Das von Russland besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja bereitet erneut Sorgen. Schon seit einer Woche hängt die Anlage nicht mehr am Stromnetz. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte vor einer nuklearen Katastrophe. Die Lage sei kritisch, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft. „Dieselmotoren gewährleisten die Stromversorgung“, sagte er. Über einen so langen Zeitraum sei das bislang noch nie getestet worden. Zudem gebe es Informationen darüber, dass einer der Generatoren ausgefallen sei.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Selenskyj machte Russland für die Lage vor Ort verantwortlich. Die russischen Truppen störten mit ihrem ständigen Beschuss Versuche, die Stromleitungen zum AKW zu reparieren, sagte er. Die von Moskau nach der Besetzung der Nuklearanlage eingesetzte Kraftwerksleitung von Rosatom dementierte Probleme mit den Generatoren. Für den Ausfall der regulären Stromversorgung macht Russland seinerseits ukrainischen Beschuss verantwortlich. 

Das AKW Saporischschja ist mit seinen sechs Meilern das größte Kernkraftwerk Europas. Es wurde kurz nach Kriegsbeginn 2022 von russischen Truppen besetzt. Wegen der anhaltenden Kämpfe in der unmittelbaren Nähe und dem Auslaufen des für die Kühlung genutzten Stausees musste die Anlage im vergangenen Jahr heruntergefahren werden.

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Seit Kriegsbeginn immer wieder Kühlprobleme am AKW Saporischschja

Seit der Besetzung des AKWs gab es schon häufiger Probleme mit der Stromversorgung. Beobachter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) sollen für die Sicherheit der Anlage sorgen. IAEA-Chef Rafael Grossi hat mehrfach mit beiden Kriegsparteien verhandelt, um die Lage am AKW zu deeskalieren. Im regulären Betrieb hatte das AKW fünf externe Stromleitungen.

Auch ein abgeschaltetes Atomkraftwerk – ein so genanntes „kaltes Atomkraftwerk“ – ist auf eine regelmäßige Stromversorgung angewiesen. Was der Stromausfall auch für Deutschland bedeutet, erläutert der Leiter des radiologischen Notfallschutzes im Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), Florian Gering, dieser Redaktion.

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Wie wichtig ist die Stromversorgung in dem Atomkraftwerk?

Auch ein „kaltes Atomkraftwerk“ braucht externen Strom, um die Brennelemente zu kühlen. Viele längerlebigen Spaltprodukte in den Reaktoren zerfallen und erzeugen dabei erhebliche Wärme. Diese geht mit jedem Tag zurück, doch auch in den Folgejahren wird noch Elektrizität gebraucht, um die Reaktoren zu kühlen. Ohne Kühlung würden sich auch in einem abgeschalteten AKW die Brennelemente derart erhitzen können, dass dies zu einer Kernschmelze führen könnte. Dies würde jedoch einige Tage oder Wochen dauern und nicht wie bei einem laufenden AKW innerhalb von ein bis zwei Stunden passieren.

Blick von oben auf das Atomkraftwerk Saporischschja.
Blick von oben auf das Atomkraftwerk Saporischschja. © dpa/Planet Labs Pbc | Unbekannt

Ist das AKW trotz Abschaltung gefährlich?

Die Radioaktivität in den Blöcken ist seit dem Abschalten stark zurückgegangen. Alle kurzlebigen Spaltprodukte, die im Betrieb entstehen, sind im Zerfall. Das radioaktive Jod, das bei AKW-Unfällen einen der kritischsten Stoffe darstellt, ist so stark zurückgegangen, dass es keine nennenswerte Rolle mehr spielt. Die Risiken sind durch das Abschalten geringer geworden. Die Situation ist dadurch zwar nicht unbedenklich, aber nicht mehr ganz so bedrohlich wie im vergangenen Herbst.

Wie wäre die Ukraine durch einen AKW-Notfall betroffen?

Wenn es in einem der vier AKW zu einem unbeherrschbaren Notfall wie in Fukushima oder Tschernobyl kommen würde, erwarten Atomexperten in einem Nahbereich bis 20 Kilometer die größten Strahlenbelastungen. Hier besteht die größte Gefahr, an Krebs zu erkranken. Die Betroffenen müssen mit einer Evakuierung rechnen.

In 100 bis 200 Kilometern Entfernung ist die Bevölkerung auch noch erheblichen Strahlenlasten ausgesetzt. Hier sollten sich die Menschen zum eigenen Schutz in Häusern oder im Keller aufhalten – insbesondere Kinder, Jugendliche und Schwangere sollten Jodtabletten erhalten. Da das AKW Saporischschja bereits seit Längerem abgeschaltet ist, wäre dort bei einer Havarie mit einer vernachlässigbaren Jodbelastung zu rechnen.

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Was bedeutet eine Havarie für die Nachbarstaaten und Deutschland?

In größeren Entfernungen hängt die Strahlenbelastung stark vom Wetter und der Windrichtung ab. Auch in mehreren 100 Kilometern Abstand kann in Ausnahmefällen bei Kindern, Jugendlichen und Schwangeren noch die Einnahme von Jodtabletten sinnvoll sein.

In großen Entfernungen wie in Deutschland, das mindestens 1500 Kilometer von Saporischschja entfernt ist, wären die Folgen beschränkt und würden sich wahrscheinlich auf Lebensmittel konzentrieren. Hier angebaute Lebensmittel müssten auf Radioaktivität kontrolliert werden. Kontaminierte Importe müssten verhindert werden. Jodtabletten wären nicht notwendig. Selbst das nächstgelegene AKW in der Ukraine, Riwne, liegt etwa 800 Kilometer von Deutschland entfernt.

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mit Material von dpa

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