Die Parole „Tod dem Diktator!“ war einer der Schlachtrufe der Demonstranten im Iran. Er galt dem Obersten Führer Ali Chamenei. Für viele Iranerinnen und Iraner ist der 86-jährige Ajatollah der Urheber der tiefgreifenden Wirtschaftskrise und die Galionsfigur des verhassten islamischen Herrschaftssystems. US-Präsident Donald Trump erwägt derzeit einen Militärschlag gegen das Mullah-Regime. In Washington gilt auch die Tötung Chameneis als eine Option. Was würde dies für den Iran bedeuten? Ein Überblick über mögliche Szenarien.

Das Mullah-System regelt die Nachfolge des Obersten Führers

Im Falle einer Tötung des Obersten Führers dürfte das Regime versuchen, die Nachfolge nach den Vorgaben der iranischen Verfassung zu regeln. Demnach wird der oberste Repräsentant des Staates durch den Expertenrat bestimmt, der aus 88 schiitischen Geistlichen besteht. Diese werden vom Volk gewählt. Der Wächterrat lässt aber nur Hardliner und regierungstreue Geistliche zu. 

Ali Chamenei: Der 86-Jährige ist seit 1989 der geistliche Führer des Irans.
Ali Chamenei: Der 86-Jährige ist seit 1989 der geistliche Führer des Irans.© AFP | KHAMENEI.IR

Fachleute rechnen nicht damit, dass auf Chamenei eine starke Führungsfigur folgt. „Es ist davon auszugehen, dass ähnlich wie im Falle Ali Chameneis 1989 die Entscheidung auf einen schwachen Kandidaten fallen wird. Chamenei wurde 1989 von allen Religionsschulen in Ghom als ungefährlich eingeschätzt, da er über keine eigene religiöse Hausmacht verfügte“, sagte Hans-Jakob Schindler, Chef der Berliner Denkfabrik Counter Extremism Project, unserer Redaktion. „Jetzt wird es darauf ankommen, einen Kandidaten zu finden, welcher keine offensichtliche Konkurrenz für die enorme Machtfülle der verschiedenen Teile der Revolutionsgarden darstellt, jedoch gute Beziehungen zur Gesamtorganisation der Garden führt.“ Die Verhandlungen im Expertenrat könnten aber auch auf ein Führungsgremium von Geistlichen hinauslaufen anstelle eines neuen Obersten Führers.

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Eine weitere mögliche Variante wäre, dass „Gemäßigte“ und „Reformer“ innerhalb des Regimes einen begrenzten politischen Spielraum bekämen. „Dies würde jedoch keine Demokratisierung bedeuten, sondern vielmehr eine kontrollierte Neukalibrierung: ein Abkommen mit den Vereinigten Staaten nach venezolanischem Vorbild. Das Ziel wäre, die iranische Wirtschaft – insbesondere den Energiesektor – wieder für westliche Investitionen zu öffnen, verbunden mit moderaten sozialen Lockerungen im Inland“, sagte der Washingtoner Nahostexperte Reza Parchizadeh unserer Redaktion. „Der religiöse Charakter des Systems bliebe erhalten, aber mit einer pragmatischeren Haltung gegenüber den iranischen Bürgern wie auch gegenüber der Außenwelt.“

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Militärdiktatur der Revolutionsgarden

Die Revolutionsgarden sind die Elite-Streitmacht im Iran. Sie sind die wichtigste und mächtigste Institution der Islamischen Republik und unterstehen direkt dem Obersten Führer. Die Truppe hat 150.000 bis 200.000 Mitglieder und verfügt über eine eigene Armee, Marine und Luftwaffe. Sie kontrolliert wichtige Wirtschaftsbereiche wie Ölanlagen, Hotels oder Fluglinien. Die Garden hätten bei einem Sturz des Regimes am meisten zu verlieren.

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Bei einer Tötung des Obersten Führers ist damit zu rechnen, dass die Revolutionsgarden versuchen, ihre Pfründe zu sichern. Zwar gibt es auch bei den Garden verschiedene Flügel. Doch die Hardliner sind in den letzten Jahren stärker geworden. „In diesem Szenario überlebt das System ohne einen Obersten Führer als dominante religiöse Figur und entwickelt sich stattdessen zu einem offen militarisierten Regime. Ideologisch könnte dies eine Verlagerung hin zu einer nationalistischeren Version des militanten Islamismus anstelle einer rein religiösen Herrschaft bedeuten“, betont der Irananalyst Parchizadeh. „Ein solches Regime würde wahrscheinlich von Russland und China unterstützt werden und weiterhin die Strategie der iranischen Achse des Widerstands verankern, auch wenn seine Rhetorik und interne Machtstruktur zur Optimierung angepasst würden.“

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Die Rückkehr des Schah-Sohns

Bei den jüngsten Demonstrationen im Iran wurde immer wieder der Ruf nach einer Rückkehr des Schah-Sohns Reza Pahlavi laut. Doch der im US-Exil lebende 65-Jährige dürfte kaum mehrheitsfähig sein. „Pahlavi ist in vielen Bereichen der iranischen Gesellschaft zutiefst unbeliebt – darunter bei Demokratie-Aktivisten, ethnischen Minderheiten, großen Teilen der linken Opposition und bedeutenden Teilen des Regimes selbst. Jeder Versuch, ihn als Alternative zur Islamischen Republik durchzusetzen, würde wahrscheinlich einen Bürgerkrieg und die Zersplitterung des Staates auslösen“, unterstreicht der Nahostspezialist Parchizadeh.

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Zerfall des Regimes und Bürgerkrieg

Für einen von außen ausgelösten Zerfall des Systems bedarf es wohl eines perfekten Sturms. Über einen längeren Zeitraum müssten mehrere Führungspersonen der verschiedenen Machtzentren des Regimes und der Revolutionsgarden immer wieder ausgeschaltet werden. Zudem müsste sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlimmern, die Protestwelle der Bevölkerung erneut anschwellen und stark bleiben, während sich die derzeit fragmentierte Opposition besser organisiert.

Friedlicher Wandel hin zu einem demokratischen System

Es ist das Schönwetter-Szenario unter allen Möglichkeiten. Die Transformation des Irans hin zu einer westlichen Demokratie ist aber angesichts der verhärteten Machtstruktur im Land und der starken Position der Revolutionsgarden die am wenigsten wahrscheinliche Variante.