300.000 Quadratmeter, 1100 Räume: Der Amtssitz, den sich Recep Tayyip Erdogan im Westen der Hauptstadt Ankara errichtet hat, unterstreicht mit seinen gigantischen Dimensionen den absoluten Führungsanspruch des türkischen Staatschefs. Erdogan nennt seinen Amtssitz „Haus der Nation“. Im Volksmund aber heißt er Ak Saray, der Weiße Palast – ein Wortspiel: ak bedeutet weiß, zugleich sind es die Initialen der regierenden AK-Partei.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Seit 23 Jahren führt Erdogan die Türkei, zunächst als Ministerpräsident, dann als Staatspräsident. Seit 2014 residiert er im Ak Saray – seinem Denkmal zu Lebzeiten. Aber wie lange noch?

Im Frühjahr 2028 endet seine Amtszeit. Nach der geltenden Verfassung dürfte er nicht erneut kandidieren. Kein Wunder also, dass in der Türkei zunehmend über seine Nachfolge spekuliert wird. Auch im Ak Saray selbst gibt es solche Gedankenspiele. Hier sitzen die Schlüsselfiguren der Macht, hier laufen alle Fäden zusammen. Die Chancen für einen Außenseiter, in diesem vollständig von Erdogan und seinem engsten Zirkel kontrollierten Machtapparat an die Spitze der Politik aufzusteigen, sind verschwindend gering.

Türkei: Erdogan lässt keine Amtsmüdigkeit erkennen

Erdogan selbst zeigt bislang keinerlei Bereitschaft, sich aus der Politik zurückzuziehen – im Gegenteil. Er lässt an einer neuen Verfassung arbeiten, um die bislang geltende Beschränkung auf zwei Amtszeiten aufzuheben. Damit könnte Erdogan sich eine Präsidentschaft auf Lebenszeit sichern.

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Auch innerhalb der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP gibt es keine ernsthaften Bestrebungen, Erdogan abzulösen. Alle wissen: Ohne ihren charismatischen Anführer hätte die Partei große Schwierigkeiten, Wahlen zu gewinnen. Das hält potenzielle Nachfolger jedoch nicht davon ab, sich für den Tag X in Stellung zu bringen. Erdogan wird im Februar 71 Jahre alt, sein Gang wirkt zunehmend schleppend. Immer wieder kursieren hinter vorgehaltener Hand Spekulationen über seinen Gesundheitszustand.

Drei Namen kristallisieren sich derzeit heraus.

Erdogans Sohn gilt als „Kronprinz“ besondere Aufmerksamkeit

Besondere Aufmerksamkeit in den türkischen Medien erhält jetzt Bilal Erdogan, der 44-jährige Sohn des Präsidenten. Viele Analysten sehen in ihm den „unausgesprochenen Thronfolger“. Die auffallend positive Berichterstattung in regierungsnahen Medien nährt die Vermutung, dass der engste Kreis um Erdogan versucht, das Narrativ einer familiären Nachfolge zu etablieren.

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Der Sohn des Präsidenten, Bilal Erdogan, gilt als Favorit für die Nachfolge seines Vaters. © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Muhammed Ibrahim Ali

Bilal Erdogan hat sich in den vergangenen Jahren im Staatsapparat ein eigenes Netzwerk aufgebaut und verfügt über eine loyale Medienseilschaft. In sozialen Netzwerken wird er häufig als „grauer Kardinal“ bezeichnet. Von einer weißen Weste kann tatsächlich kaum die Rede sein. Sein Name tauchte 2013 im Zusammenhang mit Korruptionsermittlungen gegen Erdogans engstes Umfeld auf. Ein angeblicher Telefonmitschnitt sorgte damals für Aufsehen: Erdogan soll seinen Sohn angewiesen haben, große Bargeldsummen beiseitezuschaffen, bevor Ermittler zugreifen. Erdogan ließ die Ermittlungen später einstellen und sprach von einer „Verschwörung zum Sturz der Regierung“.

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2015 warf das russische Verteidigungsministerium Bilal Erdogan vor, in Syrien und im Irak illegale Ölgeschäfte mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ betrieben zu haben. Ein Jahr darauf leitete die Justiz in Italien Ermittlungen wegen Geldwäsche gegen ihn ein – das Verfahren wurde später eingestellt. Aus Sicht Erdogans könnte Bilal als Nachfolger dennoch attraktiv sein: Eine familiäre Lösung böte maximale Kontinuität, ermöglichte die Etablierung einer politischen Dynastie und könnte so Familienangehörige vor späteren Ermittlungen schützen.

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Selcuk Bayraktar ist Erdogans Schwiegersohn. © picture alliance / Anadolu | Bunyamin Celik

Auch Erdogans Schwiegersohn Selçuk Bayraktar ist im Rennen

Ein weiterer Name ist Selçuk Bayraktar. Der 46-jährige Ingenieur ist Hauptaktionär des Rüstungskonzerns Baykar, eines der weltweit führenden Unternehmen für Kampfdrohnen. Der Unternehmer gilt vielen als „inoffizieller Verteidigungsminister“ der Türkei. Vor allem aber gehört Bayraktar zur Familie: 2016 heiratete er Erdogans jüngste Tochter Sümeyye in einer „Märchenhochzeit“. Die 40-Jährige spielt als hochrangige Beraterin ihres Vaters eine große Rolle und soll seine besondere emotionale Zuneigung genießen – ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Schwiegersohn.

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Auch der türkische Außenminister Hakan Fidan gilt als Kandidat.© IMAGO/Anadolu Agency | IMAGO/Harun Ozalp

Außenminister Hakan Fidan, der Mann, der alles weiß

Als dritter möglicher Nachfolger gilt Außenminister Hakan Fidan. Er gehört zu den Männern der ersten Stunde und begleitet Erdogan seit mehr als zwei Jahrzehnten. Erdogan machte ihn 2010 zum Chef des Geheimdienstes MIT und berief ihn 2023 zum Außenminister. Kaum jemandem vertraut der Präsident mehr – und keiner kennt nach 13 Jahren an der Spitze des Geheimdienstes so viele Geheimnisse wie Fidan. Er gilt als „der Mann, der alles weiß“. Der in den USA ausgebildete Betriebswirt und frühere Berufssoldat pflegt ein bewusst „westliches“ Image. Manche Beobachter sehen in dem 58-Jährigen einen möglichen Modernisierer nach dem Ende der Ära Erdogan.

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Doch so weit ist es noch nicht. Keiner der gehandelten Kronprinzen hat sich bislang offen zur Nachfolgefrage geäußert. Hinter den Mauern des Ak Saray jedoch soll ein erbitterter Machtkampf toben. Der türkische Journalist Hüseyin Günay sagt, die Lager um Bilal Erdogan, Hakan Fidan und Selçuk Bayraktar bekämpften sich „bis aufs Messer“. Nach außen dringt davon kaum etwas. Die Aspiranten wissen: Wer zu früh nach der Macht greift, verbrennt sich die Finger. Das zeigen die Beispiele früherer Erdogan-Weggefährten. Sobald sie politischen Ehrgeiz erkennen ließen, stellte Erdogan sie kalt.