Acht Minuten und sechs Sekunden. Mehr Zeit brauchte es nicht, um die Glockenform mit flüssiger, 1100 Grad heißer Bronze zu füllen. Jetzt ruht die Glocke in ihrer Grube bis ins neue Jahr. Erst dann wird sie aus der Form geschlagen und es zeigt sich, ob Deutschlands zweitgrößte Glocke gelungen ist. Der Gräfenhainer Maler und Grafiker Gert Weber ist überzeugt davon und hegt daran keinerlei Zweifel.

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Mit der Firma Grassmayr aus Innsbruck ist der Guss in die Hände einer erfahrenen Werkstatt gelegt. Seit dem 16. Jahrhundert werden im Tiroler Familienbetrieb Glocken gegossen. In den Anfangsjahren lag die Werkstatt vor den Toren der prunkvollen Residenzstadt der Habsburger. Unter Maximilian I. entwickelte sich Innsbruck zu einem kulturellen Zentrum Europas, und die Stadt wuchs um die Glockengießerei herum, sodass diese sich heute im Zentrum befindet.

Gert Webers Glockenzier für den Magdeburger Dom.  Ein Thüringer Künstler gestaltet die 'Credamus'-Glocke"
Kunst für die Ewigkeit: Die Ornamente auf der 'falschen Glocke' werden später die 'Credamus' zieren und die Geschichte des Magdeburger Doms erzählen.© Johannes Grassmayr

Die am 28. November dieses Jahres für den Magdeburger Dom hergestellte Glocke mit dem klangvollen Namen „Credamus“ (lateinisch für „Lass uns glauben“) ist nicht irgendeine in der über 420 Jahre währenden Firmengeschichte der Grassmayrs. Mit über 14 Tonnen Gewicht steht sie für die bislang drittgrößte Glocke, die unter den Händen der Meister und Gesellen entstanden ist.

Gert Webers Glockenzier für den Magdeburger Dom.  Ein Thüringer Künstler gestaltet die 'Credamus'-Glocke"
Schicht für Schicht zum Meisterwerk: Der Mantel aus Groblehm umschließt die 'falsche Glocke' und bildet die Negativform für den Bronzeguss."© Johannes Grassmayr

„Sie hat einen Durchmesser von fast drei Metern und ist zweieinhalb Meter hoch. Das ist ehrfurchtgebietend“, sagt Weber. Er muss es wissen, schließlich hat er für „Credamus“ und die weiteren neuen Glocken für den Dom an der Elbe die Glockenzier geschaffen. Zu diesem Zwecke reiste er mit Ehefrau Edda in die Stadt am Inn, um in der Grassmayrschen Werkstatt seine künstlerische Gestaltung direkt in die Form einzubringen.

14 Tonnen Bronze und ein Symbol des Glaubens

Mit „Credamus“ findet eine Arbeit ihren Abschluss, die den Thüringer Künstler über mehr als vier Jahre beschäftigt hat. Vier Künstler aus der ganzen Bundesrepublik, zwei Frauen und zwei Männer, hatte 2021 der Magdeburger Domglockenverein eingeladen, am Wettbewerb um die Neugestaltung der Glocken für Deutschlands ältesten Dom teilzunehmen. Die Mitglieder des Vereins wollten die über 1.000-jährige Geschichte des ersten gotischen Doms nördlich der Alpen durch die Glockenzier mit unserer Zeit verbunden sehen.

Gert Webers Glockenzier für den Magdeburger Dom.  Ein Thüringer Künstler gestaltet die 'Credamus'-Glocke"
Auf dem Weg zur Vollendung: Die Lehmform mit der 'falschen Glocke' wird vorsichtig in die vorbereitete Grube gehoben.© Johannes Grassmayr

Die Ornamente der Grabplatte von Friedrich I. von Wettin im Magdeburger Dom waren Weber eine Inspiration für seine Entwürfe, mit denen er am Ende die Jury überzeugte. „Als ich den Zuschlag bekam, habe ich deutlich gemacht, dass ich die Arbeit für die acht neuen Glocken nicht als Auftrag ansehe, sondern als Geschenk“, sagt er.

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Damals versprach er den Mitgliedern des Domvereins, dass er so arbeiten werde, als wäre es für ihn persönlich. Doch nicht nur deshalb haben ihn die Glocken in den zurückliegenden Jahren fest im Griff gehabt. „Bei solch einem Auftrag kann man nicht einfach abschalten“, sagt Weber, „der bleibt im Kopf, der fordert Auseinandersetzung ein.“

Gert Webers Glockenzier für den Magdeburger Dom.  Ein Thüringer Künstler gestaltet die 'Credamus'-Glocke"
Die Krönung der Vorbereitung: Die Krone wird auf die Glockenform aufgesetzt, ein Zeichen für die bevorstehende Vollendung.© Gert Weber | Johannes Grassmayr

„Credamus“ ist die letzte Glocke für das neue Geläut. Im Gegensatz zu den sieben vorangegangenen Glocken trägt sie auf ihrer Rückseite eine andere Zier. Nicht der Dom ist dort zu sehen, sondern neun Kirchen der Stadt, die Krieg und Gewaltherrschaft zum Opfer gefallen sind. Mit „Credamus“ erhält das Domgeläut wieder seinen historischen Umfang.

Gert Webers Glockenzier für den Magdeburger Dom.  Ein Thüringer Künstler gestaltet die 'Credamus'-Glocke"
Enthüllung des Klangkörpers: Nach dem Ausschmelzen des Wachses wird die 'falsche Glocke' entfernt, und der darunter liegende Kern der Glockenform wird sichtbar.© Gert Weber | Johannes Grassmayr

„Begeistern ist für mich, dass es ein Verein ist, der sich dieses Ziel gestellt und am Ende erreicht hat“, sagt Weber. Und auf welche Weise dieses bürgerschaftliche Engagement Früchte trug, nötige ebenso Respekt ab. Bis November dieses Jahres kam das ehrgeizige Projekt auf die beachtliche Summe von mehr als einer Million Euro an Spendengeldern und Fördermitteln.

1000 Jahre Geschichte verbindet sich mit der Neuzeit

Oberpfarrer Hans-Joachim Köhler hat sich der Aufgabe gestellt, die Glockenzier des Thüringer Künstlers aus theologischer Sicht zu beleuchten. Im Falle von „Credamus“ nimmt die Gestaltung „die immateriellen Obertöne des Glockenklangs mit auf, in dem sie den Schlagton mit seinen Obertönen in die Höhe führt und so den Klang der Glocke als Ruf und Mahnung zur Verbindung für die Menschen in der vitalen Ebene in die Höhe der transzendenten und spirituellen Ebene“, befindet der Theologe.

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Mit ihrem Schlagton do+6 besitzt Credamus eine Klangnote, die einmalig in Deutschland ist. Sie ist die größte Glocke in einem evangelischen Dom und die zweitgrößte in Deutschland. Nur der „dicke Pitter“ im Kölner Dom ist schwerer und größer. Und diese Glocke hat auch eine Verbindung zu Thüringen: Ihr Guss erfolgte im Mai 1925 in Apolda.

Gert Webers Glockenzier für den Magdeburger Dom.  Ein Thüringer Künstler gestaltet die 'Credamus'-Glocke"
Verlorene Form, ewiger Klang: Im Mantel werden die Wachsverzierungen ausgeschmolzen, wodurch die Negativform für die filigranen Ornamente entsteht.© Gert Weber | Johannes Grassmayr