Der Jahreswechsel. Seit meinem Wegzug aus Blankenburg ist das die Zeit, in der ich alte Freundschaften auffrische, bei der Familie Energie tanke und gemeinsam das Jahr sortiere – zurückschauen, nach vorn denken. Wohin geht’s in den Urlaub? Wer heiratet? Wann sehen wir uns alle wieder?
Eigentlich versuchen meine Familie und Freunde rund um die Feiertage, den Haussegen nicht zu gefährden und Politik vom Tisch fernzuhalten. Doch das klappt nicht immer. Hier im Harz, im Süden Sachsen-Anhalts, liegt das Gefühl in der Luft: 2026 wird politisch und gesellschaftlich entscheidend. Die Anspannung ist greifbar.
Sachsen-Anhalt: Jeder Vierte, dem ich zu Hause begegne, ist AfD-Wähler
Am 6. September ist Landtagswahl. Sie wird zeigen, ob die in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem eingestufte AfD die absolute Mehrheit gewinnen und erstmals einen Ministerpräsidenten stellen kann. „Bei dieser Wahl wird die Systemfrage gestellt“: So bringt es der scheidende Ministerpräsident Reiner Haseloff im „Welt“-Gespräch auf den Punkt. Denn die AfD werde nicht demokratisch regieren.
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In den Umfragen zur Landtagswahl steht die Partei stabil bei 40 Prozent, dahinter die CDU mit deutlichem Abstand. Mit einem Nichtwähler-Anteil von fast 50 Prozent ist also fast jeder Vierte, dem ich hier begegne, AfD-Wähler. Ob es ihnen egal ist, dass die Partei die Demokratie Stück für Stück zerschlagen würde? Dass mit ihrem Programm aber auch Wirtschaft, Gesundheits- und Sozialsystem den Bach runtergehen würden? Mein Eindruck: So weit denken die wenigsten.
AfD gewinnt an Einfluss: Wie konnte es so weit kommen?
Ob beim Abendbrot oder beim Spieleabend: Es schießen mir so viele Fragen durch den Kopf. Wie konnte eine nachweislich rechtsextreme Partei in meiner Heimat so fest Wurzeln schlagen? Was passiert nach der Wahl im September? Können die etablierten Parteien und Haseloffs Nachfolger – vielen ist Sven Schulze unbekannt – der AfD in den knapp neun Monaten noch etwas entgegensetzen? Und finden sie einen Weg, die AfD in der Opposition zu halten, wie es die Brombeer-Koalition (CDU, BSW, SPD) in Thüringen 2024 getan hat?
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Also wühle ich in Erinnerungen: Wie ist es so weit gekommen? Abseits von Studien versuche ich, die Entwicklung meiner Heimat zu verstehen – nicht nur die laute und sichtbare Seite, sondern auch die schleichende und leise.
2016, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise: Erste Bekannte setzen ihr Kreuz bei Blau
Ich denke zurück an Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“. Ich bin in der zehnten Klasse, die Aussagen der Sommerpressekonferenz laufen im Radio. Erst empfinden meine Verwandten und Bekannten die Worte der Kanzlerin als menschlich. Kaum ein Jahr später kippt die Stimmung. Dieselben Leute machen den Satz und die Politik dahinter verantwortlich für missglückte Integration und das wachsende Gefühl der Unsicherheit. Hier in Blankenburg wird die Aufnahme von Geflüchteten für Menschen zum Problem, die kaum direkte Berührung damit haben. Die AfD schürt Angst vor etwas, das viele nie selbst gesehen haben.
Interview-Serie zu 10 Jahre Merkels „Wir schaffen das“
- Migration und Ostdeutschland – Humangeografin: „AfD-Wähler treibt eine Feindseligkeit zu Fremden“
- Migration und Integration – Politologin: „Die Verteilung der Geflüchteten muss besser werden“
- Migration und Arbeitsmarkt – Arbeitsexperte: „Die Kosten der Integration sind unfair verteilt“
- Migration und Sicherheit – Kriminologin: „Schwere Gewalttaten verschweigt niemand“
Bei der folgenden Landtagswahl 2016 setzen erstmals ältere Verwandte und Nachbarn ihr Kreuz bei Blau. So wie „die CDU das handhabt“, könne es nicht weitergehen, argumentieren sie. 2017 bei der Bundestagswahl wählen sie wieder AfD – verkünden es offen, begründen ausführlich. Die AfD sei die Partei des „kleinen Bürgers“. Mein Eindruck in den Debatten ist: Kaum jemand scheint das Programm der „Alternative“ gelesen zu haben.
Die Pandemie ist die Zeit der Querdenker, Russland-Sympathisanten, Neonazis
Diese Feiertage damals sind laut. Ich widerspreche, wo ich kann, suche das Gespräch, will überzeugen, ohne abzuschrecken. Das gelingt nicht immer. Oft werde ich zu wütend. Wie kann man die Probleme beim Thema Migration, die so weit abseits des eigenen Lebens spielen, über Probleme stellen, die hier im Harz viel dringlicher sind: Klimaschutz, Waldsterben, Einsamkeit und Armut im Alter, fehlende Infrastruktur und Gesundheitsversorgung, schwindende gastronomische und kulturelle Angebote.
Darauf folgen die Jahreswechsel während der Pandemie. Weihnachten mit Maske, Silvester ohne Party. Ich komme aus meinem Studienort Leipzig zurück in den verschlafenen Harz – und plötzlich ist Bewegung auf den Straßen: Querdenker in Gruppen, Russland-Sympathisanten neben Verschwörungstheoretikern und Neonazis. Ich sehe den Demonstrationszug aus dem Fenster im Haus der Eltern meiner besten Freundin. Ein Bild zum Fürchten. Was passiert da mit meiner Heimat?
Esoterisch-rechte Gruppen gewinnen im Umfeld der AfD an Einfluss
In diesem Moment wird mir klar: Etwas kippt. Die AfD und ihre Positionen sind kein stiller Protest mehr. Die Leute tragen ihre undemokratischen Ansichten offen und stolz vor sich her. Und keiner widerspricht. Zumindest nicht ebenso laut und sichtbar.
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So gedeiht die Szene. Die esoterisch-rechte Anastasia-Bewegung findet ihren Weg nach Blankenburg. Sie benutzt völkische Siedlungen zur Verbreitung ihrer verschwörungsideologischen, rassistischen und antisemitischen Inhalte. Einer ihrer Ableger, die sogenannte „Weda Elysia“, kauft die marode Dorfschänke in Wienrode, einem Vorort von Blankenburg. 2023 eröffnen sie dort ein Café, organisieren Volksfeste, verankern sich im Dorfleben. Ein Treffpunkt in einer strukturschwachen Region.
Bündnis Buntes Blankenburg setzt starkes Zeichen gegen rechts
Die Gegenstimmen werden erst lauter, als das rechtsextreme Treffen in Potsdam und die „Remigrations“-Pläne öffentlich werden. Das „Bündnis Buntes Blankenburg“ gründet sich. Vom CDU-Bürgermeister zum Dorfpfarrer, von meiner alten Lehrerin bis zur „linksgrünen“ Ex-Freundin meines Bruders – eine breite Masse setzt sich für ein demokratisches Blankenburg ein.
Bei der großen „Nie wieder ist jetzt“-Demo, die vom Bündnis organisiert wird, freue ich mich über weitere vertraute Gesichter: einige, die wie ich nur gelegentlich zurückkommen; andere, die hier leben, arbeiten, Kinder großziehen – und diesen Ort nicht den Rechten überlassen wollen. Ich bewundere sie am meisten. Trotz Anfeindungen, trotz Phasen der Hoffnungslosigkeit angesichts rechter Demos und erschreckender Umfragen.
Diese Umfragen lassen mir einen kalten Schauer den Rücken hinunterlaufen. Gleichzeitig verstehe ich: Die meisten wollen nicht, dass es so weitergeht. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit überfordert hier viele – wen nicht? Um uns herum dreht sich die Welt: geopolitische Brüche und bundespolitische Entscheidungen. Ukrainekrieg, das Leid in Gaza und Sudan, Größenwahnsinnige an der Macht, Lockdowns, Inflation. Angst und Machtlosigkeit machen sich breit.

Und selbst auf kommunaler Ebene fühlen sich die Menschen allein gelassen: Kein Wunder, wenn die Busse am Wochenende nur noch alle zwei Stunden fahren, der letzte um 18 Uhr. Wenn man mittlerweile 20 Kilometer zum nächsten Supermarkt fahren muss. Wenn Treffpunkte schließen, Bäcker und Fleischer verschwinden, Cafés sterben. Selbst ich erkenne die Lange Straße, die einstige Einkaufsmeile, kaum wieder. Die schönen Fachwerkhäuser stehen leer. Der einstige Lebensmittelpunkt wirkt wie eine Geisterstadt. Die Jungen gehen, die Alten vereinsamen.
AfD profiliert sich als politische Gegnerin ohne eigene Lösungen
„Wir sehen seit vielen Jahren ein Anwachsen der Unzufriedenheit bei Menschen in Ostdeutschland. Mit der AfD ist eine Möglichkeit gewachsen, diesem Frust eine Stimme zu geben“, sagte der Soziologe Steffen Mau in einem Interview mit dieser Redaktion. Die AfD agiere als politischer Wegelagerer. „Sie wartet ab, und wenn ein Aufreger-Thema kommt, dann positioniert sie sich gegen die anderen Parteien“, so Mau. Gleichzeitig finde die Partei keine eigenen Lösungen. Auf die zentrale Frage der schrumpfenden Bevölkerung in Ostdeutschland habe die AfD beispielsweise keine Antwort, „sie verschärft die Lage mit ihrer Rhetorik nur.“
Derweil ist der mediale und gesellschaftliche Diskurs: „Die Ossis heulen so viel rum“ und „Sie wählen rechts, weil sie so ungebildet sind.“ Auch ich als ostdeutsche Journalistin bin manchmal schockiert, wie undifferenziert über meine Heimat berichtet wird. Wie sehr wir als abgeschottetes „Phänomen“ betrachtet werden. Wie wenig darüber geredet wird, dass Ostdeutschland auch Vorreiter sein kann: bei der Frauenerwerbsquote, bei Kitaplätzen und grüner Energie.
Und: Wir Ostdeutsche sind widerstandsfähig. Aber deshalb einer AfD folgen? Sie verspricht mit ihrem Programm eine Rückkehr zu einem einfachen, ruhigen Blankenburg; ein Blankenburg, das sich von nichts beeindrucken lässt und wieder so wird, wie es einst war. Es ist ein falsches Versprechen: Unsere Widerstandsfähigkeit besteht darin, zu akzeptieren, dass sich diese Welt stetig verändert, und Wege zu finden, die Veränderung mitzugestalten.

Die Klassenkameradin und Ärztin erzählt: Wer eine andere Hautfarbe hat, wird oft anders behandelt
Mit diesen Gedanken bin ich in diesem Jahr zum Jahreswechsel in meine Heimat gereist. Beim Spieleabend mit Freunden treffe ich eine alte Mitschülerin und ihren Freund. Nach dem Studium sind sie nach Blankenburg zurückgezogen. Sie ist Ärztin, er Polizist. Die beiden berichten von Nachbarn, die Rechtsrock hören; das Lied „Arische Kämpfer“ von Landser hallt durch die Straßen. Sie erzählt von den Krankenschwestern, die Menschen mit anderer Hautfarbe auch anders behandeln. Er erzählt von Daueranrufern, die die 110 belegen, um sich über die „dubiosen Ausländer“ zu beschweren.
„Es ist schön, wieder bei der Familie zu sein, und wir lieben die Natur hier. Aber manchmal bereuen wir es auch, zurückgekommen zu sein“, geben die beiden seufzend zu. Sollte die AfD hier in eine Regierungsposition kommen, wollen die beiden wegziehen. „Gerade ich als Polizist wäre dann einem AfD-Innenministerium unterstellt. Die Anweisungen, die dann kommen werden, könnte ich nicht mit mir vereinbaren“, erzählt mein Bekannter.
Am nächsten Tag sitze ich mit meiner ehemaligen Chefin von der Lokalzeitung in einem Café. Wir tauschen Neuigkeiten aus. Was hat sich seit meinem Praktikum 2017 verändert? „Wenn wir jetzt politische Portraits für Wahlen machen – Bürgermeisterwahlen, Kommunalwahlen, Landtagswahl – ist auch immer ein AfD-Kandidat dabei“, erzählt sie. „Es ist schon wirklich schwierig mit ihnen zu reden. Man redet manchmal wie gegen eine Wand.“ Diese Wand. Eine Parallel-Realität, die nicht auf Wissenschaft und Verständnis beruht, sondern auf einer selbst konstruierten Wahrheit. Eine Wahrheit, die einfache Lösungen für komplexe Probleme verspricht.
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Die Mutter der Freundin sagt: „Man sollte die AfD einfach mal machen lassen“
Was allen anzumerken ist, wenn wir doch bei Politik landen: Sie sind erschöpft. Miteinander reden ist anstrengend geworden, die eigene Position zu vertreten, kostet zu viel Zeit und Nerven. Kompromisse scheinen unerreichbar. Die Resignation ist eingezogen. Als ich eine Freundin besuche, sagt ihre Mutter in der Küche: „Ich will auch nicht, dass die AfD regiert. Aber vielleicht sollte man sie einfach mal machen lassen. Eine Chance geben, damit alle sehen, dass sie es auch nicht besser können.“
Solche Sätze höre ich mehrfach während der Feiertage. Ich verstehe die Ohnmacht, die Hoffnung, dass die AfD sich im Regieren selbst entlarvt. Doch Rechtsextremen „eine Chance“ zu geben, war noch nie eine gute Idee – im Glauben, man habe das im Griff. Ich starte mit einem mulmigen Gefühl ins Wahljahr und der Hoffnung, dass meine Heimat nicht zum Testfeld dieses Irrglaubens wird.







