Hie und da hängt noch ein Lächeln am Eisenacher Laternenpfahl, ganz unbeeindruckt vom offiziellen Wahlergebnis, wie mir scheint, doch wird die politische Plakatparade soeben wieder abgeräumt. Auch „abgeräumt“ hat am 1. September zur Landtagswahl in Thüringen vor allem die AfD, egal, ob‘s gefällt oder nicht. Und das nicht bloß am azurblauen Wahlsonntag, sondern bereits in den U18-Wahlen kurz vorher.

Täglich

Der Newsletter für Eisenach und die Wartburgregion

Alle wichtigen Informationen aus der Wartburgregion, egal ob Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur oder gesellschaftliches Leben.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Seit 1996 werden im Vorfeld von Wahlterminen in Schulen, bei Aktionstagen und ähnlichem Jugendliche unter 18 Jahren um ihre Stimmabgabe gebeten. Ganz wie bei der richtigen Landtagswahl erhielten sie in ihrem Wahllokal den entsprechenden Stimmzettel und kreuzten in der Kabine ihre Favoriten an. 29 Wahllokale standen ihnen offen, rund 2000 junge ThüringerInnen waren in diesem Jahr dabei - nur etwa halb so viele wie bei der Juniorwahl 2019.

Einen Grund dafür sieht Christoph Hohmann (SPD) insbesondere in der politischen Bildung, die „völlig neu gedacht“ werden müsse. „Mit zwei Wochenstunden Sozialkunde in den Klassenstufen 9 und 10 ist Thüringen das Schlusslicht unter allen Bundesländern in Deutschland“, stellt der Gymnasiallehrer fest, und dass in der Oberstufe Politik als Unterrichtsfach ganz und gar abgewählt werden könne, ist für ihn ein Skandal.

Das Gesamtergebnis der Thüringer Schülerwahl sah in der Tat noch dramatischer aus als bei der folgenden Landtagswahl: Die AfD erzielte 37,4 % und ließ damit CDU (17,8 %), SPD (10,6 %), Linke (8,9 %) und BSW (7 %) weit hinter sich. Natürlich sind diese Zahlen in keiner Weise repräsentativ, die Unterschiede innerhalb der Standorte zum Teil gravierend, betrachtet man einzelne „Wahl-Lokal-Resultate“ wie zum Beispiel das Albert-Schweizer-Gymnasium in Ruhla, das Elisabeth-Gymnasium oder die Oststadtschule in Eisenach.

Deutlich verschieden sah bereits die Teilnahme aus: Gingen in Ruhla bloß rund 34 % der 288 berechtigten Schüler an die Wahlurne, waren es in der Oststadtschule 76 % und am Elisabeth-Gymnasium 83 %. Genau hier schnitt die AfD mit 9,6 % am schlechtesten ab, während sie in Ruhla auf fast 37 und in der Eisenacher Oststadt auf stolze 50 % kam. Die auf Platz 2 rangierende CDU verzeichnete in Ruhla 31 %, am Eli-Gymnasium 25,6 und an der Oststadtschule 23 %, die SPD bewegte sich zwischen 5,75 % (Ruhla) und 9,6 % (Oststadtschule), das BSW kletterte von 3,8 % (Oststadtschule) über 11,2% am Eli-Gymnasium auf 12,6 % in Ruhla. Hier gelangte die Linke auf 9,2 %, in Eisenachs Osten auf lediglich 4,8%, während sie am Eli-Gymnasium 20 % erreichte.

Und was sagt uns das alles? Dass also auch schon die jungen Ossis nicht mit der Freiheit und Demokratie klarkommen, in die sie doch so glücklich hineingeboren worden sind?

Zauberin Stefanie Krauß
Zauberin Stefanie Krauß© Stefanie Krauß/Der Zauberer von Ost | Stefanie Krauß

Mit derartigen Begründungen greifen die zugehörigen Experten meines Erachtens akkurat daneben. Die aktuellen „Wahlprobanden“ haben ihre Erfahrungen vielmehr in permanenten Stundenausfällen und Lehrermangel gesammelt, erinnern sich sicher noch lebhaft an die Schulschließungen, an Homeschooling und Maskenpflicht während der Corona-de und sahen monatelang verriegelte Diskos und Freizeitzentren während etwa ihre schwedischen Altersgenossen tanzen, Sport treiben oder ähnlich unterhaltsames tun konnten.

Und sicher haben sie auch gehört, dass einzig die AfD gegen die damaligen rigiden Regierungsmaßnahmen zu Felde zog. Nein, das macht mir diese Partei kein bisschen sympathischer, aber wer will bestreiten, dass all die sozialen, bildungs-, gesundheits- oder kulturpolitischen Miseren, von denen auch und oft besonders junge Menschen betroffen sind, ihren Werdegang gehabt haben, woran die sogenannten etablierten Parteien tüchtig mitarbeiteten – schon vergessen? Wer sich Belehrungen entgehen lässt, die er vom Gegner erhalten kann, schädigt sich am Ende selbst.

Weitere Themen aus der Wartburgregion