
Heute hat Erfurt noch zwei Kinos: Das Cinestar im F1 für den klassischen Zuschauer, der am gängigen Filmprogramm interessiert ist, und den Kinoklub am Hirschlachufer, der für ausgesuchte Produktionen steht, die auch ein Nischenpublikum ansprechen. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Landeshauptstadt viel mehr Lichtspielhäuser im Stadtplan verzeichnete. Gab es zur DDR-Zeiten fünf Kinos (das einzig überlebende ist der Kinoklub) in der Stadt, waren es zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar noch mehr.
Wir haben die bekanntesten Filmtheater in Erfurt zusammengestellt. Vielleicht erinnern Sie sich an das ein oder andere:
Anger-Filmpalast am Anger

1920 erwarb Julius Ritter in Erfurt den Gebäudekomplex und baute den Festsaal zum Anger-Theater mit 900 Plätzen aus, 1924 wurde es auf 1000 erweitert.
In der DDR hieß es Anger-Theater bzw. Kino am Anger. Nach der Wende entstanden im Vorderhaus Geschäfte; 1991 gründete man eine Filmtheater GmbH. Unter Kieft wurde der Anger Filmpalast zu sieben Sälen mit 1295 Plätzen ausgebaut, bis er 2001 nach Eröffnung des Cinestar-Multiplex geschlossen wurde.
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Union-Kino am Ilversgehofener Platz

Das Unionkino wurde von Karl Liebrich gebaut, der bereits mehrere große Kinos in Erfurt besaß und gemeinsam mit Gustav Schneider auch drei Kinos in Weimar betrieb.
Neu war vor allem der Standort im industriell geprägten Arbeiterstadtteil Ilversgehofen sowie die moderne, expressionistische Architektur des Architekten Carl Fugmann, die Einflüsse aus den Niederlanden und dem Bauhaus zeigte. Der Bau begann 1928, eröffnet wurde das Kino noch im selben Jahr mit über 900 Sitzplätzen und dem Spitznamen „Unne“. In der DDR hieß es „Theater der Jugend“. Nach der Wende wurde es verkauft, 1998 abgerissen und das Gelände ab 2019 neu bebaut.
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Panorama-Palast/UFA-Kino in der Bahnhofstraße

Der UFA-Palast wurde 1931 eröffnet und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Kinos der Stadt.
Nach Kriegszerstörung 1945 wurde das Kino wieder aufgebaut und später als „Panorama“ betrieben. 1995 eröffnete es nach großem Umbau erneut als Multiplexkino mit neun Sälen. Konkurrenz durch neue Kinos und wirtschaftliche Probleme führten schließlich 2006 zur Schließung nach rund 75 Jahren Kinogeschichte.
Alhambra in der Johannesstraße

1922 beantragten Unternehmer Karl Liebrich und Architekt Max Bischoff den Bau eines großen Kinos in der Johannesstraße.
Nach Überarbeitung durch Karl Zöll wurde das „Alhambra“ 1924 eröffnet und galt als größtes Theater Thüringens. In der DDR hieß es Alhambra-Lichtspiele, später Alhambra-Theater. Nach 1991 wurde es in zwei Säle geteilt. 1997 verkaufte man das Gebäude; es wurde bis auf die Fassade abgerissen und durch ein Büro- und Geschäftshaus ersetzt.
Erfurt historisch
Die Thüringer Landeshauptstadt hat eine bunte Geschichte. Das Mittelalter, die Zeit der Festung und die Moderne haben Spuren in Erfurt hinterlassen, die wir für unsere Leser entdecken. Hier lesen Sie mehr.
Frühe Erfurter Kinogeschichte:
Aber auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Lichtspiel-Kultur in Erfurt ein großes Thema. Anders als später mit dem Bau pompöser Kino-Bauten sichtbar, war das gemeinsame Filmschauen um 1910 bis in die 1930er-Jahre anders strukturiert: Kleine und große Räume, oft Cafés oder Gaststätten, bauten eine Leinwand auf und spielten Filme ab. So lässt sich sagen, dass es in den Goldenen Zwanzigern unzählige Orte gab, die sich als Kino bezeichnen lassen würden, aber eigentlich keine waren.
Da Filmtheater aber an Popularität gewannen, gab es nach und nach die ersten Häuser, die sich mit „Apollo“, „Central“ oder „Kolosseum“ nicht nur Namen gaben, die klassischen Kino-Häusern entsprachen – sondern die ersten reinen Lichtspielhäuser tauchten in ihrer reinen Kino-Funktion auf den Programmlisten Erfurts auf:
Karthause in der Kartäuserstraße

Das Restaurant zur Karthause galt bereits um 1884 als empfehlenswertes Lokal. Ab etwa 1907 entwickelte es sich als „Gundermanns Gesellschaftshaus Karthause“ zu einem beliebten Sommer- und Winteretablissement mit Bällen, Konzerten und Liederabenden.
Ein großer Garten, Säle, Billardzimmer, Kegelbahnen und Vereinsräume standen den Gästen zur Verfügung. Hochwertige Speisen wie Austern, Beluga-Kaviar und Hummer wurden angeboten. 1911 eröffnete im Ballsaal zudem der „Grand Kinematograph Karthause“, in dem Stummfilme während oder nach Konzerten gezeigt wurden. Trotz Werbung in Zeitungen fehlen Hinweise auf das Kino in den Erfurter Adressbüchern von 1907 bis 1914, und sein späteres Schicksal ist unklar.
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Das Kolosseum in der Krämpferstraße

1909 ließen die Bauunternehmer Albert Wagner und Alfred Seegel im Erfurter Stadtzentrum an der Ecke Krämpferstraße/Fleischgasse ein viergeschossiges Wohn- und Geschäftshaus errichten.
Im Erdgeschoss entstand das Kino Kolosseum, ein Kinematographentheater mit etwa 266 Sitzplätzen. Durch seine zentrale Lage nahe der Angerpassage zog es viele Besucher an und es galt bis etwa 1911 als größtes Kino der Stadt. Das Theater zeigte regelmäßig wechselnde Filmprogramme, meist zweimal pro Woche, begleitet von Live-Musik eines Ensembles oder einer Kapelle. Vorstellungen fanden auch für Jugendliche statt. Zeitungen bezeichneten das Kolosseum als besonders angenehmes und gut besuchtes Lichtspielhaus. Neben Dramen, Detektivgeschichten und Komödien liefen auch historische und patriotische Filme, besonders während des Ersten Weltkriegs. Das Kino bestand bis etwa 1923 nahe dem Anger, bevor das Gebäude später abgerissen wurde.
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Union-Theater in der Michaelisstraße

Das Union-Theater entstand 1911 im neu erbauten Haus „Zum Rosenbaum“ in der Michaelisstraße in Erfurt. Im Erdgeschoss richtete Schlossermeister Heinrich Eckhardt ein Kino mit etwa 186 Sitzplätzen ein.
Der Saal war modern ausgestattet, mit guter Belüftung, getrennten Toiletten und mehreren Notausgängen. Das Kino warb mit angenehmer Atmosphäre und französischer Salonmusik als Begleitung der Filme. Die Vorstellungen liefen meist nachmittags und abends und zeigten abwechslungsreiche Stummfilme. Trotz Werbung und Kooperation mit anderen Kinos blieb seine Wirkung offenbar begrenzt. Bereits 1915 wurde das Union-Theater geschlossen und die Räume wurden anschließend gewerblich genutzt.
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Central-Theater in der Magdeburger Allee

Das Centraltheater entstand 1908 im Erfurter Stadtteil Ilversgehofen als Anbau an die Gaststätte „Schweizer Halle“. Das kleine Hinterhofkino lag hinter der Magdeburger Straße und war nur über einen Hof erreichbar.
Es entstand in einer Zeit, in der sich Erfurt-Nord durch Industrie und neue Wohnsiedlungen stark entwickelte und man auf zusätzliche Kinobesucher hoffte. Der einfache Kinosaal war mit der Gaststätte verbunden; Garderobe, Toiletten sowie Speisen und Getränke befanden sich dort. Über Programme oder Ereignisse ist kaum etwas bekannt. Nach nur etwa fünf Jahren wurde das Kino um 1912/13 geschlossen und in Gaststuben umgewandelt.
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Central-Theater/Maxim Theater am Domplatz

Das Central-Theater eröffnete am 24. November 1906 im Erdgeschoss des Hauses „Zur großen roten Flasche“ am Friedrich-Wilhelms-Platz in Erfurt. Es gehörte zu den ersten festen Kinos der Stadt und bot etwa 112 Sitzplätze.
Die Besucher sahen kurze Stummfilme, die von Musik – etwa einem elektrischen Klavier – begleitet und von einem Erklärer kommentiert wurden. Das Programm wechselte regelmäßig und zeigte historische Stoffe, Dramen und internationale Produktionen. 1911 wurde das Kino nach einer Renovierung in Maxim-Theater umbenannt. Es bestand nur wenige Jahre und wurde laut Adressbüchern spätestens 1913 geschlossen, vermutlich im Zuge wirtschaftlicher Probleme vieler früher Kinos.
Scherffsches Bioskop-Theater am Fischmarkt

Am Fischmarkt 11 in Erfurt entstand 1907 eines der frühen Ladenkinos der Stadt: das von Theodor Scherff gegründete Bioskop-Theater. Zuvor hatte Scherff bereits Filmvorführungen in Erfurter Sälen organisiert.
Das Kino wurde zunächst klein gebaut, 1908 jedoch auf etwa 240 Sitzplätze erweitert. Die zentrale Lage am Fischmarkt brachte viele Besucher, führte aber auch zu strengen Auflagen, etwa gegen auffällige Reklame. Das Programm umfasste historische Dramen, internationale Produktionen, Detektivgeschichten, Naturfilme und Wochenschauen. Während des Ersten Weltkriegs dominierten patriotische Kriegsfilme. Das Kino bestand noch bis in die frühen 1920er-Jahre, bevor es vermutlich wegen Konkurrenz anderer Kinos schließen musste.
Apollo-Theater am Anger

Das Apollo-Theater entstand 1908 im Erdgeschoss des Hauses „Zum kleinen Schwanentreiber“ im Erfurter Altstadtzentrum. Der Hauseigentümer Carl Sommer ließ dort einen etwa 24,5 Meter langen Kinosaal mit rund 220 Klappsitzen einrichten.
Das Kino war technisch modern ausgestattet, unter anderem mit Gasheizung, Elektroanlage und einem Foyer zur Straße. Auffällig war ein fest angestellter Türsteher in Livree, der den Publikumsverkehr regelte. Das Programm wurde musikalisch begleitet, etwa von einem Künstlerquartett oder Pianisten. 1920 übernahm der Kinobetreiber Karl Krause das Apollo-Theater, renovierte es und warb mit dem Slogan „Apollo-Theater im Herzen der Stadt“. In dieser Zeit erzielten besonders Filmdramen mit erotischen Themen große Aufmerksamkeit und Publikumserfolg.
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Edison-Theater in der Löberstraße

Das Edison-Filmtheater wurde 1908 im Wohn- und Geschäftshaus des Maurermeisters Carl Haddenbrock eröffnet. Der Kinosaal im Erdgeschoss bot etwa 158 Plätze und war unter anderem mit Elektromotoren für Projektor, Ventilation und Beleuchtung ausgestattet.
Trotz günstiger Lage bestand das Kino vermutlich nur bis 1913/14. Gründe für die Schließung sind nicht eindeutig überliefert, möglicherweise spielte der Beginn des Ersten Weltkriegs eine Rolle. Im Programm dominierten historische Filme, Kriegsdramen und moralische Sozialdramen, daneben auch wissenschaftliche Filme und aktuelle Wochenschauen. Internationale Produktionen waren häufig vertreten. Während des Ersten Weltkriegs wurden zunehmend patriotische Filme und Berichte von den Kriegsschauplätzen populär. Auch bekannte Schauspielerinnen wie Asta Nielsen oder Henny Porten traten in den Programmen auf.
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Volkskino-Theater in der Johannesstraße

Das Volkskino-Theater in der Johannesstraße 91/92 in Erfurt wurde 1911 eröffnet, nachdem Glasobermeister Hermann Weißleder das Gebäude errichten ließ. Betreiber war Carl Sterzing, bereits Inhaber mehrerer Kinos in Erfurt.
Der Zuschauerraum bot 242 Plätze, eine Projektionswand von 2,30 m Höhe, Zentralheizung, Ventilatoren und Notausgänge. Sicherheitsauflagen verlangten feste Sitzreihen und freigehaltene Fluchtwege. Gezeigt wurden typische Filme der frühen Kinokultur: Dramen, Krimis, Lustspiele sowie internationale Produktionen mit Schauspielern wie Asta Nielsen oder Harry Piel.
Vor dem Ersten Weltkrieg waren internationale Filme dominant, während danach patriotische Kriegsfilme und nationale Produktionen das Programm bestimmten. Das Kino bestand bis etwa 1919; 1930 wurde das Gebäude in ein Bade- und Massageraum („Johannesbad“) umgewandelt.
„Ihr“ Kino ist nicht dabei?
Unsere Kino-Liste ist lang, aber auch nicht hundertprozentig vollständig. Sie kennen Kinos, die in diesem Beitrag nicht erwähnt werden? Vor allem in den Ortsteilen und Dörfern rund um Erfurt? Dann senden Sie uns gern einen Hinweis mit dem Betreff „Kino“ an erfurt@funkemedien.de. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören!
Die Recherchen zu den frühen Erfurter Kinos verdanken wir größtenteils der jahrzehntelangen historischen Forschungsarbeit von Ruth und Eberhardt Menzel, deren Beiträge zu den Lichtspielhäusern der Stadt auch in diversen Publikationen zu finden sind.











