Anfang 1945: Er ist ein junger Mann, gerade 20. In den unterirdischen Stollen des Konzentrationslagers vor dieser Stadt soll sich Albrecht Weinberg zu Tode schuften. Weil er Jude, sein Leben aus Sicht der Nationalsozialisten „unwert“ ist. Doch er überlebt die Hölle von Dora – und kehrt im hohen Alter wieder und wieder nach Nordhausen zurück: als unermüdlicher Aufklärer, Kämpfer gegen das Vergessen, Versöhner. Zuletzt im April 2025, mit 100 Jahren.

Täglich
Der Newsletter für Nordhausen
Alle wichtigen Informationen aus der Region Nordhausen, egal ob Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur oder gesellschaftliches Leben.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
13 Monate später, an diesem Dienstag, erfährt auch die Rolandstadt vom Tod Albrecht Weinbergs, einem Ehrenbürger der Stadt. Einem Menschen, zu dem einige Nordhäuser eine besondere persönliche Beziehung aufgebaut haben.
Er war ein Mensch, der keinen Hass in sich hatte.
Alexander Scharff, Linke-Stadtrat
Alexander Scharff (Linke) zum Beispiel. Fasziniert habe Weinberg ihn: „Er war ein Mensch, der keinen Hass in sich hatte.“ Trotz all dessen, was ihm widerfuhr in drei Konzentrationslagern, auf mehreren Todesmärschen. „Zwei Monate Nordhausen seien schlimmer gewesen als zwei Jahre Auschwitz“, erinnert sich Scharff an Weinbergs Schilderungen.
Der junge Kommunalpolitiker denkt ans Setzen eines Gedenkbaums mit dem Holocaust-Überlebenden in Nordhausen zurück, an eine Buchlesung mit ihm in einem brechend vollen Ratssaal, an die Verleihung der Nordhäuser Ehrenbürgerschaft an ihn vor fast auf den Tag genau einem Jahr im ostfriesischen Leer, seiner Heimat.

Oberbürgermeister Kai Buchmann (parteilos) sagt an jenem Tag im Mai 2025, Weinberg stehe „für die Aufarbeitung des NS-Unrechts genauso wie für die Verteidigung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus“.
Ein Vierteljahr zuvor hatte der damals 99-Jährige das Bundesverdienstkreuz zurückgegeben, aus Protest dagegen, dass die CDU im Bundestag im Kampf um eine schärfere Migrationspolitik die AfD als Mehrheitsbeschaffer in Kauf genommen hatte. „Er hat immer Haltung bewahrt, seinen inneren Kompass nie verloren“, kommentiert die frühere Nordhäuser Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) sein unermüdliches Engagement gegen das Erstarken des Rechtsextremismus in Deutschland.
Er war nicht verbittert, strahlte vielmehr Weisheit, Güte, Würde aus.
Barbara Rinke (SPD), Ex-Oberbürgermeisterin
Dankbar denkt auch sie an den Besuch bei Albrecht Weinberg voriges Jahr gemeinsam mit Buchmann, Scharff und Grünen-Stadträtin Wilma Busch zurück. „Er war nicht verbittert, strahlte vielmehr Weisheit, Güte, Würde aus.“
Wärme und Freundlichkeit: Solche Worte wählt Wilma Busch, um Weinbergs Persönlichkeit zu beschreiben. Offen und großzügig sei sein Wesen gewesen. Tief beeindruckt habe sie, dass er an dem Erlebten nicht zerbrach, sondern eine unschlagbare Kraft daraus zog. „Und seine Augen waren so wach, so fordernd.“

„Er hatte die Kraft, seine Geschichte zu erzählen, und das auf sehr menschliche Weise. So, dass wir eine Ahnung bekommen, was er erlebte“, meint Alexander Scharff. Wieder und wieder gehört Weinberg zu jenen Überlebenden, die zu den Jahrestagen der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora das Gedenken mitgestalten. Letztmals gelingt ihm das mit 100 Jahren im April 2025.
Als er keinen Monat später Nordhäuser Ehrenbürger wird, trägt er sich ins Goldene Buch der Stadt ein: „Wer hätte das gedacht! Vor 80 Jahren ein KZ-Häftling, mehr tot als lebendig. Heute ein Ehrenbürger der Stadt Nordhausen! Vielen Dank für die Ehre, ich kann es kaum glauben. Möge es nie wieder geschehen!!“
Sein Auftrag an uns, meint Alexander Scharff, sei es, als „Zweitzeugen“ zu wirken. Im Gedächtnis behält er eine Botschaft Weinbergs: „Macht den Mund auf. Lasst euch nicht einschüchtern.“ Er habe uns gelehrt, ergänzt Busch, „für Menschlichkeit einzustehen und einander zuzuhören“. Sein Leben, es ist Zeugnis und Mahnung zugleich.




