Mitten in der Nacht auf einer Farm in Western Australia: Die Scheinwerfer eines Autos schneiden durch die Dunkelheit und erfassen einen Teppich, der zu leben scheint. Unzählige kleine Körper huschen im Lichtkegel hin und her. An anderen Orten nagen Dutzende Mäuse an Autoreifen, als wäre das Gummi eine Delikatesse. Es sind Szenen wie aus einem Horrorfilm – doch für die Getreidebauern im Westen des Kontinents ist dieser Albtraum die gelebte Realität, jede Stunde, jede Nacht.

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Eine australische Farm hat meist Dimensionen, die europäische Vorstellungen sprengen. Belinda Eastough, 59 Jahre alt, Landwirtin und Agronomin, bewirtschaftet allein 4500 Hektar Anbaufläche. Das entspricht etwa 6300 Fußballfeldern. Doch auf diesem riesigen Areal hat sie es mit einem Gegner zu tun, den sie kaum bezwingen kann. „Die betroffenen Gebiete verzeichnen im Schnitt 20 bis 30 Bauten pro 100 Quadratmeter“, berichtet Eastough. Hochgerechnet bedeutet das bis zu 6000 Mäuse pro Hektar.
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In Spitzenregionen um Geraldton spricht die Branchenorganisation Grain Producers Australia sogar von bis zu 10.000 Tieren. Zum Vergleich: Laut Steve Henry, Experte der Wissenschaftsagentur CSIRO, gilt die Situation bereits ab 800 Tieren offiziell als Plage.
Ein „perfekter Sturm“
Die Ursache für diese Bevölkerungsexplosion ist ein Paradox des Erfolgs. Nach harten Trockenjahren folgten vier überdurchschnittlich gute Saisons. „Es ist schlicht zu viel Nahrung im System“, erklärt Henry. Die Nager konnten deswegen ununterbrochen züchten. Ein Weibchen ist bereits mit sechs Wochen geschlechtsreif und wirft alle drei Wochen bis zu zehn Junge.
Belinda Eastough sieht zudem eine politische Komponente: Das Verbot von Lebendschafexporten habe dazu geführt, dass weniger Tiere die Reste auf den Feldern fressen. „Das Verbot hatte massive nachgelagerte Effekte“, sagt sie. Zudem zwangen wirtschaftliche Zwänge viele Farmer zum Umstieg auf Raps – eine Pflanze, die beim Wachsen Körner verliert und den Mäusen so einen unerschöpflichen Vorrat bietet.
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Kampf an mehreren Fronten gleichzeitig
Was die Lage für die Familienbetriebe so unerträglich macht, ist das Zusammentreffen mehrerer Belastungen. Während die Mäuse das frisch ausgesäte Saatgut direkt aus dem Boden fressen, treiben die geopolitischen Spannungen im fernen Iran die Preise für Diesel und Dünger in schwindelerregende Höhen. Landwirtschaftsministerin Julie Collins räumte bereits ein, wie schwer die Last für die Produzenten derzeit wiegt.
Zu den vernichteten Ernten und den verdoppelten Kosten gesellt sich nun die nächste Hiobsbotschaft der Meteorologen: Für die kommenden Monate wird eine neue Dürre vorhergesagt. Es ist ein Mehrfrontenkrieg, der an die Substanz geht. „Wenn solche Ereignisse wie die Mäuseplage passieren, fügt das all den Problemen, mit denen wir ohnehin konfrontiert sind, eine weitere Belastung hinzu“, sagt Eastough.
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„Man kommt buchstäblich nicht mehr von ihnen weg“
Das Tückische an dieser spezifischen Krise ist ihre Unausweichlichkeit. Steve Henry beschreibt den Unterschied zu anderen Naturkatastrophen drastisch: „Mäuse sind anders als andere Probleme. Bei einer Dürre kann man die Tür schließen, die Klimaanlage einschalten und sich eine Auszeit gönnen. Aber bei einer Mäuseplage sind die Mäuse im Haus. Man kommt buchstäblich nicht mehr von ihnen weg.“ Der psychologische Effekt sei beispiellos, weil das Problem einem bis nach Hause folge – in die Vorratsschränke, die Kleiderschubladen und sogar bis ins Bett.
Eastough berichtet von Farmern, die bis zu 40 Tiere pro Nacht im eigenen Haus fangen. Ein Nachbar musste feststellen, dass die Nager sogar ein Loch in seine Matratze gefressen hatten. Neben der zermürbenden Präsenz steigen die medizinischen Risiken: Krankheiten wie Leptospirose können sich in solchen Phasen vervierfachen.
„Der Stress geht nie weg“
Die Bauern haben kaum wirksame Mittel zur Hand. Zugelassen ist ein Köder mit 25 Gramm Zinkphosphid pro Kilogramm Bait – doch die Forschung zeigt, dass dieser in der Praxis kaum wirkt: Die Standarddosis tötet in 80 Prozent der Fälle nur 20 Prozent der Mäuse. Die doppelte Dosis wäre weitaus effektiver – sie tötet 80 Prozent der Tiere in 80 Prozent der Fälle –, ist aber bislang nicht dauerhaft zugelassen. Anträge wurden von den Behörden abgelehnt, obwohl Peer-Review-Studien die höhere Dosis stützen.
Eine Hoffnung bleibt: Mausplage enden oft so abrupt, wie sie begonnen haben. Wenn Nahrung knapp wird und sozialer Stress die Population schwächt, können die Zahlen innerhalb weniger Wochen dramatisch einbrechen. In Western Australia freilich ist der Ausgangspunkt so hoch, dass dieses natürliche Ende noch weit entfernt scheint.
Für die Betroffenen zählt ohnehin nicht die ferne Aussicht auf Entlastung, sondern der Alltag im Ausnahmezustand. „Ein Nine-to-five-Job ist ein anderer Stress“, sagt Belinda Eastough. „Bauern gehen nie nach Hause – und der Stress geht nie weg.“









