Zerbrechlich wirkt er, zerrissen – der Glasmensch, welchen die Schülerinnen und Schüler der 10b der Emil-Petri-Schule in ihrem Projekt gestaltet haben und mit dem sie sich um den diesjährigen Demokratiepreis der Stadt bewarben.

Täglich

Der Newsletter für den Ilm-Kreis

Alle wichtigen Informationen aus dem Ilm-Kreis, egal ob Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur oder gesellschaftliches Leben.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Intensiv hatten sich die Schüler der Marienstift-Schule mit dem Nationalsozialismus befasst. Nicht nur abstrakt im Unterricht, sondern ganz konkret in einem Projekt. „Wenn die Jugendlichen nicht nur die Zahlen hören, sondern sich mit Schicksalen befassen, haben sie einen ganz anderen Zugang“, sagt Kunstlehrerin Katre Steinbrück.

Es war das zweite Mal, dass ein Kunstprojekt dieser Art an der Emil-Petri-Schule in Kooperation mit der Weimarer Mal- und Zeichenschule und den Arolsen Archives stattfand. Erinnerungskultur sei gerade heute wichtig, betont die Kunstlehrerin. „Deshalb mache ich auch im nächsten Schuljahr weiter.“

Auch interessant

Erinnerung wird durch aktive Auseinandersetzung greifbar

Und nun sogar eine Auszeichnung. Seit einigen Jahren lobt die Stadt Arnstadt in Zusammenhang mit dem 8. Mai einen Schülerpreis aus. „Erinnerung bleibt nicht abstrakt. Sie wird konkret, wenn Menschen sich mit ihr auseinandersetzen – wenn sie versuchen zu verstehen, was Krieg bedeutet und was er mit Menschen macht“, erklärt Diana Machalett, die Erste Beigeordnete.

Auf einer großen Glasplatte haben die Schüler einen Menschen dargestellt, der aus vielen einzelnen Teilen zusammengesetzt ist. Dieses Bild steht für die Zerbrechlichkeit des Menschen im Krieg, für zerstörte Leben, verlorene Träume, für Verletzungen, die bleiben. Und für die Erfahrung, dass selbst dann, wenn etwas wieder zusammengesetzt wird, Narben sichtbar bleiben.

Gedenken
Auch Schüler des Melissantes-Gymnasiums legten Blumen nieder.© Berit Richter | BERIT RICHTER

Neben der Emil-Petri-Schule hatte sich auch die Johann-Sebastian-Bach-Grundschule mit ihrem Buch-Projekt „Stille Helden“ am Wettbewerb beteiligt. Das digitale Buch greift Themen wie Mut im Alltag und Zivilcourage auf. Die dritte Klasse hatte damit beim Landeswettbewerb „Demokratie & Schule“ den dritten Platz belegt.

Auch interessant

Immer mehr Menschen sehen in Diktatur eine Alternative

Traditionell folgte die Arnstädter Preisverleihung am Freitag im Rahmen der Gedenkfeier am Denkmal „Rufer“ auf dem Alten Friedhof. „Der 8. Mai 1945 war ein Tag des Zusammenbruchs. Das nationalsozialistische Deutschland war militärisch besiegt. Ein verbrecherisches Regime, das millionenfaches Leid, Krieg und industriellen Massenmord zu verantworten hatte, war am Ende. Für Millionen Menschen bedeutete dieser Tag Befreiung. Dieser Tag markiert keinen einfachen Neubeginn. Aber er ist der Ausgangspunkt für das, was danach möglich wurde: Frieden, Freiheit und eine demokratische Ordnung“, sagte Diana Machalett in der Gedenkrede.

Gedenken heiße aber nicht nur, zurückzuschauen, vielmehr müsse man sich fragen, was Geschichte heute mit uns zu tun habe. „Viele Menschen haben heute das Gefühl, dass das, was lange selbstverständlich schien, nicht mehr selbstverständlich ist. Frieden. Sicherheit. Zusammenhalt“, so Machalett. Dieses Gefühl sollte man ernst nehmen.

Gedenken
Diana Machalett legt am Rufer ein Gesteck zum Tag der Befreiung ab.© Berit Richter | BERIT RICHTER

Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 zeige ein Spannungsfeld, das nicht ignoriert werden sollte: 90 Prozent der Menschen unterstützen die Idee der Demokratie. Aber nur noch 73 Prozent sagen, dass sie mit der Demokratie, so wie sie konkret funktioniert, zufrieden sind. „Das ist der niedrigste Wert seit über zehn Jahren“, so Machalett.

Demokratie lebt von konstruktiver Auseinandersetzung

Gleichzeitig wachse die Offenheit für autoritäre Vorstellungen: Rund 39 Prozent würden eine einzige starke Partei für eine gute Lösung halten, knapp ein Viertel wünsche sich einen starken Führer und fast jeder Fünfte halte unter bestimmten Umständen sogar eine Diktatur für eine bessere Staatsform. „Das sind keine Randphänomene mehr. Das sind Entwicklungen, die uns nachdenklich machen müssen“, betonte die Beigeordnete.

Demokratie lebe davon, dass Menschen sich mit ihr auseinandersetzen, dass sie Kritik äußern, dass sie sich einbringen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. „Gerade deshalb kommt es darauf an, wie wir mit Unzufriedenheit umgehen. Ob wir uns abwenden. Oder ob wir uns einmischen und versuchen, es gemeinsam besser zu machen“, so Machalett abschließend.

Die Gedenkfeier in Arnstadt war nicht die einzige im Ilm-Kreis. Am Nachmittag hatten Linke und SPD auf dem Ilmenauer Friedhof zum Gedenken ans sowjetische Ehrenmal geladen.