Die ersten Kriegstage nach dem 28. Februar
„Wir haben uns an den Klang von Explosionen gewöhnt. Wenn die Flugzeuge kommen, haben die Erwachsenen Angst. Wir haben keine Angst. Wir schauen zu. Die Häuser brennen. Die Menschen schreien. Nach einer Weile wird wieder alles still. Und das Leben geht weiter.“
Ich hätte nie gedacht, dass die Worte meiner Lieblingsautorin Ágota Kristóf eines Tages mein eigenes Alltagsleben beschreiben würden. Erst vor ein paar Tagen war es der Klang der Bombardierung Teherans, der mich dazu brachte, in mein Tagebuch zu schreiben:
Es ist der 28. Februar 2026 – der Krieg hat begonnen. Ich glaube, niemand stellt sich wirklich vor, wie es ist, einen echten Krieg zu erleben. Nicht, bevor man den Alarm mit den eigenen Ohren hört. Nicht, bevor ein Kampfjet über die eigene Stadt fliegt. Nicht, bevor man die erste Explosion hört.
Wahrscheinlich bleibt einem in den ersten Minuten der Mund offenstehen. In den ersten Wochen ist man wie betäubt. Aber langsam werden diese Geräusche normal. Die schrecklichen Nachrichten wiederholen sich. Und die Menschen, die jeden Morgen noch immer in den Bäckereien Schlange stehen, sprechen statt über das Wetter über die Zahl der Verletzten und die zerstörten Häuser.
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Bis vor ein paar Tagen war ich eine fast gewöhnliche Frau, fast vierzig Jahre alt. Ich bin Reiseplanerin in einem Reisebüro. Ich lebe mit meinen kleinen Sorgen und gebe fast mein ganzes Einkommen fürs Reisen aus.
Ich war etwa fünfzehn, als meine Familie von Iran nach Schweden auswanderte. Von Teheran, der Stadt, in deren altem Zentrum ich geboren wurde, nach Stockholm – einer Stadt, die mir zum ersten Mal einen Pass gab und mich mit der Frage der Identität konfrontierte.
Meine Eltern waren als Kinder aus dem Irak nach Iran geflohen. Dreißig Jahre später wanderten sie nach Schweden aus, wo sie nun seit drei Jahrzehnten leben.
Ich aber kehrte nach meinem Studium in Schweden, nach einem Jahr Praktikum in New York und einem Jahr Leben in Salzburg wieder zurück – in die Straßen, in denen ich als Kind gespielt hatte.

Hoda Rostami lebt in Teheran. Derzeit reist die Bloggerin durch ihr Land.
In Teheran baute ich mir ein eigenes Leben auf, gründete ein Geschäft. Seit etwa zehn Jahren kaufe ich mein Obst beim kleinen Laden in unserer Nachbarschaft, kenne die Bäckerei um die Ecke. Ich weiß, wie man das überwachte Internet umgeht und wo ich mit Freunden beim selbstgebrauten Bier zusammensitzen kann.
Für den persischen Neujahrstag „Nowruz“ am 20. März wollten wir sogar einen kleinen Markt für Kunstschaffende im Viertel organisieren. Bis … bis wir eines Morgens aufwachten und verstanden, dass Krieg ist und wir alle arbeitslos geworden sind.
Meine Reise nach Tibet – die Reise zu meinem vierzigsten Geburtstag – hat sich in Luft aufgelöst. Die Grenzen sind geschlossen, die Flüge gestrichen. Und selbst das wenige Internet, das noch wie ein dünner Faden zur Welt bestand, ist abgeschnitten worden.
Zwanzig Jahre lang reiste ich in mehr als fünfzig Länder, schrieb über Menschen und ihren Alltag. Und nun, nach zwei Wochen Krieg in der Hauptstadt, habe ich beschlossen, diesmal im eigenen Land zu reisen und zu schreiben.

Propadanda des Mullah-Regimes gehört zum Alltag in Teheran.
Ich möchte erzählen – von einem Land, das wie kein anderes verschlossen ist. Wie ist der Alltag der Menschen in diesen Zeiten, in denen sie die Hoffnung verlieren und sich jeden Tag fragen:
Wird die Bäckerei morgen noch Brot haben?
Der Krieg geht weiter – und die Autos verlassen die Stadt
Teheran ist die Stadt der weißen Autos. In Iran ist ein Auto nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern ein wertvoller Besitz. In Zeiten von Inflation und Sanktionen kaufen die Menschen lieber etwas in einer Farbe, in der es sich später leichter wieder verkaufen lässt – und diese Farbe ist meist Weiß.
In unserem Viertel in Teheran sind die Gassen alt und aus Backstein. Viele stellen eine Blume oder einen Blumentopf vor ihr Haus. Am Ende des Winters und zu Beginn des Frühlings blühen die Mandelbäume und die Maulbeeren sind reif. Menschen bleiben stehen, pflücken die Beeren. Das gehört zur Kultur des Viertels – ein kleines, alltägliches Ritual für den Beginn des Frühlings.
Doch dieses Jahr ist nicht wie die anderen. Dieses Jahr gibt es keine überfüllten Straßen und keine belebten Gassen. Unser Viertel ist leer. Die Stadt ist still geworden. Und trotzdem öffnen, gleichgültig gegenüber allem, die Blüten Mandelbäume.
Ich bin zunächst in meiner Wohnung im Zentrum von Teheran geblieben. Der Klang von Explosionen aus der Ferne wird langsam zu etwas Vertrautem. Ich habe keinen Zugang zum staatlichen Fernsehen Irans, und mein Internet funktioniert nicht. Um diese wenigen Zeilen überhaupt über die Grenzen hinauszuschicken, muss ich mich zuerst mit dem internen Intranet verbinden, dann einen gehackten VPN kaufen, der nach Megabyte berechnet wird, dann meinen Text per E-Mail an einen Freund außerhalb Irans senden, der ihn übersetzt und an diese Redaktion weiterleitet. Es ist seltsam. Seltsam, sehr seltsam.

Teheran ist die Stadt der weißen Autos. Nun verlassen sie die Stadt.
Noch vor wenigen Wochen war ich eine fast gewöhnliche 39-jährige Frau – wie viele andere Frauen irgendwo auf der Welt. Ich wachte morgens auf, ging in ein Café in den umliegenden Gassen, bestellte manchmal Tee und ein lokales Frühstück, manchmal ein Croissant und Kaffee. Ich ging zur Arbeit, und zur Mittagszeit sprachen wir mit Kolleginnen und Kollegen über Zukunft, Pläne und das Leben. Abends ging ich ins Studio und malte. Manche Nächte verbrachte ich mit Freundinnen und Freunden, und manchmal sah ich vor dem Schlafengehen noch einen Film im Internet.
Jetzt hat sich alles über Nacht verändert. Die Cafés bleiben leer, Schulen und Universitäten sind geschlossen. Kinder sprechen zu Hause über den Krieg. Unsere Arbeit – wie die vieler anderer – ist zum Stillstand gekommen, und seit zwei Wochen habe ich von einigen meiner Kolleginnen und Kollegen nichts mehr gehört. Manche sind in andere Städte gegangen, andere sind geblieben und wissen nicht, was sie tun sollen.
Manchmal, wenn ich einen kleinen Spalt Hoffnung finde, stehe ich auf, mache Tee und denke an meine Reise nach Tibet. Eine Reise, die ich Ende Mai antreten wollte, mein Geschenk zu meinem vierzigsten Geburtstag. Das Flugticket habe ich schon gekauft. Aber seit zwanzig Tagen sind alle Flugrouten in dieser Region geschlossen. Und im Moment kann ich nur noch träumen: von der Rückkehr zu den Tagen, an denen wir mit Freundinnen ohne Schal und Kopftuch durch die Straßen von Teheran gingen, um unsere eigenen Grenzen der Freiheit ein wenig weiter zu öffnen. Von Tagen, an denen man ohne Angst unter einem Baum stehen und rote Maulbeeren essen konnte.
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„Es wirkt, als sei die ganze Stadt in Schwarz gehüllt“
Drei Wochen sind seit Beginn des Krieges vergangen. Ich bin mit Freunden – man muss uns wohl Kriegsvertriebene bezeichnen – in dieses Dorf im Süden des Irans geflüchtet.
Hier versuchen die Menschen, Tag für Tag weiterzuleben. Vor Tagen, als der amerikanische Präsident Trump erklärte, er gebe Teheran 48 Stunden Zeit, verließen viele Menschen die Stadt im dichten Verkehr. Jeder suchte sich einen Ort, an dem er vielleicht für einen Moment etwas anderes hören konnte, als Kriegsnachrichten – ein Gespräch, ein Wort, das ein kleines Fenster der Hoffnung öffnet.
Daschtestan, ein Dorf zwischen Millionen von Dattelpalmen, ist in diesen Tagen unser Zufluchtsort. Die Stadt Borazjan ist etwa fünfzehn Kilometer entfernt, und heute Morgen beschlossen wir, dorthin zu fahren, um ein wenig einzukaufen.

Schwarze Tücher überall: Ein Leibwächter eines Regierungsvertreters ist tot. Er wird als „Märtyrer“ zu Grabe getragen.
Auf dem Weg sehen wir schwarze Tücher – Zeichen einer Trauerfeier für einen der Leibwächter eines Regierungsvertreters, dessen Namen ich nicht einmal kenne. Es wirkt, als sei die ganze Stadt in Schwarz gehüllt. Eine Gruppe von Menschen, vor allem ältere Bewohner dieser kleinen Stadt, folgt dem Wagen, der den „Märtyrer“ zum Friedhof bringt. Ein Mann mit einem Stock geht langsamer als die anderen neben der Menge schwarz gekleideter Frauen. In der Hand hält er ein Foto des Verstorbenen und schlägt sich immer wieder fest auf die Brust.
Wir erreichen Borazjan. Die Stadt ist ruhig, nur die Hälfte der Geschäfte ist geöffnet. Vor ein paar Tagen gab es hier eine große Explosion, erzählt uns ein Spielwarenhändler. Er hat kaum etwas zu tun, denn viele Menschen der Nachbarschaft sind geflogen.
Wir gehen weiter durch den Markt. Ein Passant ruft uns zu: „Willkommen in unserer Stadt! Normalerweise ist es hier viel voller. Seid ihr aus Teheran gekommen oder aus Shiraz?“ Dann bittet er mich sogar, ein Foto von ihm zu machen.
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Langsam wird es Zeit für den Gebetsruf. Ich hatte immer gedacht, dass die Menschen in kleineren Städten religiöser seien. Doch es scheint, als gingen heute – außer einigen alten Männern – nur noch wenige in die Moschee.
Die schwarzen Tschadors der Frauen fallen allerdings stärker auf als in Teheran, wo sich das Bild inzwischen fast umgekehrt hat. Aber jetzt denkt niemand mehr an Freiheit der Kleidung oder an das Kopftuch. Der Alltag der Menschen ist vollständig vom Krieg bestimmt.
Und doch muss der Gemüsemarkt jeden Tag öffnen. Die Mütter kommen mit ihren Körben, um das Nötigste für das Essen zu kaufen – so günstig wie möglich. Ich gehe durch die Gassen, erfüllt vom Duft frischer Kräuter und Gewürze, und denke an die jungen Frauen, die vor ein paar Monaten in unserem Büro in Teheran voller Hoffnung in der Tourismuswelt angefangen haben.
Eine von ihnen träumte davon, nach Japan zu reisen. Eine andere wollte Reisegeschichten illustrieren. Und ich frage mich: Welche Träume haben sie jetzt noch – für ihr Leben?
Ein Monat ist vergangen: „Ich denke an die kleinen Schönheiten“
Ein Monat ist vergangen. Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf und nichts ist mehr wie zuvor – Arbeit, Post, Einkaufen, Nachrichten, alles. Jetzt ist ein Monat vergangen, seit alles unnatürlich geworden ist, und wir zählen die Zeit in Monaten. Ich frage mich, ob der Iran-Krieg vielleicht wie am Anfang der Pandemie ist, wo wir dachten, sie würde nach einem Monat vorbei sein, nach drei Monaten, nach sechs Monaten – und am Ende vergingen drei Jahre unseres Lebens. Nein, was für ein schrecklicher Gedanke. Also lenke ich mich ab und denke an den Alltag und seine kleinen Schönheiten.
Gestern haben wir im Dorf Tomaten gepflückt und mit Erlaubnis der Nachbarn Zucchini und Auberginen von ihren Pflanzen genommen. Hier tauschen die Bauern manchmal noch Waren untereinander, genau wie früher.
Dann habe ich beschlossen, nach Buschehr zu fahren. Die Großstadt, etwa eine Stunde vom Dorf entfernt, steht jetzt im Zentrum aller Nachrichten, weil sich dort das Atomkraftwerk und die Energieanlagen Irans befinden, mit Blick auf den Persischen Golf und die Straße von Hormus. Buschehr hat einen der ältesten Häfen Irans, und ich, die seit Beginn des Kriegs nicht mehr dort war, frage mich, ob all die alten Häuser, all die hundertjährigen Holztüren der Stadt noch stehen.
Auf dem Weg sehe ich Ruinen, die von Raketen zerstört wurden. Wir dürfen keine Fotos von Kriegsschäden machen, aber aus der Ferne fotografiere ich ein Gebäude, das in der Mitte getroffen wurde, um mich eines Tages an diese Zeit zu erinnern.

Buschehr liegt am Persischen Golf, nahe der Straße von Hormus.
Langsam erreiche ich Buschehr. Zu meiner Überraschung stehen einige Menschen am Meer, und zwei Mädchen machen sogar Selfies. Ich frage einen Mann, der am Ufer Essen verkauft, was los sei. Traurig sagt er, dass sie dieses Jahr zum Nowruz-Fest, das sonst ihre einzige Einnahmequelle ist, überhaupt kein Einkommen hatten. Die Menschen seien heute ans Meer gekommen, weil ihnen das Herz schwer sei; nachts sei der Himmel nicht mehr voller Sterne, sondern voller Granaten und Bomben.
Ich gehe ein wenig durch die alten Gassen. Ein oder zwei Häuser sind zerstört, die Fenster eines sehr alten Gebäudes sind zerbrochen, aber die Stadt ist noch immer schön.
Ich würde gern weiter zur Insel Hormus reisen. Vor diesem Krieg war ich dort, um zu zelten. Ich ging gern über den roten, fremdartigen Sand der Insel. Aber jetzt weiß ich nicht, was aus der Insel geworden ist. Ich weiß nicht einmal, ob die Verbindung zur Insel – die, wie ich in den Nachrichten hörte, vor ein paar Tagen von einem israelischen Kampfjet zerstört wurde – wieder aufgebaut wird oder nicht. Und doch fahren sicher noch einige Fischer mit ihren kleinen Motorbooten hin und her.
Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost
Das Meer ist blau, der Himmel bewölkt, viele Läden blieben zu. In meinem Lieblingscafé ruft die Mutter des Baristas alle halbe Stunde an und sagt ihm, er solle das Café schließen und nach Hause kommen.
Und ich vermisse meine Mutter. Aber unsere Verbindung zur Welt ist unterbrochen. Ich kann nicht mit ihr sprechen, ohne dass die Leitung überwacht wird. Was mir bleibt, ist vom Alltag dieses Kriegs zu erzählen. Momentan ist es das Einzige, was mich rettet.
Der zweite Kriegsmonat beginnt mit meinem Zusammenbruch
In diesem Krieg breitet sich etwas aus wie eine Epidemie: Jeden Tag ist jemand an der Reihe, in Dunkelheit, Leere und Hoffnungslosigkeit zu fallen und für einen oder mehrere Tage völlig auszufallen – manchmal ohne jeden klaren Grund. Und nun war ich dran.
Der Druck der Nachrichten, das Gefühl, dass der Tod den benachbarten Gassen immer näher kommt, und die Last des Krieges haben mich eingeholt. Als es mir schlecht ging, brachten sie mich in eine Klinik. Die Ärztin, die mich untersuchte, war eine junge Frau. Sie fühlte meinen Puls, sah mir in die Augen, schrieb einige Medikamente auf und ließ alles über eine Infusion in meine Handvene laufen.
Ich krümmte mich vor Magenschmerzen und hatte das Gefühl, mein Herz sei verkrampft – oder schlage vielleicht gar nicht mehr. Auf dem Bett neben mir lag ein junger Mann. Die Ärztin sagte, man habe ihn in einem sehr nervösen Zustand hergebracht, er habe ein Beruhigungsmittel bekommen, damit er nach Tagen endlich schlafen könne. Dann wandte sie sich wieder mir zu und sagte: Jeden Tag bringen sie mehrere Menschen, die plötzlich krank geworden sind. Es sind die Folgen des Krieges. Es ist normal geworden.
Ich möchte nicht, dass es für mich normal wird.
Wir hatten gerade noch für Frauenrechte im Iran gekämpft, und jetzt müssen wir um die elementarsten Menschenrechte kämpfen. Es fühlt sich an wie eine Niederlage, wie ein Rückschritt. Und doch sind die Frauen in diesem Jahrzehnt, in dem ich im Iran gelebt habe, mutiger geworden, entschlossener. Es ist nicht mehr wie früher, als man nur Kampagnen zur Aufklärung starten musste. Schon dass eine Ärztin es wagt, mit locker über die Schultern gelegtem Schal zu arbeiten, in einem Land mit Pflichtverschleierung, ist eine Form des Widerstands. Aber jetzt… ist unser Schmerz ein anderer.
Die kühle Flüssigkeit der Infusion fließt in meine Vene und zieht mich für einen Moment aus den hässlichen Geschichten der Politik hinaus. Ich denke an Tage, in denen ich wusste, was vor mir liegt: eine Reise im Kalender, einfache Verabredungen mit Freunden, mehrmals in der Woche, um über die immer wiederkehrenden Routinen des Alltags zu sprechen. Und jetzt hat sich alles auf einen Satz reduziert: „Mal sehen, was passiert.“

Straßenszene aus Buschehr: Die Resignation ist auch den Kindern anzumerken.
Viele sagen, sie hassen Routinen. Aber ich habe in diesem Krieg verstanden, dass allein die Aussicht auf diese sich wiederholende Routine lebenswichtig ist. Stell dir vor, du wüsstest, dass du ab morgen nicht mehr mit der Metro oder mit dem Auto zur Arbeit fahren darfst. Wenn Zwang ins Spiel kommt, wird selbst der langweilige Weg von zu Hause zur Arbeit zum Wunsch – sogar der Stau.
Ich kann kaum glauben, dass ich zu denen gehöre, die plötzlich in solchen Schlagzeilen der Welt auftauchen. Ich kann kaum glauben, dass ich seit mehr als einem Monat nur mit Mühe und Kosten, über VPN, überhaupt Verbindung zur Welt bekomme.
Nur um zu schreiben: Ich lebe. Ich lebe noch. Denn hier stirbt man nicht nur durch direkten Einschlag einer Granate.
Der Mann einer Freundin, ein Mitarbeiter der Elektrizitätsbehörde, war gestern mit einem Kollegen auf einen Strommast gestiegen, um die Versorgung wiederherzustellen. Weiter entfernt gab es eine Explosion. Die Druckwelle schleuderte beide zu Boden. Und sie starben. So einfach.
Ein Fischer mit einer Harpune: Eine Granate brachte ihm den Tod
Ich war in einer kleinen Küstenstadt, in der das Leben vieler Menschen eng mit dem Meer verbunden ist. Frauen leben hier in farbenfrohen Kleidern und goldfarbenen Gesichtsschleiern. Diese Kleidung wirkt für viele Menschen aus anderen Städten Irans interessant, anders und aufregend. Vor dem Krieg reisten viele inländische Touristen in diese Region.
Viele dieser bunt gekleideten Frauen haben sich kleine Garküchen aufgebaut. Sie kochen hausgemachte Meeresgerichte aus dem täglichen Fang, Garnelen, Meeres-Sambuse oder Reis mit lokalem Fisch. Die Männer dieser Region sind meist Fischer. Doch jetzt, seit mehr als zwei Monaten, ist die Arbeit der Fischer zum Stillstand gekommen.
Gestern, während dieses vorübergehenden zweiwöchigen Waffenstillstands, ging einer der Fischer mit einer Harpune ins Wasser – eine alte Methode, ohne Boot zu fischen –, in der Hoffnung, irgendetwas, so klein es auch sein mochte, mit nach Hause zu bringen.

Irgendwie weitermachen: Das versuchen die Händler auf der Straße. Doch die Hoffnungslosigkeit wird immer größer.
Doch am Meeresgrund fand der Fischer statt eines Fisches eine metallene Kriegsgranate. Er brachte sie an die Oberfläche und schleppte sie zu einem Schrotthändler. Dort versuchten zwei Männer, die Granate zu öffnen.
Und dann: Boom. Die Granate explodierte sofort. Und nun sind zwei weitere Namen zu den Toten dieses Krieges hinzugekommen, und mehrere andere haben Arme und Beine verloren. Einige, die diese Geschichte gehört haben, sagten kopfschüttelnd: wie gedankenlos, wie gierig. Aber ich glaube, dieser Fischer ist in all den Wochen der Arbeitslosigkeit nicht nur wegen eines Fisches ins Wasser gegangen, sondern um zu überleben. Ich glaube, er dachte, er könnte das, was er unter Wasser gefunden hatte, wie eine Kriegsbeute nach Hause bringen und durch den Verkauf des Metalls der Granate seiner Familie für ein paar Tage Essen sichern.
Wenn ich an ihn und seine Familie denke, legt sich eine stille, schwere Traurigkeit in mein Herz. Ich möchte, dass seine Geschichte gehört wird. Ich möchte, dass die Menschen verstehen, dass er nicht gierig war – er hat ums Überleben gekämpft. Ich möchte, dass die Welt sich daran erinnert: Ein Krieg endet nicht mit einem Waffenstillstand.







