Die Diakonie Mitteldeutschland ist Partner unserer Zeitung bei der Spendenaktion „Thüringen hilft“. Seit deren Gründung 2011 konnten wir dank unserer Leser mit über zwei Millionen Euro Dutzende soziale Projekte finanzieren. Mit der aktuellen Adventsaktion sollen 20 Wünsche in ganz Thüringen erfüllt werden. Über die Notwendigkeit solcher Aktionen sprachen wir mit Christoph Stolte, dem Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Mitteldeutschland.

Warum braucht ein so reiches Land wie Deutschland solche Spendenaktionen?

Weil das Leben oft ganz anders kommt, als man sich das wünscht. Unser Sozialstaat sichert die Grundbedarfe von Menschen in Armut und von Menschen mit Beeinträchtigungen ab. Er sichert jedoch nicht die Schicksalsschläge des Lebens ab. Manchmal ändert sich das Leben schlagartig. Dann brauchen die Betroffenen schnell und unkompliziert eine Unterstützung. Dafür gibt es „Thüringen hilft“.

Regelmäßig lehnen Kranken- und Pflegekassen oder zuständige Ämter viele Anträge ab, obwohl die den Alltag der Betroffenen erleichtern würden. Gibt es da Lücken im System?

Mehr ist immer wünschenswert. Aber nüchtern gesagt gibt es ganz bestimmte Regelungen, die abgesichert werden. Das hat aber Grenzen. Wir bedauern das oft, weil sie aus unserer Sicht manchmal zu eng gezogen sind. Ein Beispiel: Unter Umständen kann ein Mensch mit Behinderung mit einem Elektro-Fahrrad eine sehr viel höhere Lebensqualität und vor allen Dingen Mobilität erreichen. Er kann vielleicht allein in seine Werkstatt für Menschen mit Behinderung fahren und braucht keinen Fahrdienst mehr. Aber so ein individuell angepasstes Gefährt kostet schnell mehrere tausend Euro und wird vom Kostenträger nicht übernommen. Lieber wird da jahrelang ein Fahrdienst bezahlt, was letztlich viel teurer ist.
Dann springt „Thüringen hilft“ ein und der Mensch hat plötzlich eine ganz andere Lebensqualität, weil er mobil ist, an der Gesellschaft teilhaben, Freunde besuchen oder kleine Ausflüge machen kann.

Immer häufiger wird die Spendenaktion von Seniorenheimen um Aufstehhilfen oder Patientenlifter gebeten. Warum können sich die Einrichtungen diese Geräte nicht selbst leisten? Viele unserer Leser verstehen das nicht.

Das verstehen wir ja auch oft nicht. Aber die Finanzierung des Pflegesystems ist so eng, dass die Einrichtungen das schlichtweg nicht bezahlen können, obwohl es den Menschen sehr hilft.

Und nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch dem Pflegepersonal, indem es ihnen schwere Arbeit abnimmt. Dabei wurden in der Corona-Zeit die Pflegekräfte von der Politik überschwänglich gelobt, nahezu gefeiert. Wurden sie dann wieder vergessen?

Ja. Man hat sie aus dem Bewusstsein verdrängt. Niemand kommt gern mit dem Thema Pflege in Kontakt, weil das unweigerlich das Gefühl auslöst, man könnte ja selbst mal pflegebedürftig werden. Das ist ein sehr unangenehmer Gedanke. Deswegen verschwindet das Pflegethema ganz schnell wieder aus dem Bewusstsein. Wir hatten gehofft, dass sich das durch Corona ändern würde. „Thüringen hilft“ zeigt gerade mit diesen Fällen die Defizite auf, die Pflegekassen eigentlich finanzieren müssten, damit eine bessere Unterstützung des Personals möglich wird.

Aber der Staat kann sich doch nicht darauf verlassen, dass es dann Aktionen wir unsere gibt, die diese Lücken füllen?

Deswegen fordern wir von der Politik, aber auch von Pflege- und Krankenkassen, für eine bessere Ausstattung der Pflegeeinrichtungen zu sorgen.
Aber „Thüringen hilft“ kümmert sich ja auch außerhalb dieser Einrichtungen um Menschen, die unverschuldet in eine Notsituation kommen. Etwa um die kinderreiche Familie, die völlig überraschend den Vater verlor und kein Geld für einen Grabstein hatte. Wie haben ihn bezahlt, damit diese Familie ein Ort der Trauer und der Erinnerung an den Ehemann und Vater bekam.

Christoph Stolte
Christoph Stolte, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland.© Frieder Weigmann | Frieder Weigmann

Unter den Antragstellern sind neuerdings oft kinderreiche Familien. Können sich bald nur noch Gutverdiener mehrere Kinder leisten?

Wir haben seit Jahren darauf gedrängt, dass es eine gut ausfinanzierte Kindergrundsicherung gibt, damit Kinder gut aufwachsen und an Bildung und Gesellschaft teilhaben können. Die Bundesregierung hat das nicht eingelöst. Die beschlossene Kindergrundsicherung ist so schwach ausfinanziert, dass das wieder nicht erreicht wird.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Haushaltskompromiss der Ampel?  

Das ist zwar nur eine oberflächliche Beurteilung, weil wir die Details noch nicht kennen, aber was ich so lese, treibt mir schon Sorgenfalten ins Gesicht, weil es besonders Gering- und Normalverdiener trifft. Manches ist richtig gemeint, etwa die Erhöhung des CO₂-Preises, um etwa das Verhalten im Bereich der Mobilität zu ändern – aber wer im ländlichen Raum wohnt und jeden Tag das Auto nutzen muss, um zur Arbeit zu fahren, hat gar keine Alternative, als den teuren Benzinpreis zu bezahlen, bekommt aber an keiner anderen Stelle eine Entlastung. Insofern sehen wir das kritisch, was die Bundesregierung da macht.
Ich bin froh, dass die Erhöhung des Bürgergeldes nicht mehr zur Disposition steht, auch wenn viele sagen, 12 Prozent seien zu viel. Dabei ist allein der Inflationsindex bei Lebensmitteln seit 2020 deutlich höher.

Die Erhöhung stand lange auf der Kippe …

Ich fand diese Diskussion schlichtweg ungehörig. Es wird immer darauf gedrängt, dass sich Arbeit lohnen muss. Wir beobachten aber, dass der Abstand zum untersten Lohn deshalb so gering ist, weil gerade in Mitteldeutschland sehr viele Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten. Wenn man den Abstand vom Bürgergeld zu den Tariflöhnen misst, ist er ganz erheblich.

Welche sozialen Bereiche sind denn besonders auf Hilfe angewiesen?

Vor allem jene Bereiche, die mit Teilhabe an der Gesellschaft zu tun haben. Dass Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – Einschränkungen haben, dauerhaft und verlässlich Unterstützung durch unseren Staat erfahren, das ist uns besonders wichtig.
Ebenso die Frage, wie Menschen zu guter Bildung kommen, und zwar alle Menschen, nicht nur Kinder des Bildungsbürgertums. Der Begriff „nachhaltig“ wird meist nur auf die Energie bezogen. Nachhaltig ist es aber auch, dass alle Kinder in der Schule so gefördert werden, dass sie einen guten Schulabschluss machen, in Ausbildung kommen. Das ist nachhaltig, weil sie später am Berufsleben teilhaben können und nicht auf Transferleistungen angewiesen sind.

Es ist bald Weihnachten - was wünschen Sie sich für das kommende Jahr?

Dass wir in unserer Gesellschaft aufhören, einzelne Menschengruppen gegeneinander ausspielen, immer zu vergleichen, ob der eine mehr oder der andere weniger hat, sondern dafür sorgen, dass jeder in Würde leben kann. Und das alles mit einer großen Weitherzigkeit, Barmherzigkeit und viel mehr Gelassenheit.

Wer „Thüringen hilft“ unterstützen möchte:

Spendenkonto: DE89 8205 1000 01250222 20
Empfänger: Diakonie Mitteldeutschland.
Kennwort: Thüringen hilft.
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