Abi in der Tasche – und dann? Studium, Ausbildung, erst einmal reisen? Viele junge Menschen stehen nach der Schule vor einem weißen Blatt. Der Druck, sich „richtig“ zu entscheiden, ist groß, die Auswahl an Wegen größer denn je. Genau in dieser Phase setzen Freiwilligendienste an: Sie schenken Zeit zum Ausprobieren, zum Hineinschnuppern in Berufsfelder – und nicht selten zum Entdecken einer Leidenschaft, die das ganze weitere Leben prägt.

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Eine, die diesen Schritt aktuell geht, ist Amy Steuerwald aus Nordhausen. Sie absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) Kultur beim Verein Kulturland Hainleite, der seit 1993 die Trägerschaft des Kunsthofes Friedrichsrode im Kyffhäuserkreis innehat.
Ob Vorbereitung des traditionellen Kunstmarkts am bevorstehenden Samstag (20. Juni), Begleitung von Workshops, Kommunikation mit Künstlerinnen und Künstlern oder ganz alltägliche Aufgaben rund um den Hof: Amy ist mittendrin. Sie lernt, wie Kulturarbeit auf dem Land funktioniert – zwischen Förderanträgen, Veranstaltungen und kreativem Chaos.
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„Es ist bemerkenswert, welches Pflichtbewusstsein unsere Freiwilligen an den Tag legen. Amy ist eine, die offen ist für alles, und auch mal ‚uns Alten‘ zuhört“, sagt Kunsthof-Chefin Annika Gast.
Freiwillige Amy bringt frischen Schwung in den Kunsthof

Am Kunsthof spürt man deutlich, was eine engagierte Freiwillige bewirken kann. In einem 70-Seelen-Dorf, in dem sich an einem einzigen Tag im Jahr die gesamte Hauptstraße in eine Kulturmeile mit mehreren tausend Besucherinnen und Besuchern verwandelt, zählt jede helfende Hand. Und vor allem jede frische Idee.
„Amy ist ein richtiges Organisationstalent und hat für den Kunstmarkt am Wochenende so einiges mitorganisiert. Eine solche Veranstaltung ist sehr komplex, da steckt viel Fleißarbeit drin. Sie hilft uns enorm im Büro, ist aber auch in den Werkstätten beim Töpfern, Weben, Drucken aktiv, betreut und leitet Gruppen an“, zählt Annika Gast auf.
„Der Freiwillige ist bei uns immer Familienmitglied.“
Annika Gast, Kunsthof-Chefin

Für Amy selbst ist das FSJ Kultur nicht nur Überbrückung, sondern auch Orientierung. Sie lernt Berufsbilder kennen, die in keinem Schulbuch stehen: Kulturmanagerin, Kunstpädagogin, Veranstaltungsorganisatorin. Sie sieht, wie aus einer Vision Programm wird – und wie viel Handwerk in scheinbar leichter Kunst steckt.
„Dabei dürfen auch mal Fehler gemacht werden, nur so kann man reifen, wachsen und lernen“, sagt die Kunsthof-Chefin.
Was ist ein Freiwilliges Kulturelles Jahr?
– Einsatzorte sind kulturelle Einrichtungen wie Theater, Museen, Bibliotheken, soziokulturelle Zentren – oder eben Kunsthöfe wie der in Friedrichsrode.
– Die Freiwilligen erhalten Einblick in den Berufsalltag einer Kultureinrichtung, sammeln praktische Erfahrungen und entwickeln im Laufe des Jahres ein eigenes Projekt, das sie selbstständig umsetzen.
– Begleitet wird das Jahr durch pädagogische Seminare; die Freiwilligen erhalten ein Taschengeld und sind sozialversichert.
– Für viele ist das FSJ Kultur eine Überbrückung zwischen Schule und Ausbildung/Studium – und nicht selten der Startpunkt für eine Karriere im Kulturbereich
Dass dieses Jahr eine ganze Biografie tragen kann, zeigt das Beispiel Anne-Lena Fuchs. Sie absolvierte 2013 ihr FSJ Kultur in Friedrichsrode – und ließ vom Ort offenbar nicht mehr ganz los. Anschließend studierte sie Kunstpädagogik und Germanistik an der Martin-Luther-Universität Halle und an der Burg Giebichenstein. Heute arbeitet sie als Künstlerin und Kunstpädagogin mit eigenem Atelier in Halle (Saale) und ist unter anderem für Häuser wie die Stiftung Bauhaus Dessau, die Klassik Stiftung Weimar und das Stellwerk Junges Theater Weimar kunst- und theaterpädagogisch tätig.

Die Verbindung zu Friedrichsrode ist nie abgerissen: Jedes Jahr kommt Anne-Lena Fuchs mit ihren Schülerinnen und Schülern des Christian-Wolff-Gymnasiums Halle zu einem Kunstkurs in den Kunsthof zurück – dorthin, wo für sie selbst einmal alles begann. Zuletzt wurde ihr Engagement im Bereich Kunstvermittlung auch im Rahmen des „Revierpionier“-Ideenwettbewerbs gewürdigt, mit dem das Land Sachsen-Anhalt seit 2022 bürgerschaftliche Projekte im mitteldeutschen Strukturwandelgebiet auszeichnet.
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Anne-Lena Fuchs ist dabei nur ein Beispiel von vielen. Manche Freiwillige bleiben der Kultur ein Leben lang verbunden, andere finden ihren Weg in ganz andere Berufe – ins Handwerk, in soziale Berufe, in Studiengänge, an die sie vor dem Jahr nie gedacht hätten. Was bleibt, ist fast immer dasselbe: ein klareres Bild von sich selbst, ein erweiterter Horizont und die Erfahrung, dass das eigene Tun etwas bewirkt. Genau diese Erfahrung möchte Annika Gast jungen Menschen wie Amy mit auf den Weg geben. Unabhängig davon, wohin er sie am Ende führt.
Unterstützung bei der Finanzierung des Freiwilligenjahres gibt es im Übrigen von der Sparkassenkulturstiftung Hessen-Thüringen.






