Uschi Brüning, Günter „Baby“ Sommer und Konrad Bauer. Auch wenn man zu Zeiten des Eisernen Vorhangs eher weniger dick auftrug, diese drei Namen stehen für Superstars der deutschen Musikszene. In diesem Jahr kommen sie für Konzerte nach Erfurt und mit ihnen zu weiteren Terminen Musiker aus Polen und der Tschechoslowakei.
Nach Armstrong-Reihe nun ein Blick nach Osten
Christopher Forlini, amerikanischer Jazz-Enthusiast und Dozent an der Erfurter Universität, lässt die Idee nicht los, außergewöhnliche Konzerte mit kleinen geschichtlichen Exkursionen zu verbinden. Nach seiner Louis-Armstrong-Reihe im vorigen Jahr nun also „Jazz hinter dem Eisernen Vorhang“.
Größen des Jazz für Konzerte gewonnen
„Die Musiker waren sehr angetan von der Idee, der Reihe einen besonderen Rahmen zu geben“, sagt Christopher Forlini über seine Gespräche mit der Ausnahmesängerin Uschi Brüning und dem weltbekannten (Free)-Jazz-Perkussionisten „Baby“ Sommer. So sei es nicht schwierig gewesen, namhafte Größen der früheren DDR-Musikszene zu gewinnen.
Auch interessant
Die DDR-Jazzszene zu beleuchten, das wiederum wäre kein so neuer Ansatz gewesen, meint der Dozent, der maßgeblich das „Erfurt Jazz Project“ mit Ideen und Leben erfüllt. Spannend hingegen, eine vergleichende Perspektive zwischen den Ländern zu suchen. Diese „Forschung“ soll live geschehen. Denn einführend zu den Konzerten seien die Auftretenden gewonnen worden, sich kurzen Fragerunden zu stellen. Welche Rolle spielte der Jazz bei der Jugendkultur? War die nicht immer harmonische Musik eine favorisierte Nische abseits vom musikalischen Mainstream von Schlager, Pop und „Ostrock“?
Besonderer Fixpunkt in der Geschichte Tschechiens
In der Tschechoslowakei gab es den Prager Frühling als markanten Punkt der Nachkriegsentwicklung. Brachte er auch einen Bruch beim Jazz? Mit Martin Kratochvil und Jazz Q (2. Juli) sowie Emil Viklicky und Jiri Stivin (10. November) soll dieser Frage nachgegangen werden. Der Trompeter und Wegbereiter des Bebop in der ČSSR, Laco Deczi, gibt mit seiner Band „Celula“ einen noch östlicheren Blick auf das Thema und natürlich ein Konzert.
Polen war und ist Jazz-Land
Dass Jazz und Polen eine besondere Konstellation ergeben, weiß auch Uwe Zeigerer vom Jazzklub Erfurt, der neben dem Verein Kuno (Kunst im Norden) also Kooperationspartner dabei ist. „Der Jazz hatte in unserem Nachbarland einen hohen Stellenwert, vielleicht auch durch das ‚Warszawa Jazz Jamboree‘, bei dem meist auch amerikanische Musiker auftraten.“ Noch heute seien, wie auch Forlini aus eigener Erfahrung berichtet, in Warschau Jazzkonzerte mit mehreren Hundert, größtenteils jungen Besucherinnen und Besuchern zu erleben.
Stars der internationalen Jazz-Szene
Diese anhaltende Popularität kam den Organisatoren der Konzert-Reihe denn auch in die Quere. Die Sängerin Urszula Dusziak, die erst im Herbst eine neue Platte vorlegte, rief eine Gage auf, bei der die Erfurter passen mussten. Doppelt tragisch: Michał Urbaniak, Jazz-Mulitinstrumentalist, der unter anderm auf dem berühmten Album „Tutu“ von Miles Davis als Gastmusiker und mit großem Erfolg schon 1971 beim Montreux-Jazz Festival auftrat, verstarb im Dezember im Alter von 82 Jahren. „Ihn hätte ich so gern einmal erlebt“, sagen Forlini und Zeigerer unisono über den meist in New York lebenden Star der internationalen Jazzszene.
Konzertreihe „Jazz hinter dem Eisernen Vorhang“
- Uschi Brüning (14. April, Rathausfestsaal)
- Laco Deczi Celula (26. Mai), Haus Dacheröden)
- Martin Kratochvil und Jazz Q (2. Juli, Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße)
- Konrad Bauer (27. Oktober, Kaufmannskirche)
- Emil Viklicky und Jiri Stivin (10. November, n.n.)
- Vladyslav Sendecki und Günter Sommer (24. November, Rathausfestsaal)
Dass polnische Künstler und später auch die DDR-Musiker in den Westen reisen konnten, sollte laut Christopher Forlini nicht automatisch die Frage beantworten, ob und wie eingeschränkt der Zugang zu aktuellen Entwicklungen des Jazz jenseits des Eisernen Vorhangs war. Das Radio blieb den ostdeutschen Fans, die so zum kleinen Teil mitbekamen, was amerikanische Jazz-Größen in der Bundesrepublik auf die Bühne brachten. In Polen war man hingegen offener für Gastspiele, eben beim Warschauer Jazz-Festival. Aber woher nahmen die Protagonisten ihre Inspiration, was bedeutete die vermeintliche Abgeschiedenheit?

Die Reihe „Jazz hinter dem Eisernen Vorhang“ startet mit dem Konzert der Grand Dame des deutschen Jazz, Uschi Brüning, im Rathausfestsaal. Sie endet an gleicher Stelle mit einer Weltpremiere, nämlich dem ersten gemeinsamen Konzert von „Baby“ Sommer mit dem polnischen Pianisten Vladyslav Sendecki. Karten für den Auftakt gibt es über die Internetseite des Vereins Kuno Erfurt.




