Mit der ungewöhnlichen Geschichte einer ehemaligen Schülerin ihrer Schule haben vier Schüler der Kooperativen Gesamtschule „Herzog Ernst“ in Gotha den 23. Geschichtswettbewerb der Stiftung Ettersberg gewonnen. Ihre Arbeit „Frei sein ist genau das, was ich immer wollte“ erzählt auf 240 Seiten von Ines Wagner, die in den 1980er Jahren zwischen die Mühlsteine staatlicher Umerziehung in den berüchtigten Jugendwerkhöfen und der Staatssicherheit geriet.

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Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile: Erst schildert Ines Wagner selbst ihre traumatischen Erlebnisse, dann rekonstruieren die Schüler auf Grundlage unzähliger Akten und anderer historischer Quellen deren Biografie. „Sie stellen dadurch die Aussagen der Zeitzeugin in einen größeren Zusammenhang, untersuchen etwa die Schriftstücke, Einschätzungen und Beurteilungen der Schule oder befragen ehemalige Mitschülerinnen, wie sie die gemeinsame Schulzeit und das Verschwinden ihrer Mitschülerin erlebt haben“, erklärt der Juryvorsitzende Björn Berggold bei der feierlichen Preisverleihung am Dienstagnachmittag in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt.

Umerziehung und Auschwitz-Biografie: Schüler begeistern Jury mit Recherchen
Ines Wagner wurde erst in ein sogenanntes Durchgangsheim verbracht, eine Aufbewahrungsanstalt für Kinder, die aus Sicht des Regimes als problematisch galten, und sollte letztlich gegen ihren Willen in einem Jugendwerkhof „umerzogen“ werden. „Die Akribie, mit der die vielen und vielfältigen Quellen gesichtet und für die Arbeit ausgewertet werden, hat die Jury sehr beeindruckt“, begründet Berggold den ersten Platz, der mit 1000 Euro dotiert ist.

Schüler beleuchten NS-Täterbiografie von Eduard Wirths aus Jena
Platz zwei und damit 750 Euro sprach die Jury vier Schülern vom Ernst-Abbe-Gymnasium Jena zu. Unter dem Titel „Eduard Wirths – Ein vergessener Arzt im Dienst des Nationalsozialismus. Perspektiven der Erinnerungskultur in Jena und Weimar“ erzählen sie die Täterbiografie des Jenaer Mediziners Eduard Wirths, der als Standortarzt im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz diente. „Für die Seminarfachgruppe ist es angesichts der Taten, die er dort begeht, bevor er sich nach Kriegsende und Gefangennahme suizidiert, unverständlich, warum Wirths verhältnismäßig geringe Bekanntheit besitzt, zumal in Thüringen“, so Berggold. „Dem wollen sie mit ihrer Arbeit etwas entgegensetzen.“
So sehen Sieger aus
Kann und sollte die Aufklärung über den Nationalsozialismus bereits in der 5. und 6. Klasse im Geschichtsunterricht stattfinden? Dieser Frage gingen vier Schüler der Edith-Stein-Schule in Erfurt nach und beantworten sie unter dem Titel „NS-Aufklärung in der Unterstufe – Warum es wichtig ist und wie es umsetzbar ist“. Dafür erhielten sie den 3. Preis und 500 Euro. Einerseits könnten Kinder und Jugendliche im Internet schon alles sehen, andererseits setzten sie sich aber erst im Geschichtsunterricht der 9. oder 10. Klasse tiefgründig mit dem Nationalsozialismus auseinander. „Dabei seien Kinder in Klasse 5 und 6 kognitiv und moralisch weit genug entwickelt, um sich altersangemessen mit der Thematik im Unterricht zu beschäftigen“, so das Fazit.

Mit 250 Euro dotierte Sonderpreise gingen an Schüler folgender Schulen:
Staatliches Gymnasium „Geschwister Scholl“ Sondershausen: Wie verlief die Wendezeit eigentlich in einem kleinen Dorf in Nordthüringen anhand des Ortes Badra?
Jenaplan-Schule Jena: Auswirkungen der Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit auf die Kommunikation innerhalb des persönlichen Umfeldes
Staatliches Gymnasium „Johann Heinrich Pestalozzi“ Stadtroda: Gedenken an die durch die Kindereuthanasie getöteten Opfer während der Zeit des Nationalsozialismus in Stadtroda – die historische Rolle des Asklepios Fachklinikums, exemplarisch dargestellt an der Realisierung einer Stolperschwelle

Otto-Schott-Gymnasium Jena: Eigensinn in der Diktatur: Die Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit und ihre Auswirkungen am Beispiel der Friedensgemeinschaft Jena

Staatliche Gemeinschaftsschule Sonneberg: Stolpersteine als Form der Erinnerungskultur. Lokale Erinnerung als Verantwortung einer demokratischen Gesellschaft
Insgesamt wurden 28 Arbeiten von 114 Thüringer Schülerinnen und Schülern eingereicht.















