Das deutsche Stromnetz ist lang: 1,9 Millionen Kilometer Kabel bringen den Strom von den Erzeugungsanlagen in Haushalte und Betriebe, von der Höchstspannungsebene bis runter ins örtliche Verteilnetz. Und das Netz gehört zu den zuverlässigsten der Welt: 2024 gab es laut Bundesnetzagentur für Endverbraucher durchschnittlich nur 11,7 Minuten, in denen kein Strom verfügbar war. Wenn es doch einmal hakt, bekommen Verbraucher das meistens gar nicht mit, denn auf allen Ebenen gilt das n-1-Prinzip, nach dem das Netz so aufgebaut sein muss, dass der Ausfall einer Komponente vom Rest des Netzes aufgefangen werden kann, ohne dass die Versorgung ausfällt.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Doch vor dem Hintergrund hybrider Bedrohungen und extremistischer Gruppen wächst die Sorge, dass sich das in Zukunft ändern könnte. Denn während mehr als 80 Prozent der Kabel sicher unter der Erde liegen, verläuft ein Teil auch überirdisch. Anfällig für Unfälle, aber auch Anschläge und Sabotageakte – so wie in Berlin, wo am Wochenende zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres eine Attacke auf Kabel ganze Stadtviertel ins Dunkel stürzte.
Auch interessant
„Vulkangruppe“ und „Switch off“: militante linke Gruppen im Visier der Behörden
In einem im Internet veröffentlichten Schreiben bekannte sich die als linksextremistisch eingestufte Vulkangruppe zu dem aktuellen Anschlag in der Hauptstadt. Die sich als „Vulkangruppe“ bezeichnenden Verfasser verbinden Kapitalismus-Kritik mit der Warnung vor einem hohen Energieverbrauch, der zur Zerstörung des Klimas und somit der Lebensgrundlagen auf der Erde führe. „Switch off für die Gier nach Energie“, heißt es in dem Schreiben. Die Polizei stuft das Schreiben derzeit als „glaubhaft“ ein.

Die Vulkangruppe und die „Switch off“-Parole („Abschalten“) sind den deutschen Sicherheitsbehörden bekannt, beides kommt ausführlich im jüngsten Verfassungsschutzbericht vor. Die Vulkangruppe wird demnach auch mit dem Brandanschlag auf einen Hochspannungsmast im März 2024 in Verbindung gebracht, der sich gegen die Tesla-Gigafactory im brandenburgischen Grünheide richtete. Die Gruppe ist laut Verfassungsschutzbericht seit 2011 in Berlin und Brandenburg aktiv.
„Switch off“ sei die „derzeit bedeutendste militante Kampagne im Linksextremismus“, warnen die Verfassungsschützer. Auf einer Internetseite, die demnach zu der Kampagne gehört, werden allein in Deutschland mehr als 100 Straftaten unter dem Label „Switch off“ aufgelistet. Nach einem Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin im vergangenen September warnte der Verfassungsschutz in einer eigens herausgegebenen Erklärung: „Linksextremisten verursachen durch Sachbeschädigungen und Brandanschläge gegen Kritische Infrastrukturen und Wirtschaftsunternehmen jedes Jahr Schäden in Höhe von mehreren Millionen Euro.“
Cyberangriffe auf Energieinfrastruktur vor allem aus Russland
Doch linksradikale Gruppen sind nicht die einzige Bedrohung für die Energieversorgung in Deutschland. Ingbert Liebing, Chef des Verbands kommunaler Unternehmen, sagte dieser Redaktion vor wenigen Monaten, die Energiewirtschaft werde „täglich“ angegriffen, auch und vor allem über Cyberangriffe. „Soweit man es überhaupt feststellen kann, kommen auch viele Angriffe aus Russland oder dem russischen Umfeld“, sagte Liebing damals.
Auch interessant
Zum VKU gehören auch viele lokale Stromnetzbetreiber. Vor dem Hintergrund des Ausfalls in Berlin sagte eine Sprecherin des Verbands dieser Redaktion, die Netzbetreiber würden jeden Tag mit großer Professionalität die Versorgung sicherstellen. Doch es sei nicht möglich, die weitverzweigte flächendeckende Versorgungsinfrastruktur in Deutschland vollständig gegen derart gezielte Angriffe zu schützen. „Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben“, so die VKU-Sprecherin. „Bürgerinnen und Bürger sollten daher die Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe für Vorsorgemaßnahmen in unterschiedlichen Notsituationen beherzigen.“
Das Bundesamt rät für den Ernstfall unter anderem dazu, neben Wasser- und Nahrungsmittelvorräten auch Lichtquellen wie Taschenlampen oder Kerzen bereitzuhalten. Über ein batteriebetriebenes Radio können Informationen empfangen werden, wenn das Mobilfunknetz ausfällt.
Nach dem erneuten Sabotageakt in Berlin, der tausende Haushalte in der Hauptstadt noch für Tage ohne Energie zurücklassen dürfte, gibt es Forderungen nach einem besseren Schutz der Energie-Infrastruktur. „Vor den verheerenden Auswirkungen großflächiger Stromausfälle wird seit Jahren gewarnt“, sagte der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz dieser Redaktion. „Gerade in den Wintermonaten können sie rasch zu Todesopfern führen.“
Opposition erwartet Sicherheitsoffensive
Die Verletzlichkeit der Kritischen Infrastrukturen besonders im Energiebereich sei seit Jahren bekannt, kritisiert von Notz. Von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) erwartet der Oppositionspolitiker eine Sicherheitsoffensive gegen hybride Bedrohungen: „Dazu gehört unter anderem auch ein bundesweites Lagebild zu Sabotage und anderen Angriffen.“
„Wie groß die Versäumnisse sind und wie dringend notwendig es ist, die Resilienz unserer Gesellschaft effektiv zu erhöhen, macht der jüngste Vorfall noch einmal unmissverständlich deutlich“, sagte von Notz. In Zeiten von Terrorismus und Sabotage sei es zwingend notwendig, „den über Jahre vernachlässigten Schutz, sowohl der Lebensadern unserer Demokratie als auch der Bevölkerung, schnellstmöglich hochzufahren und den Bevölkerungsschutz massiv zu stärken.“






