Schon seltsam, dass die wichtigsten Spitzenkandidaten den nach der Landtagswahl am Sonntag in Pension gehenden grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gleichermaßen schätzen: Da ist Cem Özdemir, ein Realo bei den Grünen und politischer Ziehsohn von Kretschmann. Da ist aber auch der junge CDU-Bewerber Manuel Hagel, ein Katholik wie Kretschmann, heimattreu wie er und bodenständig. Mit Kretschmann ist er per Du. Falls er die Wahl gewinnt, will er mit ihm frühstücken und „um Rat fragen“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Geht‘ s noch? Ja, das geht in Baden-Württemberg. Konservativismus verbindet. Der parteiübergreifend als Landesvater wahrgenommene Kretschmann verkörpert ihn mit allen Fasern. Mit 15 Jahren Amtszeit wird er der am längsten amtierende MP des Bindestrich-Land sein, das erst 1952 aus Württembergern und weniger begeisterten Badenern zusammengefügt worden ist.
Landtagswahlen 2026 – spannende Hintergründe
Ein Blick auf den studierten Biologie-Lehrer lohnt, um das Ländle zu verstehen. Zum einen hat Kretschmann früh die Parole ausgegeben, das Land müsse führend in klimafreundlichen Technologien sein, um dann im Erfolgsfalle als „Role Model“ für die Welt zu dienen. Diese grüne Idee finden mittlerweile auch CDUler gut. Zum anderen hatte Kretschmann astronomisch hohe Popularitätswerte. 2015 waren 72 Prozent der Bürger mit seiner Arbeit zufrieden – weil er unverstellt und widerborstig ist. Weil er bescheiden auftritt und „bruddeln“ kann, wie der Schwabe sagt.
Eine grüne Revolution fand mit Kretschmann nicht statt
Schön ist ein Foto aus der Zeit, als Kretschmann noch mit der SPD koalierte. Das zeigt ihn grimmig mit SPD-Finanzminister Nils Schmid an einem Lagerfeuer, wo beide Würstle an Holzstecken über die Glut halten: „Kretschmann sieht aus, als ob er Hunger hat. Schmid sieht aus, als ob er Angst hat, die Wurst fällt ins Feuer“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“. Authentizität, Unverzagtheit, Eigeninteresse. Das kommt im Südwesten an. Sauberkeit und Tüchtigkeit auch. Im Wahlkampf hat CDU-Mann Hagel proklamiert, man müsse über den Länderfinanzausgleich statt Geld „besser die Kehrwoche nach Berlin“ exportieren. Das war nicht nur ironisch gemeint. Genauso wenig wie sein Ausruf: „Wir sind die Heimat der Fleißigen!“
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Kretschmanns Wahlsieg von 2011 gründete auch auf dem Fukushima-Atomunfall. Zunächst regierte er mit der SPD. Als er 2016 das grün-rote Bündnis aufgab und mit der CDU eine Koalition einging, hat das die SPD tief gekränkt. Neue Radschnellwege, 820 Windräder, einen Nationalpark im Schwarzwald: Eine grüne Revolution mit Kretschmann fand zur Erleichterung der Bürger nicht statt. Das Land mag keine Experimente. Auch beim Sinn für Recht und Ordnung herrscht Konsens. Als es im Juni 2022 zu Ausschreitungen nach Polizeikontrollen bei Jugendlichen „zur Stuttgarter Krawallnacht“ kam, da war das fast eine Staatskrise. Kretschmann tobte wegen der „Randale“, empfing Polizisten in der Villa Reitzenstein, und auch die SPD kritisierte die „bürgerkriegsähnlichen Zustände“. Es war ein Trauma für die Schwaben.
Die Menschen in Baden-Württemberg eint Werte wie Fleiß, Erfindergeist sowie das Motto „sei Sach‘ zusamme halte“. Das Wort „Entaklemma“ für Geizhals ist kein Schimpfwort. Hier beheimatete Milliardäre wie Lidl-Chef Dieter Schwarz oder Schraubenkönig Reinhold Würth sind ohne Glamourfaktor. Aber sie sind geachtet, weil sie wie im Falle Schwarz im Stillen wirken und die Heimatstadt Heilbronn mit Innovationsprojekten millionenschwer beschenken. Oder im Fall von Würth einen Brief an die Belegschaft schreiben, sie möge bitte nicht AfD wählen, „denn ohne Zuwanderung wäre Deutschland nie zur drittgrößten Industrienation der Welt geworden“.
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Die Krise in der Wirtschaft ist jetzt da
Mit dem Slogan „The Länd“ versucht das Land, sich ein modernes Image zu geben. Dabei liegen Welten beispielsweise zwischen dem Stadtteil Mannheim-Neckarweststadt mit einem Migrantenanteil von 70 Prozent und einer Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb, nehmen wir mal Merklingen. Bei den einen wird in Schulen debattiert, ob man jetzt das muslimische Zuckerfest oder Ostern feiert. Bei den anderen wird erörtert, ob die Verkaufserlöse eines 61 Meter langen Apfelstrudels jetzt für die Kirchturmsanierung reichen. Aber die große Klammer ist die Ökonomie. Hinter Bayern ist Baden-Württemberg das zweitstärkste Flächenland mit einem BIP pro Kopf von 57.294 Euro (2024). Doch nun ist die Krise da. In zwei Jahren gingen 60.000 Industriejobs verloren, die Arbeitslosigkeit ist mit 4,8 Prozent so hoch wie seit 20 Jahren nicht. In der Autoindustrie werden Zehntausende Stellen abgebaut, vom „Detroit Europas“ ist die Rede.

Dass Mercedes einen Gewinneinbruch hatte und seine Prämie für Mitarbeiter von 5220 Euro wie im Vorjahr auf 3139 Euro senkte, mag in auswärtigen Ohren als Luxusproblem klingen. Im Ländle ist es ein Alarmsignal. Die Wirtschaft ist das Topthema in einem Land, das in seiner Historie ein Jahr von einem Liberalen, 58 Jahre von der CDU und 15 Jahre von einem Grünen regiert worden ist. Aber nie von einem Roten. Am 8. März werden 7,7 Millionen von 11,2 Millionen Schwaben und Badenern wählen dürfen, darunter 650.000 Erstwähler. Hagel und Özdemir haben ähnliche Ideen: Bürokratie verschlanken, Vorfahrt für Start-ups, Felder erschließen wie KI, Biotechnik, Robotik, Luft- und Raumfahrtindustrie und Medizinforschung. Das wollen beide. Das Land wird vermutlich wieder als Kiwi regiert. Ob Grün oder Schwarz dominiert, ist offen.












