Der russische Präsident Wladimir Putin trägt Tarnuniform. Der Blick ist ernst, der Ton drohend. Russland habe am 21. Oktober einen neuartigen, atomgetriebenen Marschflugkörper getestet, der nun stationiert werden soll, sagt der Kremlchef in einer militärischen Kommandozentrale an einem unbekannten Ort. „Burewestnik“ ist der Name des Flugkörpers, „Sturmvogel“ zu Deutsch. Die „Burewestnik“ sei „unbesiegbar“ und könne jedes Abwehrsystem umgehen, so Putin. Der Marschflugkörper habe im Test 14.000 Kilometer zurückgelegt und sei rund 15 Stunden in der Luft gewesen, ergänzt Generalstabschef Waleri Gerassimow in dem vom Kreml verbreiteten Video. Die konventionell und nuklear bestückbare Waffe lasse sich „mit garantierter Genauigkeit auf hoch geschützte Objekte in beliebiger Entfernung einsetzen“. Außerdem soll die Waffe eine Geschwindigkeit von mehr als 900 Kilometern pro Stunde erreichen können.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Bisher gab es allerdings nicht viel von der vermeintlich neuen Wunderwaffe zu sehen. In den russischen Staatsmedien kursierten Bilder von der Spitze eines roten Flugkörpers, der mit einer braunen Plane bedeckt ist. Gemäß den Charts des russischen Militärs hat die „Burewestnik“ eine Länge von zwölf Metern und ein Gewicht von fünf bis sechs Tonnen. Der exilrussische Rüstungsfachmann Pavel Podvig hält Moskaus Behauptungen, dass der jüngste Test erfolgreich war und nun eine Stationierung der „Burewestnik“ vorgesehen sei, für durchaus glaubwürdig. Doch das System scheint noch nicht ausgereift zu sein. Von 14 bekannten Tests seien nur drei erfolgreich gewesen, elf seien gescheitert, sagt Carlo Masala, Politik-Professor an der Universität der Bundeswehr in München.

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Für Fachleute kommt der Test der „Burewestnik“ nicht überraschend

Die „Burewestnik“ zeichnet sich durch eine hohe Treibstoffeffizienz aus, weil sie über einen Mini-Nuklearreaktor verfügt. Der Atomantrieb ist Experten zufolge so ausgelegt, dass sie weiter und länger fliegen kann als herkömmliche Triebwerke von Marschflugkörpern. Diese sind durch die Menge an Treibstoff, die sie mitführen können, begrenzt. Die „Burewestnik“ wird durchgehend nuklear angetrieben und ist durch ihre geringe Flughöhe – laut Kreml 5 bis 50 Meter – nur schwer zu orten. „Dadurch ist die Erfassung mit bodengestützten Radarsystemen eingeschränkt. Dennoch ist der Marschflugkörper prinzipiell erfassbar“, sagte der Militäranalyst Fabian Hinz von der Denkfabrik International Institute for Strategic Studies (IISS) in Berlin unserer Redaktion.

Russia Nuclear
Dieses Standbild aus einem Video von 20218 zeigt laut Kreml den Start der russischen atomgetriebenen Rakete.© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Für Fachleute kommt der Test der „Burewestnik“ nicht überraschend. Die Entwicklung gebe allerdings Anlass zur Sorge, sagt Jeffrey Lewis, Experte für Rüstungskontrolle am Middlebury Institute of International Studies im kalifornischen Monterey. „Es ist ein kleines fliegendes Tschernobyl“, unterstreicht Lewis in Anspielung an den 1986 explodierten Kernreaktor in der Ukraine. Wird ein Marschflugkörper abgeschossen, könnten große Landstriche radioaktiv verstrahlt werden. „Es ist eine Science-Fiktion-Waffe mehr, die destabilisieren kann und in Abrüstungsverhandlungen nur schwer anzupacken sein wird“, so Lewis. Die bislang gescheiterten Tests erhöhten das Risiko eines Fehlschlags, betont der Militäranalyst Fabian Hinz: „Die Gefahr geht aber vor allem für die russische Bevölkerung und für die am Projekt arbeitenden russischen Ingenieure aus.“

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Putin hatte das Projekt eines nuklear angetriebenen Marschflugkörpers mit unbegrenzter Reichweite in seiner Rede zur Lage der Nation vom 1. März 2018 vorgestellt. Der Kremlchef unterstrich, dass die „Burewestnik“ die Antwort auf Anstrengungen Amerikas sei, einen umfassenden Raketenabwehrschirm zu bauen. US-Präsident George W. Bush hatte den ABM-Vertrag über die Begrenzung von antiballistischen Raketenabwehrsystemen 2002 gekündigt. Präsident Donald Trump hatte angekündigt, bis zum Ende seiner Amtszeit ein gewaltiges Raketenabwehrsystem unter dem Etikett „Golden Dome“ fertigzustellen.

„Es ist kein sehr nützliches System“

Westlichen Experten zufolge hatten die „Burewestniks“ in der Vergangenheit eine schlechte Testbilanz. 2019 kamen dabei auf einem Militärgelände in Nordwestrussland mindestens fünf Personen ums Leben, auch Strahlung wurde freigesetzt. Frühere Projekte nuklear angetriebener Raketen in den USA und der Sowjetunion waren eingestellt worden.

Putin will mit seinen neuesten Drohgebärden Stärke demonstrieren und einschüchtern. Russland werde sich in seinem Krieg gegen die Ukraine selbst von Sanktionen der US-Regierung gegen russische Ölkonzerne nicht beeinflussen lassen, lautet die Botschaft. Insbesondere sollen sie Trump davon abhalten, „Tomahawk“-Marschflugkörper mit bis zu 2500 Kilometern Reichweite an die Ukraine zu liefern. Jeder Angriff auf Ziele in Russland mit Langstreckenraketen werde eine „niederschmetternde“ Antwort bekommen, warnte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Die „Burewestnik“ verändere jedoch die nukleare Bedrohungslage, die von Russland ausgehe, nicht substanziell, erklärt der Militärexperte Fabian Hinz. „Schon gar nicht für Europa, denn dieses System ist auf die USA ausgelegt.“

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Fachleute bezweifeln, dass das Kalkül der Abschreckung aufgeht. „Es ist kein sehr nützliches System“, betont der Rüstungsexperte Pavel Podvik. Die „Burewestnik“ sei anscheinend als Reaktion auf eine potenzielle amerikanische Nuklearattacke gedacht. Ein derartiger US-Angriff würde sich jedoch gegen die Abschussrampen der Marschflugkörper richten – was die Wirksamkeit der Waffe untergrabe, so Podvik.

Trump gab sich unbeeindruckt. Der von Putin verkündete Abschluss von Tests mit nuklear angetriebenen Marschflugkörpern sei „nicht angemessen“, kritisierte er. „Er sollte den Krieg in der Ukraine beenden.“ Die Russen wüssten: „Wir haben ein Nuklearunterseeboot, das beste der Welt, direkt vor ihrer Küste.“