Seit 1896 gilt Thüringen dank des Wanderschriftstellers August Trinius als „Grünes Herz Deutschlands“. Um 1900 stieg vor allem der Thüringer Wald zum touristischen Naturparadies auf. Auch die Beliebtheit des Rennsteigs als heute meistbegangener Weitwanderweg Deutschlands geht in diese Zeit zurück. Das rasante Durchstarten des Tourismus war eng mit der Eisenbahn verbunden. Denn es waren vor allem die Bewohner der wachsenden Städte, die Erholung im Grünen suchten. Allen voran Erfurt wuchs explosionsartig zur Industriegroßstadt, die 1906 die Marke von 100.000 Einwohnern überschritt.
Eisenbahn öffnet Thüringer Wald für Tourismus und Erholung
So wurde die Eisenbahn nicht nur Beschleuniger der Industrialisierung, sondern auch für Naherholung, Tourismus und Wanderbewegung. Vorzugsweise am Sonntag – der arbeitsfreie Samstag wurde erst 1967 eingeführt – bewegten sich zahlreiche Städter in Richtung der nahen Berge. Auch für gut betuchte Urlauber aus nah und fern blieb die Bahn lange das maßgebliche Reisemittel.

Am Anfang stand die Thüringer Eisenbahn (1847) mit der Städtekette Eisenach-Gotha-Erfurt-Weimar-Apolda, die bald mit Frankfurt/M. und Berlin verbunden wurde. Ihr folgte die Querung durch den Thüringer Wald Erfurt–Suhl–Schweinfurt (1884). Hinzu kamen die Werrabahn Eisenach–Meiningen–Coburg (1858) und zahlreiche Strecken hinauf in die Waldorte. Über Jahrhunderte von Wald, Kräutern und Heimarbeit lebende Dörfer wandelten sich so zu Urlaubsorten. Der Umbau des Geleitshofes Oberhof zu „Thüringens modernster Sommerfrische“ sorgte bei Naturfreunden wie August Trinius auch für Unbehagen: „Oberhof, der wie über Nacht herbeigezauberte Kurort, gehört allein noch den reichen Großstädtern.“
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Andererseits kommt Trinius bisweilen ins Schwärmen: „Kein Kurort Thüringens darf sich mit der Schönheit Friedrichrodas messen. Dieser Reiz, die Fülle der Ausflüge, ein meilenweit in den Waldbergen sich verlierendes, gepflegtes Wegenetz, Wald- und Bergluft: dies alles hat den Waldort zu einer ersten, vornehmen und gefeierten Sommerfrische emporblühen lassen.“ Vermögende „Sommerfrischler“, wie der Berliner Unternehmer Carl Spindler in Bad Tabarz, trugen zu dieser Entwicklung aktiv bei. Sie kamen nicht nur zum Urlaub in die imposanten Hotels im Gründerzeitstil, sondern errichteten sich teils eigene Villen als Sommersitz.
Wandervereine prägen Thüringens Tourismusgeschichte bis heute
Das Tourismusland Thüringen erzielte so in ganz Deutschland rasch wachsende Ausstrahlung und wurde von breitem Engagement getragen. Neben dem Thüringerwald-Verein (1880) und Rennsteigverein (1896) mit tausenden Mitgliedern entstand 1921 der Verbund der Thüringer Berg-, Burg- und Waldgemeinden. Dies war auch eine Reaktion auf die Moderne in den Industriestädten. Neben Wandern, Wegepflege und Ausflugslokalen betrieben die Vereine eine patriotische Idealisierung von Natur und Heimat. Dies führte vor allem nach dem Ersten Weltkrieg 1914/18 bisweilen auch zu nationalistischen Übersteigerungen, ohne das Hauptanliegen aus den Augen zu verlieren.

In der DDR wurden die „bürgerlichen“ Vereine aufgelöst und durch staatliche Organisationen ersetzt. Seit der deutschen Einheit 1990 sind die wiedergegründeten Vereine sowie der Thüringer Gebirgs- und Wanderverein und der Thüringer Wanderverband das Rückgrat der Wanderbewegung.
Gastautor Dr. Steffen Raßloff ist Historiker und Autor des Buches „Thüringen. Grünes Herz mit großer Geschichte“ (2026).





