Wie verbreitet sind harte Drogen in Erfurt? Eine offene Drogenszene mit Junkies und Spritzen in den Hauseingängen gibt es nicht. Kenner des hiesigen Nachtlebens beantworten die Frage gern mit einem verschwörerischen Augenrollen. Klar gehören die dazu.

Täglich
Der Newsletter für Erfurt
Alle wichtigen Informationen aus der Landeshauptstadt Erfurt, egal ob Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur oder gesellschaftliches Leben.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die Erfurter Polizei sagt: Zuletzt wurden weniger Rauschgiftdelikte festgestellt, was aber vor allem daran liegt, dass weniger kontrolliert wurde. Die beschlagnahmten Mengen aber deuten darauf hin, dass es einen lebhaften Handel und Genuss von illegalen Drogen gibt. Allen voran Crystal Meth, vermehrt Kokain.
Auch interessant
Verlässliche Zahlen zum Drogenkonsum gibt es nicht
Regelmäßig werden Abwasseruntersuchungen veröffentlicht, die Erfurt eine teils hohe Belastung mit den Rückständen insbesondere von Crystal- und Ecstasy-Produkten attestieren. Solche Statistiken sehen Patrick Krauße und Dominic Beier mit Skepsis. „Die Untersuchungen finden nur in ausgewählten Städten statt. Und sie sagen nichts darüber aus, wo die Drogen herkommen. Sind es wenige Menschen, die viel konsumieren? Viele, die wenig nehmen?“
Auch interessant
Krauße und Beier arbeiten für das Erfurter Präventionszentrum „Drogerie“, und wer mehr über den Drogenkonsum in Erfurt und Thüringen wissen will, ist bei ihnen an einer guten Adresse. Vor fünf Jahren riefen sie ein Druckchecking-Projekt ins Leben: In Teams aus Beratern und Chemikern sind sie in Clubs und auf Festivals unterwegs. Dort bieten sie an, illegale Drogen auf ihre Zusammensetzung zu untersuchen, Konsumenten auf Risiken aufmerksam zu machen.
Auch interessant
Drugchecking stößt nach wie vor auf Vorbehalte
Es war damals mit das erste solcher Angebote in Deutschland, noch heute sind sie kaum verbreitet. In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gibt es sie. Nach wie vor stößt Drugchecking auf Vorbehalte. Wird damit die Nutzung illegaler Drogen nicht befeuert, werden die Gefahren heruntergespielt? „Solche Projekte werden international wissenschaftlich begleitet. Und dafür gibt es keine Belege“, erklärt Patrick Krauße, was er vermutlich schon Dutzende Male erklärt hat. „Wer zu uns kommt, um seine Drogen untersuchen zu lassen, hat ohnehin beabsichtigt, sie zu nehmen.“ Eben oft ohne zu wissen, was wirklich drinsteckt.
Jede getestete Substanz ist vielleicht ein gerettetes Leben.
Dominic Beier, Präventionszentrum „Drogerie“
Den Vorbehalten stellen Krauße und Beier gern die Erfolge ihrer Arbeit entgegen. „Jede getestete Substanz ist vielleicht ein gerettetes Leben“, sagt Dominic Beier. Und Patrick Krauße weiß: „Wenn unsere Analysen zeigen, dass da potenziell lebensbedrohliche Stoffe drinstecken, dann lassen die Leute in der Regel auch die Finger davon.“ Und nein, ein Unbedenklichkeitssiegel für seine harten Drogen bekommt bei ihnen niemand.

Die Drogentester bewegen sich in einer Grauzone
Mit einem mobilen Labor und einem Wohnwagen als Beratungsraum sind die Drogenchecker unterwegs. Dabei bewegen sie sich in einer rechtlichen Grauzone. Der Besitz harter Drogen ist strafbar, also müssen die Proben für die Analyse von den Konsumenten selbst vorbereitet werden. Erst seit vergangenem Dezember gibt es in Thüringen eine „Substanzanalyseerlaubnisverordnung“, die das Handling im Labor erleichtert.
Auch interessant
Eingeladen wird das Drugchecking-Projekt von Clubbetreibern und Veranstaltern. Viele Clubs aber lehnen eine Zusammenarbeit ab. „Die Gründe sind vielfältig. Man will mit der Problematik nichts zu tun haben, fürchtet womöglich, ins Visier der Polizei zu geraten. Manche Clubbetreiber verkünden eine Null-Toleranz-Politik, aber das ist aus unserer Sicht Augenwischerei“, sagt Patrick Krauße. Vor allem jüngere Clubbetreiber und Veranstalter, beobachtet Dominic Beier, seien offener für die Drugchecking- und Beratungsangebote. Sie haben erkannt: Es geht um die Sicherheit ihrer Gäste.
Auch interessant
Mit wenigen Einsätzen viele Partygänger erreichen
Ein großer Wermutstropfen bleibt: Die Chancen, dass Erfurter Nachtschwärmer auf das Drugchecking-Team treffen, sind nach wie vor gering. Die Checks sind teuer, das Projekt wird aus Landesmitteln finanziert. Vier, fünf Mal im Jahr, schätzt Dominic Beier, ist das Labor, das in ganz Thüringen operiert, in Erfurt unterwegs. Ein stationäres Angebot gibt es nicht. „Es gilt für alle Drugchecking-Angebote, auch im Ausland: Flächendeckend wird es sie, realistisch gesehen, nicht geben“, bedauert Patrick Krauße.
Auch interessant
Und doch sorgen die punktuellen Einsätze dafür, dass immer mehr Partygänger für die Problematik sensibilisiert werden: Wer Drogen aus ungewisser Quelle kauft, geht ein großes Risiko ein. 10 bis 15 Prozent der Club- oder Festivalbesucher würden bei einem Besuch erreicht. Viele hätten Drogen womöglich von ein und demselben Dealer gekauft. Zeigt die Analyse dann etwa, dass Pillen gestreckt und womöglich gefährlich sind, kann noch vor Ort gewarnt werden.
Auch interessant
Die Arbeit der Teams liefert wertvolle Erkenntnisse
Und noch etwas macht das Projekt so wertvoll für Politik und auch Ermittlungsbehörden: „Wir bekommen schneller als andere mit, was auf dem Drogenmarkt los ist, welche neuen Mittel auf den Markt kommen, welche neuen Gefahren lauern“, sagt Patrick Krauße. Synthetische Opioide wie das in den USA berüchtigte Fentanyl, zum Beispiel, hätten sie zuletzt verstärkt festgestellt. Künstliche Drogen, deren Inhaltsstoffe immer leichter zu besorgen sind, würden zunehmend hierzulande hergestellt, oft im Bereich der Organisierten Kriminalität, die sich auch dank Social Media besser vernetzen und ihre Produkte besser vermarkten kann.
Lesen Sie auch
Eines ist für die Drogenchecker gewiss: Eingedämmt haben Verbote und polizeilicher Druck den Drogenkonsum in Thüringen, in Erfurt bislang nicht. „Der Markt ist riesig und er verändert sich ständig“, sagt Patrick Krauße. Ein offener Umgang mit dem Thema, sind er und sein Team überzeugt, kann die damit verbundenen Gesundheitsrisiken verringern.














