Sie konnten sich ihr Staatsoberhaupt nicht aussuchen, und doch hätten sie kein anderes gewollt: Norwegen trauert um König Harald. Der älteste regierende Monarch in Europa ist am 28.8. im Alter von 89 Jahren gestorben. Er hat es geschafft, als König relevant zu bleiben, auch als die Skepsis gegenüber der Monarchie selbst wuchs. Sein Sohn Haakon (53) ist somit der neue König.

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Haralds Stärke war es, die Norweger zu erreichen und zu verbinden. Ikonisch wurde etwa die Rede zum 25-jährigen Thronjubiläum im Jahr 2016. König Harald und Königin Sonja hatten 1500 Menschen aus allen Ecken des Landes zu einem Fest im Schlosspark eingeladen. „Was macht Norwegen aus?“, fragte der Gastgeber. Die geliebte Natur, sicher. Aber vor allem seien es die Menschen. Menschen aus so unterschiedlichen Regionen wie Nordlandet, Sørlandet und Trøndelag.
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Und dann legte er los: Norweger seien auch eingewandert aus Afghanistan, Pakistan, Polen, Schweden, Somalia und Syrien. „Meine Großeltern kamen vor 110 Jahren aus Dänemark und England“, daran erinnert er, bevor er weitere Kategorien der Vielfalt öffnete. Norweger seien reich, arm und mitten dazwischen. Norweger liebten Fußball, Handball, Bergwanderungen, Segeln – oder vor allem ihr Sofa.
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Norwegens König betonte Vielfalt und Zusammenhalt der Gesellschaft
Der König zählte Berufsgruppen, Körpergrößen, Gesundheitszustände, Familienformen auf – und dann wie selbstverständlich auch sexuelle Orientierungen und Religionen. Norweger seien Mädchen, die Mädchen lieben, Jungs, die Jungs lieben, und Jungs und Mädchen, die einander lieben. Norweger glaubten an Gott, Allah, alles und nichts. „Mit anderen Worten, ihr seid Norwegen. Wir sind Norwegen“, sagte er, an seine Gäste gerichtet. Seine größte Hoffnung sei, dass sie es schafften, aufeinander achtzugeben.
Erst seit 1905 ist Norwegen wieder ein eigenständiges Königreich, nach Jahrhunderten unter dänischer und/oder schwedischer Herrschaft. Harald war nach seinem Großvater Haakon VII. und seinem Vater König Olav V. seit 1991 der dritte Regent dieser neuen Zeit, und der erste, der auch in Norwegen geboren worden war. Dass ein Mann seiner Generation die gesellschaftlichen Veränderungen nicht nur hinnahm, sondern reflektierte, respektierte und als König dafür einstand: Es ließ seine Bedeutung weiter wachsen.
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Starker Zusammenhalt Norwegens auch in Krisenzeiten
Mit Worten zu verbinden, war ihm auch 2011 gelungen, als Norwegen nach dem rechtsextremen Terror von Anders Behring Breivik in Schockstarre verharrte, nach Bomben im Regierungsviertel und dem unvorstellbaren Massaker an Jugendlichen auf Utøya. Er halte fest an dem Glauben an eine offene norwegische Demokratie und Gesellschaft, daran, dass die Freiheit stärker sei als die Angst, sagte er. Und schon damals rief er die Menschen dazu auf, aufeinander achtzugeben.

Heitere Auftritte ohne viele Worte gab es natürlich auch. Jährlich zum Nationalfeiertag am 17. Mai stand König Harald mit seiner Familie winkend auf dem Schlossbalkon, während tausende Schulkinder unten vorbeidefilierten, fröhlich norwegische Flaggen schwenkend. Bei allem rollengemäßen Abstand konnte die Bevölkerung in ihm einen der ihren erkennen. Seine besonnene, humorvolle Art hatte ihren Anteil daran, und nicht zuletzt seine Leidenschaft für Aktivitäten in der Natur.
Langlauf zu Ostern, Sommerurlaub am Lieblingsfjord – und vor allem das Segeln. Darin war er wiederum überdurchschnittlich gut, ein Familienerbe. 1964, 1968 und 1972 – dreimal repräsentierte der damalige Kronprinz sein Land bei Olympischen Spielen. Der größte Erfolg kam später: 1987 holte er in Kiel den Weltmeistertitel in der Eintonner-Klasse. Erst mit 85 Jahren zog der König sich endgültig zurück aus dem aktiven Regatta-Sport.
König Harald blieb trotz Skandalen und Krisen Fels in der Brandung
Dass er einst neun Jahre darauf gewartet hatte, seine große Liebe heiraten zu dürfen, und dass er nicht aufgegeben hatte, legte vielleicht den Grund für das Vertrauen in ihn. Seine Beziehung zu Sonja Haraldsen, einer Bürgerlichen, begann als Skandal. Nicht wenige unkten, das Königshaus würde zugrunde gehen, wenn das Fräulein einheirate. Dieses Drama endete glücklich – es lief deutlich besser als eine Generation später für Kronprinz Haakon.
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Aber auch bei dem, was das norwegische Königshaus in den vergangenen Jahren erschütterte, bewahrte dessen Oberhaupt die Ruhe. Die Enthüllungen über Kronprinzessin Mette-Marits Epstein-Kontakte, ihre schwere Lungenerkrankung, der Vergewaltigungs-Prozess gegen ihren ältesten, nichtroyalen Sohn Marius: König Harald äußerte sich zurückhaltend und wenn, dann vor allem besorgt um die Familie.
König Haralds Tod: Norwegen blickt vorerst mit Wehmut in die Zukunft
Er galt weiterhin als Anker in unruhigen Zeiten – sogar, als die Unruhe aus dem Königshaus selbst kam. „Wie könnte ein gewählter Präsident, der alle paar Jahre ausgewechselt wird, dieselbe Art von Stabilität garantieren?“, argumentierten diejenigen, die am Königshaus festhalten wollen.
Solange König Harald lebe, solle die Monarchie bleiben, sagten auch die, die deren prinzipielles Ende fordern. Als Harald im Februar 2026 auf Teneriffa wegen einer Infektion ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sendeten die Medien minütlich Updates. Er war da schon 89 Jahre alt. Ein nahender Tod musste für denkbar gehalten werden, gefürchtet wurde er dennoch.
Damals ging es gut aus. Bald war der König wieder zu Hause, bald saßen er, Königin Sonja und Kronprinz Haakon wieder als Zuschauer beim Skirennen am Holmenkollen. Wie jedes Jahr, so war es Tradition. Ihn dort nie wieder sitzen zu sehen, ebensowenig wie auf dem Schlossbalkon am 17. Mai oder bei seinen traditionellen Reisen durch die Provinzen: Das kommt nun auf die Norweger zu. Sich ihr Land ohne König Harald vorzustellen, dürfte ihnen noch eine Weile schwerfallen.










