Zusammenfassung

  • Obdachlose in Erfurt kämpfen tagtäglich mit grundlegenden Bedürfnissen wie Hygiene, Schlafplatz und Essen.
  • Hilfsangebote wie Tagestreffs und Notunterkünfte nehmen Betroffene unterschiedlich an.
  • Ein geplanter Aktionsplan der Stadt soll die Situation verbessern und auf konkrete Bedarfe hinweisen.

Was Obdachlosen fehlt, ist mehr als ein Zuhause. Denn die Straße ist Nährboden für Probleme und damit auch für Hürden, die prekäre Situation zu verlassen. „Wichtig ist die Unterscheidung zwischen obdachlos und wohnungslos“, sagt Toni Schellenberg, Leiter des Erfurter Sozialamts. Wohnungslose, die bei Bekannten oder Freunden unterkommen, haben weniger Sorgen, einen Ort zum Waschen, eine Toilette oder Trinkwasser zu finden. Ohne Obdach aber fressen die Grundbedürfnisse Zeit und Nerven.

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Im Caritas-Tagestreff stehen Betroffenen und weiteren Bedürftigen die Türen offen. „Aktuell kommen 60 bis 85 Gäste am Tag. Etwa ein Drittel ist obdachlos“, sagt Tagestreff-Leiter Christof Schönau. Im Innenhof und dem Speisesaal finden sie eine günstige Mahlzeit, einen Rückzugsort und Gesellschaft. „Wir kommen regelmäßig, weil hier auch unsere Postadresse ist“, erzählt eine 36-Jährige, die mit ihrem Mann seit zwei Jahren auf der Straße lebt. Für Menschen ohne Meldeadresse ist die Einrichtung stadtweit die einzige offizielle Möglichkeit, um Post zu empfangen.

Rund 80 Notfallbetten stehen in Erfurt bereit

Die Kleiderkammer, Beratungsangebote und Hygieneangebote stehen hier ebenfalls zur Verfügung. „Es duschen immer dieselben. Manchmal ein Gast am Tag, fünf oder sechs sind das Maximum“, sagt Schönau. Eine Anmeldung am Vortag sei notwendig. Auch waschen sei eigentlich möglich, doch die Maschinen funktionierten derzeit nicht.

Sozialamt Erfurt Aktionsplan gegen Obdachlosigkeit
Der Leiter des Erfurter Sozialamts, Toni Schellenberg (von links), Sachgebietsleiterin Josephine Dornbusch und Streetworker Nico Rosenkranz verfolgen verschiedene Ansätze gegen die Wohnungslosigkeit in Erfurt. © Funke Medien Thüringen | Jade Pannier

Für Obdachlose, die sich den Besuch in einem Waschsalon nicht leisten können, bleibt der „Knackpunkt“ in der Heinrichstraße. Hier laufen Prävention, Akuthilfe und Nachsorge zusammen. Duschen und auch sechs Notschlafplätze stehen bereit. Mit dem „Haus der Zuflucht“ im Rieth mit 42 Betten für alleinstehende Männer und einem Frauenhaus mit 31 Betten ist die Liste wesentlicher Notherbergen für Obdachlose komplett.

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Minderjährige kommen an den genannten Orten nicht unter, sondern werden durch das Jugendamt an eine entsprechende Einrichtung vermittelt. Familien mit Kindern bietet das Amt für Soziales, wenn möglich, eine Übergangswohnung. Aktuell miete das Sozialamt zudem zwölf bedarfsorientierte Gewährleistungswohnungen, in die ausgewählte Wohnungslose über längere Zeit einziehen.

Notunterkünften eilt ein Ruf voraus

„Im Haus der Zuflucht und im Knackpunkt waren wir nur ein, zwei Mal“, sagt die 36-jährige Wohnungslose im Caritas-Treff über sich und ihren Partner. Unter Obdachlosen sind die Anlaufstellen eher unbeliebt. Als Gründe nennen Befragte die Eintrittsbedingungen, Diebstähle, die begrenzte Zahl an Nächten, an denen sie unterkommen können, und die Ungewissheit, ob überhaupt noch Betten frei seien, wenn sie es versuchten.

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„Irrglauben wie das mit dem Klauen schlagen uns immer wieder entgegen“, sagt Josephine Dornbusch, Sachgebietsleiterin des Sozialamts. Das Verhalten einzelner Gäste ließe sich nicht kontrollieren, allerdings könnten Notschlafende ihre Sachen in Spinden unterbringen. Sozialarbeiter vor Ort behielten die Lage im Auge. Aggressiven und Personen unter offensichtlichem Drogeneinfluss verwehren sie den Zutritt.

Obdachlose Symbolbild
Obdachlose behalten ihre Schlafplätze oft für sich. © Funke Medien Thüringen | Holger Wetzel

„Es musste noch nie jemand auf der Straße schlafen, obwohl er sich ein Dach über dem Kopf gewünscht hatte“, sagt Schellenberg. Entgegen der Aussagen einiger Betroffener, sei die Zahl verfügbarer Notbetten in Erfurt ausreichend. Um Wege zu sparen, ließen sich freie Plätze nachts zudem im Rathaus erfragen.

Wo schlafen Obdachlose, wenn nicht in den Notunterkünften?

Insgesamt beziffert die Stadt die Zahl der Obdachlosen in Erfurt auf 80 bis 90 Personen. Wohnungslose gebe es deutlich mehr. Streetworker Jens Haase schätzt rund 500 Betroffene. Außerhalb der Schlafplätze gibt es bis auf eine zugewiesene Wiese, die aktuell gemäht wird, kaum Orte, um legal zu nächtigen. „Nach der Stadtordnung ist draußen campieren untersagt“, erklärt Schellenberg. Wer das nicht respektiere, dem drohe ein Platzverweis.

Die Frage, wo die 80 bis 90 Personen plus Dunkelziffer die Nächte verbringen, bleibt offen. Befragte Obdachlose wollen ihre Schlafplätze nicht öffentlich nennen. Ob sie zuvor städtische Hilfe abgelehnt haben, nichts von ihr wissen oder etwa Scham, Angst und Sucht die Suche nach einem Ausweg blockiert, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.

Aktionsplan soll Grundstein für Fortschritt sein

Hoffnung auf strukturelle Besserungen klingt bei Betroffenen nicht an. Schellenberg und der Schwerpunkt-Streetworker Nico Rosenkranz verkünden jedoch genau das: Ein über zwei Jahre ausgearbeiteter Aktionsplan gegen Obdachlosigkeit soll der Stadtrat bis zum Jahresende beschließen. Im Zentrum stehen laut Schellenberg die Analyse des Status quo sowie bereits erfolgte Schritte des Sozialamts. Auch Präventionsmaßnahmen, Vernetzungsmöglichkeiten beteiligter Akteure sowie Bedarfe der Wohnungslosen wie Schließfächer oder verfügbare Toiletten fließen darin ein.