Wolfgang Kubicki gilt als Querdenker in der FDP. Nun will er die extrem verunsicherte und dauergeschwächte Partei wieder aufrichten. Der 74-jährige Rechtsanwalt und Volkswirt Kubicki tritt auf dem Parteitag im Mai bei der Wahl zum Parteivorsitzenden an. Er kandidiert gegen den 39-jährigen FDP-Landes- und Fraktionsvorsitzenden aus Nordrhein-Westfalen, Henning Höne. Die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann hatte zunächst eine Doppelspitze ins Spiel gebracht, zog ihre Bewerbung aber zurück. Nun stichelt sie gegen Kubicki und unterstützt so den Gegenkandidaten Höne. Kämpft in der FDP gerade „Erfahren und Weise“ gegen „Jung und Dynamisch“? Oder geht es um „Alt oder Neu“?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der FDP-Vize und ehemalige stellvertretende Bundestagspräsident Kubicki sagt, er wisse, dass er nicht das Gesicht einer zukünftigen FDP sein werde. Er wolle die Liberalen nun aber formen in „eine Partei, die mit neuem Selbstbewusstsein die politischen Debatten in diesem Land anführt, statt ihnen hinterherzulaufen“, wie er zuletzt auf X schrieb. Er will das schaffen, was sein bisheriger Parteichef und jetziger Unterstützer Christian Dürr nicht hinbekam, nämlich die Partei nach den Ampel-Jahren wieder zu profilieren und zu einen.

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Wolfgang Kubicki: FDP-Vize provozierte mit Putin-Vergleich

Bislang eckte Kubicki allerdings zumindest lieber mit seinen Aussagen an, als mit ihnen auszugleichen. Der damals bekennende Macho war immer für Aussagen gut, wie im Januar 2013 in der „Bild“: „Ich flirte für mein Leben gern, künftig aber sicher nicht mehr mit Kolleginnen von Ihnen. Denn ich möchte vermeiden, dass eine Journalistin, die ich anflirte, dies später als sexuellen Übergriff versteht und anprangert.“ Kubicki bezog sich auf eine Berichterstattung des „Stern“ zum ehemaligen Parteichef Rainer Brüderle, der schließlich in einer Debatte über sexuelle Übergriffe gegenüber einer Journalistin seinen Job verlor.

Kubicki setzte sich für Nord Stream 2 ein, als Russland schon längst seinen Großangriff auf die Ukraine gestartet hatte. Er kritisierte Grüne und Linke, die die AfD „als Dauerfeind“ ausgemacht hätten. Ein Parteiverbot für die AfD lehnte er zwar ab, sah in ihr aber eine Partei, die von der Bildfläche verschwinden sollte. Die beiden anderen Parteien lehnte er allerdings genauso ab, denn die lebten in einer „Bubble“. Grünen-Chef Robert Habeck verglich er mit Kremlmachthaber Wladimir Putin, wenn es darum ging, den Staat zu führen.

FDP in der Krise: Wahlniederlagen belasten Partei

Eigentlich wollte Kubicki schon vor einiger Zeit aufhören. Doch die Bundestagswahl 2025 (4,3 Prozent) und die Landtagswahl im vergangenen März in Baden-Württemberg (4,4 Prozent) bewegten ihn zum Umdenken. Die beiden Wahlen, bei denen die Freien Demokraten je an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten, sind jedoch nur die beiden herausragenden Symptome eines parteiinternen Verfallsprozesses. Er begann mit dem ersten Streit in der Ampelkoalition unter Kanzler Olaf Scholz (SPD), Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) und Finanzminister Christian Lindner als FDP-Chef. Lindner und Kubicki bildeten in diesen Streits meist ein kongeniales Duo, in dem der Chef beschwichtigte, wenn der Vize seine Kritik etwas heftiger formulierte. Die Themen blieben den Liberalen jedoch erhalten. Sie kauen an ihnen, als wären sie ein zähneziehendes Kaugummi.

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Kubicki ist aber nicht ohne Grund auch für einen realistischen Blick auf die Situation bekannt. Die Wahl im FDP-Stammland Baden-Württemberg hatte er als Menetekel bezeichnet und sollte damit Recht behalten, als die Partei, die zu ihm gehöre, „so wie die FDP zu mir gehört“ (In: „Welt“, am 14. März 2026), den Einzug ins Landesparlament verpasste.

Weltweit steckt der Kapitalismus in der Krise

Eine geweitete und von der Partei losgelöste Perspektive hatte er der „Welt am Sonntag“ aber schon vor der Bundestagswahl 2025 eröffnet, als er sagte: „Wenn die Freien Demokraten den nächsten Deutschen Bundestag nicht erreichen, wird die Partei des Liberalismus in Deutschland über kurz oder lang aufhören zu existieren.“

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Damit sprach er ein Phänomen an, das die FDP kurzfristig kaum beeinflussen kann. Denn es geht um eine globale Krise des Kapitalismus, die der deutsch-amerikanische Historiker Sven Beckert von der Harvard-Universität in seinem gerade viel beachteten, 1200-seitigen Monumentalwerk „Kapitalismus – Geschichte einer Weltrevolution“ beschreibt. Beckert sagt, dass der vor allem durch die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher und den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan Ende der 1970er- beziehungsweise Anfang der 1980-Jahre geprägte Neoliberalismus aktuell zu seinem Ende komme.

Historiker: Kapitalismus kommt in Autokratien besser klar

Die FDP hatte sich über all die Jahre an genau diesen Liberalismus gebunden und durchaus auch erfolgreich an den Vorbildern Thatcher und Reagan orientiert. Der in diesen Jahren geprägte Kapitalismus entwickelt sich nun jedoch als Turbokapitalismus weiter. Er entferne sich von den demokratischen Parteien wie der FDP, sagt der Historiker Beckert, und suche sich andere Protagonisten.

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In Autokratien wie zum Beispiel in der Türkei mit dem Langzeitpräsidenten Recep Tayyip Erdogan komme der Kapitalismus besser klar. Russland mit Machthaber Wladimir Putin kann auch als Beispiel dienen. Dort kann das Geld fließen und wird nicht durch Gesetze aufgehalten. Die neue und alles bestimmende Speerspitze dieser kapitalistischen Bewegung sei jedoch US-Präsident Donald Trump, so Beckert. Dieser unterstützt in Deutschland aber eher die AfD, nicht die FDP.

Die Wählerinnen und Wähler suchen in Zeiten der Krise jedoch Wirtschaftskompetenz. Wolfgang Kubicki weiß das. Sonst würde er sich nicht zur Wahl stellen. Das Macho-Problem will er ebenfalls angehen. Laut „Bild“ sollen Frauen wie die frühere Generalsekretärin Linda Teuteberg, die Tochter von Ex-CSU-Chef Horst Seehofer, Susanne Seehofer, sowie die Kölner FDP-Politikerin Maria Westphal und die ehemalige Bundestagsabgeordnete Katja Suding in der künftigen Partei eine Rolle spielen. Er müsse sie noch überzeugen. „Dann erledigt sich auch das Gerede von den ,alten, weißen Männern‘“, so Kubicki.