Ich hatte als Kind schon einen Anker-Baukasten und den hatte ich von meinem Opa übernommen. Daran sieht man schon das Alter der Baustein-Idee. Unsere Enkel spielen gern mit Lego, also meinten wir, dann könnten die Anker-Bausteine vielleicht auch ganz interessant sein. Das Anker-Werk Rudolstadt bietet Führungen an, auch für Kinder geeignet, also entschieden wir über deren Köpfe hinweg, in den Ferien eine solche mitzumachen und ihnen die Bausteine sozusagen vorzustellen.

Spielzimmer verkürzt Wartezeit und begeistert kleine Baumeister

Wir meldeten den Wunsch nach einer Führung im Internet an und nach der Zusage konnte es schon losgehen. Wir fuhren nach Rudolstadt, die Anker-Fabrik liegt unweit des Bahnhofes, und nach unseren Bahnerfahrungen hatten wir eine Toleranzzeit eingeplant, bis die Führung beginnen sollte. Wie es manchmal so ist, der Zug war pünktlich, wir hatten noch Zeit und fragten nach, ob man uns schon eher führen könnte, das ging aber nicht, weil noch eine Familie erwartet wurde. Die Wartezeit war das Beste, was uns passieren konnte, denn wir wurden ins Spielzimmer gebracht, wo die Kinder schon mal mit verschiedenen Kästen spielen konnten. Es gab kleine mit weniger Bausteinen und große mit vielen und komplexen Bauwerken.

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Damit alle Steine wieder in ihre Kiste passen, verraten Anleitungen, wie sie wieder eingeräumt werden müssen.© Regina Rothenberger | Regina Rothenberger

Selbst das Einräumen macht Kindern Freude

Die Kinder und der Opa fingen gleich an, die Kästen auszuräumen und zu bauen. In jedem Kasten lagen Bauanleitungen für unterschiedliche Gebäude aus den vorhandenen Steinen. Los ging es, es machte den Kindern Spaß und sie waren begeistert davon, dass die Bauwerke hielten, auch ohne Noppen, nur aus Statik. Nun liegen den Kästen auch jeweils die Anleitungen bei, wie sie wieder eingeräumt werden müssen, damit alles passt. Das ist ja normalerweise der Prozess der sinkenden Freude bei Kindern, erstaunlich war, dass beide Freude am Einräumen hatten.

Die anderen Teilnehmer der Führung kamen dann doch nicht, also wurde die Führung nur für uns gemacht und wir durften alle Produktionsabschnitte begutachten und auch betasten. Die Steine bestehen ja nur aus Sand, Schlämmkreide und Leinöl, sie werden gepresst und dann getrocknet, es kommt auch Farbe dazu, ursprünglich, Rot, Blau und Gelb, inzwischen sind sie bunter. Erfunden wurden die Bausteine von den Brüdern Gustav und Otto Lilienthal (ja der Lilienthal), sie hatten aber Probleme mit dem Marketing und verkauften die Erfindung an den Unternehmer Friedrich Adolf Richter, der so ein Hansdampf in allen Gassen war und alles Mögliche verkaufte, er ließ die Steine patentieren und verkaufte sie unter anderem in seinen pharmazeutischen Werken. Richter suchte dann einen Ort, der zentral in Deutschland lag und somit gut für den Handel geeignet war.

Selbst Einstein und Gropius bauten mit Anker-Steinen

Den fand er in Rudolstadt, wo er ab 1882 die Steine produzieren ließ, die pharmazeutischen Werke, Sandoz, sind auch heute noch in Rudolstadt ansässig. Das Anker-Symbol hatte sich Richter wohl einfach so ausgedacht ohne Bezug zum Namen oder so. Als bekennende Anker-Baustein-Nutzer können noch Albert Einstein und Walter Gropius genannt werden, letzterer soll sie sogar für seine Studenten mit genutzt haben. In der DDR wurde der Betrieb 1953 in den volkseigenen Betrieb „VEB Anker-Steinbaukasten“ umgewandelt. Am 31. Dezember 1963 wurde die Produktion offiziell eingestellt.

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Mittlerweile gibt es die Bausteine in rund 2000 Formen und 26 Farben.© Regina Rothenberger | Regina Rothenberger

Steine in 2000 Formen und 26 Farben

Die Wiederaufnahme der Produktion erfolgte 1995 durch die Anker Steinbaukasten GmbH. Der Ankerstein-Liebhaber Georg Plenge konnte, unterstützt durch Mittel der EU und des Landes Thüringen, in jenem Jahr mit 26 Mitarbeitern die Produktion eines Grundbaukastens aufnehmen. Inzwischen gibt es auch neue Produkte und eine größere Farbpalette, so gibt es jetzt ungefähr 2000 Steinformen und 26 Farben. 2017 übernahm die AWO den Betrieb und er ist seitdem Inklusionsbetrieb mit insgesamt zehn Mitarbeitern.

Zum Abschluss unserer Führung durfte jeder seinen eigenen Stein pressen, mit Glitter die Enkelin, zweifarbig der Enkel. Leider müssen die Steine noch acht Wochen trocknen...