Es kann das Comeback des Jahres werden: Wolfgang Kubicki (74) will Chef der gebeutelten FDP werden. Im FUNKE-Podcast „Meine schwerste Entscheidung“ sagt der Ur-Liberale, was Kanzler Friedrich Merz (CDU) mit seinem Entschluss zu tun hat – und warum er den Tod genauso wenig fürchtet wie seinen Gegenkandidaten Henning Höne, den 39-jährigen FDP-Chef in NRW. Hier einige Auszüge aus dem Gespräch. 

Was war Ihre schwerste Entscheidung?

Wolfgang Kubicki: Es gibt im Leben eines jeden Menschen sehr viele schwere Entscheidungen. Aber die wirklich schwerste Entscheidung war die, die ich Ostersonntag getroffen habe: nämlich tatsächlich, mich durchzuringen, für den Vorsitz der FDP zu kandidieren in einer Phase, die nicht gerade verlockend ist.

Was ist das Schwere – dass Sie die Entscheidung mit 74 treffen oder dass die FDP im Grunde verloren ist?

Wenn ich glauben würde, die FDP wäre verloren, dann würde ich nicht antreten, ich bin ja kein Idiot. Und ich überschätze mich auch nicht. Die schwerste Entscheidung war es deshalb, weil meine Frau und ich eine völlig andere Lebensplanung hatten. Wir sind aus dem Bundestag ausgeschieden. Sie haben mein Alter angesprochen. Mir und allen ist klar, dass ich nicht die Zukunft der FDP bin. Aber Sie werden mir nachsehen müssen, dass ich nach 56 Jahren der Mitgliedschaft in dieser Partei nicht einfach zusehen wollte, wie die Partei zugrunde geht. Ich wollte ihr das Angebot machen, wir versuchen das jetzt noch mal mit aller Kraft, dann kann es gelingen. Ich möchte, dass die Partei eine Zukunft hat.

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#39 Wolfgang Kubicki über die Wiederbelebung der FDP, die populistische Versuchung - und den ‚Eierarsch‘
Meine schwerste Entscheidung
 

Wie ist es überhaupt zu der Entscheidung gekommen? Wer hat wen angerufen in dieser Phase?

Es ist ein Prozess, der sich entwickelt hat bei mir über mehrere Tage. Die Frustration nach der verlorenen Landtagswahl in Baden-Württemberg war massiv. Ich brauchte wirklich mehrere Tage, um mich davon zu erholen, weil niemand von uns – mich eingeschlossen – damit gerechnet hätte, dass wir in Baden-Württemberg es nicht schaffen. Dem Land, in dem man es am ehesten der FDP zugetraut hat. Dann war klar, dass es für die Rheinland-Pfalz-Wahl sehr schwierig werden würde. Und am Tag nach der Rheinland-Pfalz-Wahl war für mich auch in meinem Kopf – ich war auf Mallorca – klar: Jetzt machst du deinen Urlaub, spielst Golf weiter, das war’s. Punkt. Und das war auch der Kommunikationsstand mit meiner Frau.

Und dann sah ich Friedrich Merz mit der historischen Erklärung, die FDP ist tot. Und alle, die früher mal FDP gewählt haben, sollen sich jetzt in das Reich der Union einfinden. Und in der Sekunde habe ich gedacht, ich wiederhole das jetzt hier auch so, weil das wirklich der Gedanke war: Du Eierarsch, dir werde ich das zeigen! Also dieser Impetus, alle Kräfte, die man noch in sich hat, die haben sich dann aufgebäumt, und das kann ich heute für meine ganze Partei sagen. Alle FDP-Mitglieder, die auch depressiv waren, haben mit dieser Ansage ausgerechnet von Friedrich Merz gesagt: Du nicht!

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Welche Rolle hatte Christian Lindner bei Ihrem Comeback? 

Gar keine. Also, wir haben ja viel Kontakt. Er will sich parteipolitisch überhaupt nicht mehr engagieren. Er ist weg von der FDP, also nicht von der FDP als Partei, aber von parteipolitischer Einflussnahme. Aber er ist wieder dabei, auch in der Partei oder für die Partei zu wirken. Beispielsweise bei dem 80. Geburtstag der FDP Schleswig-Holstein wird er der Hauptredner sein. So als Elder Statesman, Weltpolitiker, ehemaliger Finanzminister und netter Typ, einfach so.

Und dann sagt meine Frau auch: „Ich merke ja gerade, was bei dir los ist. Ich merke ja, dass es bei dir kribbelt, du willst doch bestimmt kandidieren.“ Da habe ich gesagt, eigentlich habe ich mich noch nicht entschieden. Und dann hat meine Frau zu mir gesagt – und daran kann man merken, wir sind jetzt seit 28 Jahren verheiratet, seit 35 Jahren zusammen, wie klug diese Frau ist, übrigens auch eine Strafverteidigerin: „Wenn ich jetzt sagen würde, du machst es nicht, dann weiß ich, du machst es nicht. Aber dann wirst du, wenn die FDP jetzt wirklich politisch verschwindet, Zeit deines Lebens mit dir und mir rumlaufen und sagen, du hast nicht alles versucht. Und weil ich dich kenne und weil ich nicht will, dass du unglücklich bist und wir dann auch unglücklich werden, sage ich dir: Mach es. Vor allen Dingen, weil ich ja weiß, schon wegen deines Alters, das wird nicht ewig sein.“

Also wäre das nur für zwölf Monate?

Wir werden ja zunächst erst mal nur für zwölf Monate gewählt, aber glauben Sie mir: Wenn ich im Mai nächsten Jahres vor einen Parteitag treten und sagen würde: Jungs, ich habe es geschafft, uns bei drei Prozent zu stabilisieren. Dann sollten die mich von der Bühne reißen und mich in ärztliche Behandlung geben.

Zur Person

Als Wolfgang Kubicki 1971 mit 19 Jahren in die FDP eintrat, waren die beiden letzten Parteichefs der Liberalen noch nicht einmal geboren. Der Rechtsanwalt hat sein gesamtes Erwachsenenleben in der FDP verbracht. Kubicki war Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein, Mitglied im Bundestag und dessen Vizepräsident. Seit 2013 ist Kubicki stellvertretender FDP-Chef – jetzt kämpft er um den Parteivorsitz. Kubicki ist Vater von zwei Töchtern und in dritter Ehe verheiratet.

Gab es auch Leute, die Ihnen abgeraten haben?

Ja, es gibt die Leute, die mir sagen: Schade und traurig und pass auf dich auf, aber für die Partei und für das Land ist es wichtig. Punkt. Viele Menschen sagen, pass auf dich auf, das ist die Sache nicht wert, dass du dann irgendwann auf der Bahre rausgetragen wirst oder so. Also mein ganzes soziales Umfeld ist sozusagen menschlich besorgt, andererseits aber auch elektrisiert von der wunderbaren Idee, es könnte funktionieren.

Manche meinen, Ihnen ginge es vor allem um sich selbst.

Ich wollte mal sagen, die Marke Kubicki hat sich mittlerweile komplett von der FDP gelöst. Ich kommuniziere auch, indem ich Kolumnen schreibe oder Vorträge halte. Der Bedarf danach ist wirklich riesig, und das Schöne ist: Zu meiner Zeit im Deutschen Bundestag durfte ich dafür kein Geld nehmen, und jetzt werde ich dafür auch noch bezahlt. (lacht)

Sie bräuchten die FDP gar nicht.

Ich habe in meinem Leben noch nie die FDP gebraucht, weil ich auch als Anwalt relativ erfolgreich war und sehr viele Prozesse hatte, die auch eine hohe Reichweite erzielt haben in der öffentlichen Debatte. Aber darum geht es mir gar nicht. Also selbstverständlich ist es auch der Wunsch, zu beweisen, dass es geht und dass Friedrich Merz unrecht hat. Das wäre für mich persönlich das Sahnehäubchen. Mir geht es wirklich darum, die politische Organisation, der ich seit 56 Jahren angehöre, am Leben zu halten.

Auf Mallorca spielen Sie zwei- bis dreimal die Woche Golf. Ist das ihr Fitness-Tipp?

Nein. Also ich laufe kein Ski mehr, weil ich weder mich noch die anderen Skifahrer gefährden will. Sie verlieren tatsächlich im wachsenden Alter auch Kraft, und wenn Sie das nicht dauerhaft machen, sondern zwei- oder dreimal im Jahr für eine Woche in den Skiurlaub fahren, dann ist das nicht so günstig. Ich fahre kein Motorrad mehr, ich spiele keinen Fußball mehr, weil mittlerweile der Kopf wirklich schneller ist als der Körper. Beim Golfspielen spielt das alles keine Rolle. Und da ich kein Strandlieger bin – ich weiß auch nicht, wie Menschen das aushalten, vier bis fünf Stunden am Strand einfach vor sich hinzudösen und die Sonne auf sich scheinen zu lassen –, ist jetzt die Alternative neben guten Restaurants und auch gutem Wein, einfach sich zu bewegen und Golf zu spielen. Und Mallorca hat unglaublich viele schöne Golfplätze.

Wie fit sind Sie heute?

Also mit Ihnen am Tisch könnte ich wahrscheinlich nicht laufen, aber meine Frau war so schlau, mir eine Uhr zu schenken, die alles misst, was notwendig ist. Ich werde einmal im Jahr komplett durchgecheckt. Meine Ärzte sind mit mir zufrieden, das will ja schon was heißen. Meine Leber werde ich spenden, die hat sich bewährt. (lacht) Und wie gesagt, Golf ist auch ein sehr anstrengender Sport. Das sieht immer leicht aus, aber wenn die Leute erst mal anfangen, Golf zu spielen, stellen sie fest, wie viele Muskeln sie in ihrem Körper haben, die sie vorher gar nicht kannten.

Würden Sie sagen, dass Alter in der Politik ein Vorteil ist?

Alter ist grundsätzlich weder Vorteil noch Nachteil, aber ich versuche mal zu erklären, weil ich das so lustig finde, dass mir jetzt mein Alter entgegengehalten wird: Konrad Adenauer war 73, als er Bundeskanzler wurde, hat 14 Jahre regiert. Winston Churchill war 76, als er das zweite Mal Premierminister in Großbritannien wurde. Und Nelson Mandela war 75, als er Präsident in Südafrika wurde. Das deutet darauf hin, dass man auch im hohen Alter noch Bedeutendes bewirken kann. Donald Trump ist deutlich älter als ich, und das deutet darauf hin, dass man mit hohem Alter auch Unsinn machen kann.

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Steht die Brandmauer zur AfD, wenn Sie die FDP führen?

Die steht weder in der Verfassung noch ist sie gesetzgegeben. Ich kenne keine Brandmauer. Ich werde keine Veranstaltung deshalb nicht besuchen, weil da ein AfD-Vertreter auftritt. Ich werde meine politischen Überlegungen nicht davon abhängig machen, ob die AfD zustimmen könnte oder nicht. Ist mir auch relativ egal.

Würden Sie mit der AfD koalieren?

Nein.

Sich von ihr dulden lassen?

Auch nicht.

Aber zusammen abstimmen.

Ich würde keinem AfD-Antrag zustimmen, aber ich würde meine Anträge nicht davon abhängig machen, dass die AfD zustimmen könnte. Würde ich das tun, wie dumm ist das denn, würde ich die komplette Agenda der AfD in die Hand geben.

Wollen Sie eine neue Protestpartei aufbauen?

Jede Partei ist auch Protestpartei. Ich muss keine neue Partei aufbauen, wir sind eine alte Marke, die muss jetzt einfach nur reloaded werden. Und zwar mit Selbstbewusstsein – und nicht dauernd in Abgrenzung von anderen. (…) Die Tatsache, dass die Grünen erklärt haben, sie wollten das Erbe der FDP antreten, finde ich besonders lustig. Denn dazu müssten wir ja tot sein. 

Sie waren in der Kirche aktiv und sind später ausgetreten. Spielt der Glaube wieder eine größere Rolle, wenn man 74 ist?

Nein. Angst vor dem Tod habe ich auch nicht. Also, wenn mich der Herr morgen zu sich ruft, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht braucht er Nachwuchs, dann kann ich sagen: Ich habe alles gehabt in diesem Leben, also mehr geht nicht. Alles, was jetzt kommt, ist das Sahnehäubchen. Das gibt auch eine gewisse innere Ruhe. Ich glaube auch, dass Gott will, dass wir unser Leben wirklich glücklich und optimistisch und zufrieden leben und nicht depressiv durch die Welt laufen.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Auf die Frage, ob ich daran glaube oder nicht, kommt es ja nicht an. Also, da ich keine Angst vor dem Tod habe, muss ich jetzt nicht metaphysisch sozusagen mich beruhigen, dass das nicht das Ende sein wird. Das werden wir sehen, Sie und ich, ne?

Sie machen sich keine Gedanken darüber?

Nein.

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