen vier Seiten eine Uhr haben, sind normalerweise besonderen Gebäuden vorbehalten. Schulen, Rathäuser oder auch Postämter. Doch warum ausgerechnet ein Wohnhaus in der Hans-Loch-Straße in Daberstedt ein solches Türmchen bekommen hat, ist selbst der Erfurter Denkmalbehörde unbekannt. Lew Ludwig und Mark Escherich haben dazu im Bauaktenarchiv geschaut und eine Menge herausgefunden – außer die Herkunft des Turms.
Fest steht anhand der Recherche aber, dass das Haus 1895 von der „Baugenossenschaft für die Beamten und Arbeiter der Staats- und Kommunalverwaltungen“ erbaut wurde. Das mysteriöse Türmchen muss laut Denkmalpflegern ein Schwarzbau sein, den man der Baupolizeibehörde verheimlicht hat – denn die Bauzeichnungen zeigen das Dach ohne Turm.
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Der Uhrenturm im Rieth (Vilniuspassage)

Das Wahrzeichen des ab 1969 angelegten Rieths ist der Uhrenturm an der ehemaligen Bibliothek. Wahlweise Uhren- oder auch Glockenturm genannt, ragt das frei stehende DDR-Bauwerk über das Wohngebietszentrum heraus. Bis das Glockenspiel über die Jahre kaputtging, spielte es eine eigens komponierte Melodie, die von vielen Anwohnern als „Hymne des Rieths“ verstanden wurde. Lange war der Turm dem Verfall preisgegeben. In den vergangenen Jahren hat sich hier viel getan: Die Uhr wurde repariert und der Uhrenturm lebt als Emblem der neu gegründeten Plattenstufenfestspiele wieder auf. Erst im Sommer 2025 wurde sein Farbanstrich grundlegend erneuert.

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Der Malakoffturm der Saline (Salinenstraße 89)

Eine besonders markante Bauart von (Bergwerks-)Fördertürmen sind die sogenannten „Malakofftürme“ (nach einer Festung in Sewastopol benannt). Sie unterscheiden sich von den üblichen Stahlfördergerüsten durch ihre festungsähnliche Architektur mit manchmal mehrere Meter dickem Mauerwerk. In 1856/57 entstand ein solcher Turm als eines der ersten Bauwerke des königlichen Steinsalzbergwerkes in Ilversgehofen. Dieses ging auf Bestrebungen aus den 1840er Jahren zurück, die Steinsalzvorkommen im Johannesfeld bergmännisch abzubauen.
In Folge von Havarien und vor allem nachlassender Ausbeute wurde das Bergwerk 1916 stillgelegt. Das Unternehmen der Gummiherstellung erlebte schließlich mit kriegswichtiger Produktion im Zweiten Weltkrieg einen Aufschwung, wurde aber 1951 enteignet. Danach dienten der Turm und die Nachbargebäude der volkseigenen Deutschen Handelszentrale „Steine Erden Baustoffe“ und deren Nachfolgeunternehmen. Pflege und Instandhaltung, die bis dahin auf einem Mindestmaß stattfand, finden seit Jahrzehnten gar nicht mehr statt. Einst Symbol industrieller Stärke und Innovation, wird der Turm immer mehr zu einem stillen Mahnmal vergangener Zeiten und der Vergänglichkeit – „und eine Herausforderung für zukünftige Nutzungsideen und -konzepte“, wie Mark Escherich sagt.

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→ Der Turm kann am 14. September jeweils 13 und 14 Uhr im Rahmen der Denkmaltage besichtigt werden. Anmeldung erforderlich unter denkmaltage@erfurt.de bis zum 12. September.
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Der Verkehrsturm in der Magdeburger Allee (eigentlich Anger)

Viele Erfurter erinnern sich an den wohl kleinsten Turm der Stadt, der einst auf dem Anger half, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Verkehrskanzel ist fünf Meter hoch und mit einer Kabine ausgestattet. Ein Verkehrspolizist hatte hier die beste Übersicht über die Kreuzung der Bahnhof- und Schlösserstraße. Das war auch notwendig, da neben der Straßenbahn auch Autos und O-Busse über den Anger fuhren. Weil sich das ab den 1970ern änderte, wurde der Turm nicht mehr gebraucht und zeitweise an die Autobahn versetzt. Erst 1996 wurde er demontiert, frisch gemacht und am Stadtbahn-Betriebshof in der Magdeburger Allee als Schaustück wieder aufgestellt.
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Der Wasserturm vom alten Schlachthof (Greifswalder Straße)

Im Jahr 1913 wurde der damals modernste und größte Schlachthof Thüringens in Erfurt eröffnet und in Betrieb genommen. Das markante Merkmal des Schlachthofs war der 35 Meter hohe Wasserturm. Dieser war nicht nur ein weithin sichtbares Symbol des industriellen Fortschritts, sondern spielte in erster Linie eine entscheidende Rolle in der internen Wasserversorgung. Der Turm – ursprünglich in traditionalistischer Architekturgestaltung mit ziegelgedecktem Dach – wurde in den 1970er Jahren (ost-)modernistisch umgebaut und mit einer Art Wellblechhaube versehen.

Allerdings muss man sich beeilen, sehen kann man den Stahlkopf-Turm nicht mehr lange. Derzeit (September 2025) steht der Abriss der Landmarke bevor. Warum das markante Bauwerk nicht in das entstehende neue Wohnquartier integriert wird, versteht nicht jeder. „Er hätte als charaktervolles Aushängeschild des neuen Stadtteils dienen können“, meint Lew Ludwig.
Der Blick der Denkmalpfleger
Erfurt hat viele interessante Bauwerke, die nicht in Reiseführern stehen. Unsere Zeitung hat die städtischen Denkmalpfleger gefragt, welche Gebäude, Steine und Plätze Erfurt als Stadt und vor allem einzelne Stadtquartiere besonders machen. Diese stellen wir in Beiträgen und als thematische Rundgänge zusammen und schauen, warum diese einen zweiten Blick wert sind.
Der Wasserturm am Güterbahnhof (Am Wasserturm 1)

Ganze 500 Kubikmeter Wasser kann der im Jahr 1922 am Güterbahnhof errichtete Wasserturm fassen. Es ist ein kugelförmiger Behälter aus Stahlblech, wie er bei Bahnwassertürmen oft verwendet wurde. Der Behälter liegt auf einem Ring aus Eisenbeton, der von einem Kranz aus Ziegelpfeilern gestützt wird. Der Turm wird immer noch genutzt und dient der Versorgung des Bahnbetriebswerks. Gleichzeitig ist das Bauwerk ein exponiertes Zeugnis der städtischen Verkehrs- und Technikgeschichte. Dennoch sei laut Lew Ludwig nicht sicher, ob der Turm erhalten bleibt, wenn er irgendwann nicht mehr gebraucht wird.
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Der Bismarckturm im Steiger

Auch der Steigerwald hat einen Turm zu bieten. Seit 1901 steht ein 22 Meter hoher Bismarckturm am Tannenwäldchen, der nach dem Entwurf „Götterdämmerung“ von Wilhelm Kreis gestaltet wurde. Mittels zahlreicher Spenden durch einen Verein errichtet, diente er jahrzehntelang als Aussichtsturm. Später wurde neben dem Turm ein Ausflugslokal errichtet. In der DDR-Zeit wurde der Name Bismarcks getilgt und das Bauwerk zum „Friedensturm“. Augenscheinlich in guten Zustand, ist der Turm aber seit Jahren gesperrt. Der 1999 gegründete Bismarckturm-Verein kümmert sich um das Denkmal und versucht, die Mittel für eine Sanierung zu sammeln. Den Turm gibt es in Deutschland übrigens mehrfach: Baugleiche Bauwerke gibt es auch in Landstuhl und Wuppertal.
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Der Feuerwehrturm der alten Bahnwerkstätten

Zu den zahlreichen Nebengebäuden der Werkstatt-Hallen in der Thomasstraße gehörte schon früh ein „Wasserhaus“ für die Absicherung des Werkstättenbetriebs und die Versorgung der Dampflokomotiven. Ein regelrechter Wasserturm wurde um 1897 als Ziegelbau errichtet. Doch der Turm verlor zunehmend an Wichtigkeit. Hinzu kam, dass er im Zuge von Bombardierungen des Bahnhofsbereiches stark beschädigt wurde. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zu einem Feuerwehrschlauchturm umgebaut und bekam seine heutige Gestalt mit dem verjüngten oberen Turmschaft. Die Nutzung des Turmes endete, wie die des ganzen Geländes, Mitte der 1990er Jahre.
Auch um diesen Turm müssen sich die Erfurter keine Sorgen machen. Zwar gibt es Ideen der LEG Thüringen, den Turm eventuell als Klettermöglichkeit für den Alpinverein zu nutzen, doch ist laut Denkmalpflegern erstmal sicher, dass er langfristig auf dem Gelände erhalten bleibt.
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→ Das Bahnhallengelände in der Thomasstraße ist Teil der Denkmaltage. Am Donnerstag, 11. September, wird es eine Ausstellung mit Entwürfen (ab 16 Uhr) und eine Führung über das Gelände geben (17.30 Uhr). Beim „Tankstellen-Treff“ um 19.30 Uhr kommen ehemalige Werktätige des Geländes, Kulturakteure und Vertreter der LEG mit Lew Ludwig und Mark Escherich ins Gespräch.












