Cem Özdemir weiß, wie es ist, der Erste zu sein. Als er 1994 mit nicht einmal 30 Jahren in den Bundestag einzog, war er dort – gemeinsam mit Leyla Onur von der SPD – der erste Abgeordnete mit Wurzeln in der Türkei. Als er 2008 Grünen-Chef wurde, galt das für den Posten eines deutschen Parteichefs genauso, und 2021 wurde Özdemir erster Bundesminister mit türkischer Familiengeschichte.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Es ist der Lebenslauf von einem, der sich viele Wege selbst bahnen musste. Jetzt wird der 60-Jährige seiner Vita wohl ein weiteres erstes Mal hinzufügen: als erster Nachfahre von Gastarbeitern, der als Ministerpräsident ein deutsches Bundesland führt. Bei der Landtagswahl am Sonntag wurden die Grünen mit ihm an der Spitze stärkste Kraft, für Özdemir ist damit der Weg frei, den ersten grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zu beerben.

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Özdemir kam 1965 im schwäbischen Bad Urach zur Welt. Seine Eltern Nihal und Abdullah Özdemir waren beide Mitte der 1960er-Jahre eingewandert und hatten sich auf der Schwäbischen Alb kennengelernt. Ihr einziger Sohn tut sich schwer mit der Schule. Als er in der Grundschule angibt, aufs Gymnasium zu wollen, brechen der Lehrer und die Mitschüler in Gelächter aus – eine Szene, die sich eingebrannt hat in Özdemirs Erinnerungen an diese Zeit.

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Cem Özdemirs Aufstiegsgeschichte

Dank einer engagierten Nachhilfelehrerin schafft Özdemir später den Sprung von der Haupt- auf die Realschule. Nach einer Ausbildung machte er die Fachhochschulreife und studierte Sozialpädagogik.

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Als er 1994 schließlich Diplom-Sozialpädagoge wird, ist allerdings längst klar, dass sein Weg ihn in die Politik führen wird. Özdemir, der schon als Jugendlicher den Grünen beigetreten war, zieht im selben Jahr über die Landesliste zum ersten Mal in den Bundestag ein. Der junge Mann mit den auffälligen Koteletten und dem Ohrring sticht im Politikbetrieb der 1990er-Jahre heraus, bekommt viel Aufmerksamkeit. Später wird Omid Nouripour, einer von Özdemirs Nachfolgern als Grünen-Chef, sagen, dass er unter anderem deshalb in die Politik gegangen ist, weil er Özdemir im Fernsehen gesehen und gemerkt habe, „dass man gar nicht blond sein und Karlheinz heißen muss, um hier in eine Partei einzutreten“.

Der Sohn von Gastarbeitern, der gegen alle Wahrscheinlichkeiten seinen Weg in die Spitzenpolitik gefunden hat: Es ist eine Aufstiegsgeschichte mit Strahlkraft, und als solche hat Özdemir sie im Wahlkampf auch verkauft. Es ist aber auch eine Geschichte über das Einwanderungsland Deutschland, auch wenn sich Teile der Republik gegen diese Bezeichnung lang gesträubt haben.

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#4 Cem Özdemir über die Bedrohung durch Erdogans Anhänger
Meine schwerste Entscheidung
 

Seine Identität als „anatolischer Schwabe“ wurde ihm oft genug streitig gemacht

Özdemir hat seine Wurzeln in der Türkei (sein Vater gehörte der tscherkessischen Minderheit an) und seine Verbundenheit mit der schwäbischen Heimat immer offensiv vereint. Doch die Selbstbezeichnung als „anatolischer Schwabe“ wurde ihm oft genug streitig gemacht – von türkischen Nationalisten, die ihm „Verrat“ vorwarfen, ebenso wie von denen, die glauben, dass jemand mit seinem Nachnamen kein echter Schwabe sein könne. Özdemir selbst spricht bei Auftritten oft von seinem „Ötzel-Brötzel-Namen“ – es ist auch ein Eingeständnis, dass sein Hintergrund 2026 noch immer keine Selbstverständlichkeit ist.

Auf den ersten Aufstieg des jungen Politikers Özdemir folgte in seiner zweiten Legislaturperiode recht bald der Fall: Nach einem Skandal um privat genutzte Flugmeilen trat Özdemir nach der Wahl 2002 sein Bundestagsmandat nicht an. Über das Europaparlament kommt er zurück in die hauptamtliche Politik. 2008 wird er gemeinsam mit Claudia Roth Parteichef der Grünen. Die Zeit danach, in der Özdemir gemeinsam mit Simone Peter an der Parteispitze steht, ist von internem Streit geprägt. Peter wirft Özdemir vor, die Partei als „Ich-AG“ zu leiten.

Hochzeit von Özdemir und Zaka
Mitten im Wahlkampf heiratet Cem Özdemir seine Partnerin, die Kanadierin Flavia Zaka.© picture alliance/dpa/Team Cem Özdemir | Alwin Maigler

2017 führt er die Partei mit Katrin Göring-Eckardt in die Bundestagswahl und holt mit 8,9 Prozent das bis dahin zweitbeste Ergebnis der Grünen. Die anschließenden Jamaika-Verhandlungen scheitern jedoch an der FDP, und an der Parteispitze übernehmen 2018 Robert Habeck und Annalena Baerbock. Özdemir kandidiert im Jahr darauf für den Fraktionsvorsitz, doch ohne Erfolg. Erst 2021 bietet sich unerwartet die Chance auf eine Rückkehr in die erste Reihe: Es sind parteiinterne Erwägungen, die dafür sorgen, dass Özdemir, der mit Agrarpolitik bis dahin wenig zu tun hatte, Landwirtschaftsminister der Ampel wird – anstelle des linken Grünen Toni Hofreiter.

Cem Özdemir: Vegetarier, Fahrradfahrer, Super-Realo

Lebensweltlich ist der Vegetarier und Fahrradfahrer Özdemir durch und durch grün, doch politisch hat der Super-Realo mit seiner Partei oft genug gehadert – auch und gerade in der Migrationspolitik.

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Als Özdemir 2024 sich in einem „FAZ“-Beitrag für eine strengere Migrationspolitik aussprach und sich dabei unter anderem auf die Erfahrungen seiner Tochter bezog, die in Berlin „von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert“ werde, waren Teile seiner Partei entsetzt. Und während die Grünen im Bund die Aufweichung des Verbrenner-Aus 2035 deutlich kritisierten, zeigte sich Özdemir deutlich offener dafür.

Es ist ein Kurs, der in Baden-Württemberg offenbar ankommt.

Nach dem sehr knappen Wahlsieg mit einem Vorsprung von 0,5 Prozentpunkten unterstrich Özdemir am Montag erneut seinen Anspruch zu regieren. Dem Vorschlag einer Teilung der Amtszeit mit der CDU wegen der gleichen Zahl an Mandaten im Landtag, den kurz zuvor Jens Spahn als Fraktionschef der Bundestagsunion formuliert hatte, wies er zurück. Auch wenn es nur eine Stimme mehr gäbe, wäre klar, wer den Ministerpräsidenten stelle, sagte Özdemir. Das sei Tradition.