Zwölf Minuten. So lange bewegten sich drei russische Kampfjets vom Typ MiG-31 am Freitagabend unerlaubt durch den Luftraum Estlands – und damit den der Nato. Der Vorfall ereignete sich über dem Finnischen Meerbusen, wie das estnische Außenministerium in Tallinn mitteilte. An der Luftraumüberwachung über Estland beteiligte Nato-Jets fingen die Flugzeuge nach Angaben des Verteidigungsbündnisses ab.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die Nato habe „umgehend“ auf die russische Luftraumverletzung reagierte, erklärte Sprecherin Allison Hart im Onlinedienst X. Es handle sich um ein „weiteres Beispiel für das rücksichtslose Verhalten Russlands und die Fähigkeit der Nato, darauf zu reagieren“. Estland beantragte noch am Abend Konsultationen nach Artikel 4 des Nato-Vertrags.

Nur wenige Stunden später folgte eine zweite Provokation: Der polnische Grenzschutz meldete, dass zwei russische Kampfflugzeuge in die Sicherheitszone einer Bohrplattform in der Ostsee eingedrungen seien. Die Jets seien im Tiefflug unterwegs gewesen, heißt es.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Putin provoziert: Estland spricht von „beispielloser Dreistigkeit“

Der Partei- und Fraktionsvorsitzende der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber, hatte nach dem Vorfall in Estland eine starke Antwort gefordert. Der russische Präsident Wladimir Putin „provoziert nicht nur, er testet unsere europäische Verteidigungsfähigkeit“, sagte der CSU-Politiker dieser Redaktion. „Auf diese Vorfälle kann es nur eine Antwort geben: Wir brauchen jetzt eine starke europäische Luftverteidigung mehr denn je.“

Der estnische Chefdiplomat Margus Tsakhna erklärte, Russland habe den Luftraum seines Landes zwar in diesem Jahr bereits vier Mal verletzt, der nun festgestellte Vorfall sei aber „von beispielloser Dreistigkeit“. Russische Flugzeuge waren bereits am 13. Mai, am 22. Juni und zuletzt am 7. September in den Luftraum der nördlichsten baltischen Republik eingedrungen.

210957_1325_210957_cover.jpg
#23 Jan van Aken über Waffen, Viren und das Geheimnis von Heidi Reichinnek
Meine schwerste Entscheidung
 

Russland: Experte spricht vom Ausweiten einer „Grauzone“

Die Frequenz der militärischen Provokationen Russlands hat zuletzt deutlich zugenommen. Erst in der vergangenen Woche waren rund 20 russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen. Nur vier von ihnen konnten abgeschossen werden. Die Rufe nach einer Stärkung der Nato-Ostflanke und einer besseren Luftverteidigung des Bündnisses sind seither noch lauter geworden. Immer wieder fordern Politikerinnen und Politiker eine „entschlossene Reaktion“ des Westens.

Doch wie diese aussehen kann, darüber gibt es bislang keine Einigung. Der Militärexperte Nico Lange übt daran scharfe Kritik. „Nach den schwachen und inkonsequenten Reaktionen der Nato-Europäer auf die russische Drohnen-Operation waren weitere russische Tests erwartbar“, sagte Lange unserer Redaktion. „Putin will eine Grauzone erzeugen, und wir lassen leider Klarheit vermissen.“ Es gebe mehrere Optionen, sagte der Experte: Entweder schieße man Flugzeuge ab, die den Nato-Luftraum verletzen, oder man greife zu anderen Konsequenzen, etwa Schiffe der russischen Schattenflotte zu stoppen oder Diplomatenvisa von russischen Staatsbürgern zu stornieren. Ohne eine solche Antwort, sagte Lange, werde Putin die „Grauzone ständig erweitern und die Gefahren für uns erhöhen“.

Aktuelle News zum Ukraine-Krieg

Putin: Ukrainischer Botschafter verweist auf drastische türkische Reaktion

Dass die Gefahr für die Bevölkerung auch darin bestehen kann, bei militärischen Handlungen in Mitleidenschaft gezogen zu werden, zeigt das Beispiel eines Wohnhauses in Polen. Es war im Zuge der russischen Drohnen-Operation vor gut einer Woche beschädigt worden. Nach Regierungsangaben aus Warschau wurde es vermutlich von der Rakete eines westlichen Kampfjets getroffen. Die Bilder vom zerstörten Dach des Hauses im ostpolnischen Dorf Wyryki, 15 Kilometer von der Grenze zu Belarus, gingen um die Welt.

Der Ostbeauftragte der Grünen-Bundestagsfraktion, Robin Wagener, warnte eindringlich. „Putin verwischt gezielt die Grenzen seines Krieges“, sagte der Politiker unserer Redaktion. „Wir müssen uns verteidigungsbereit zeigen und zugleich Ruhe bewahren“, mahnte er, „denn auch das signalisiert unsere Stärke als Bündnis.“

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, antwortete auf die Frage unserer Redaktion, wie eine angemessene Reaktion des Westens aussehen könnte, kurz und knapp: „Wie die der Türkei im Jahr 2015.“ Im November 2015 war ein russischer Jet vom Typ Su-24 laut Ankara ins türkisch-syrische Grenzgebiet eingedrungen, 17 Sekunden lang. Die türkische Luftwaffe machte kurzen Prozess und schoss den Jet ab. Die darauf folgende diplomatische Eiszeit währte allerdings nicht lange.