Die Wutausbrüche von US-Präsident Donald Trump gegen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) alarmieren nicht nur das Kanzleramt in Berlin. Auch die Nato ist jetzt in großer Sorge: Wenn Trump in dieser Stimmung zum Nato-Gipfel in Ankara Anfang Juli reist, ist die Allianz in höchster Gefahr. Selbst einen Bruch des größten Militärbündnisses der Welt wollen Nato-Diplomaten nicht mehr ausschließen. Er sei angewidert von der Nato, hat Trump zuletzt erklärt. Weil er sich über mangelnde Unterstützung der Allianz im Iran-Krieg ärgert, droht der Präsident ausdrücklich mit einem kompletten Austritt aus der Nato, die ja nur ein „Papiertiger“ sei. Die Sorge unter Nato-Militärs: Wenn schon Deutschland wegen einer kritischen Kanzler-Äußerung zum Iran-Krieg mit einem Teilrückzug von US-Soldaten abgestraft wird, was kommt noch?

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
„Es wird ein schwieriger Gipfel“, sagt die Sicherheitsexpertin Jana Puglierin, die das Berliner Büro des Thinktanks ECFR leitet. Die Grundstimmung: angespannt. Das Problem: Ihr Pulver haben die europäischen Nato-Staaten schon verschossen. Beim letzten Nato-Gipfel in Den Haag im Juni 2025 konnten die Regierungschefs Trump noch mühsam beruhigen. Man umgarnte den sprunghaften Präsidenten mit Empfang und Dinner beim niederländischen König, Übernachtung im Schloss inklusive, danach versprachen die Regierungschefs feierlich, was Trump gefordert hatte: die Verpflichtung der Nato-Staaten, ihre Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung mehr als zu verdoppeln. „Das konnte Trump als seinen Erfolg verkaufen, auch wenn die höheren Verteidigungsausgaben im Kern ohnehin notwendig gewesen sind“, sagt Puglierin unserer Redaktion. Die Verbündeten haben geliefert – aber Trump zürnt mehr denn je. Erst provozierte er im Bündnis zu Jahresbeginn die Grönland-Krise, nun ist der Iran-Krieg zum „transatlantischen Stresstest“ geworden, wie Merz sagt.

Kann sich Europa allein verteidigen? „Träumen Sie weiter“, sagt der Nato-Chef
Kommt es zum Bruch? Wie ernst die Lage in Europa eingeschätzt wird, zeigen Planspiele für die europäische Beistandsgarantie, die seit bald zwei Jahrzehnten parallel zur Nato-Beistandsklausel gilt. Nach der Grönland-Krise fordern Merz und andere führende EU-Politiker nun offen, diese lange vergessene Garantie in Artikel 42.7 des EU-Vertrags endlich mit Leben zu erfüllen – für den Fall, dass die Europäer im Krisenfall auf sich gestellt sind. Zu Wochenbeginn machten Botschafter der Mitgliedstaaten und Experten der EU-Institutionen dazu demonstrativ einen ersten Test: In der Simulation eines hybriden Angriffs mit Desinformationskampagnen, Cyberattacken und Drohnenflügen spielten sie am Schreibtisch durch, was die Beistandsklausel konkret bedeuten könnte.
Spannende Artikel rund um die Nato
Weitere Übungen sind geplant. Der EU-Vertrag verpflichtet die Mitgliedstaaten, einem angegriffenen Mitglied beizustehen, Hilfe und Unterstützung zu leisten. Die Umsetzung ist völlig ungeklärt, militärische Strukturen fehlen weitgehend. Der Versuch, die europäischen Beistandspflichten endlich praktisch zu erproben, wird in den USA durchaus registriert, bisher aber nicht ernst genommen. Auch Nato-Generalsekretär Mark Rutte warnt, die EU überschätze sich. „Träumen Sie weiter“, kommentierte er die Überlegungen, Europa könne sich allein verteidigen. Einige EU-Länder befürchten, dass schon allein das Reden über diese Klausel Trumps Abkehr beschleunigen könnte. Europa ist wieder mal gespalten.
Nato-Gipfel: Militärs spielen drei Szenarien durch
Zum Nato-Gipfel werden von Militärs nun drei Szenarien durchgespielt. Erstens: Trump stellt auch die letzte Unterstützung für die Ukraine ein, lässt die Europäer mit dem Krieg in Osteuropa allein. Das hat er schon angedroht aus Wut über die Bemerkung von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), der Iran-Krieg sei „nicht unser Krieg“. Noch ist Kiew bei wichtigen Fähigkeiten wie Satellitenaufklärung oder Luftverteidigung auf die Hilfe der USA angewiesen; Militärausrüstung in überschaubarem Umfang liefern die USA nur noch, wenn die europäischen Nato-Staaten sie vollständig bezahlen. Szenario zwei: Trump erklärt beim Gipfel gleich den Austritt der USA aus der Nato. Das Verfahren für den Exit ist in Artikel 13 des Nato-Vertrags geregelt – es sieht eine einjährige Kündigungsfrist vor. Formal dürfte ein US-Präsident die Scheidung nicht mehr allein einreichen.

Ein US-Gesetz von 2023 schreibt vor, dass ein Austritt von zwei Dritteln des Senats beschlossen werden müsste oder per Bundesgesetz, was die Zustimmung auch des Repräsentantenhauses erfordern würde. Allerdings: Ob sich Trump an das Gesetz gebunden fühlt, ist fraglich. Und wenn er als Oberbefehlshaber ankündigt, die USA würden keine Truppen mehr für die Allianz stellen, wäre das Bündnis in seiner bisherigen Form so oder so am Ende. Die Europäer könnten aber bei einem US-Exit versuchen, die Nato als Institution zu retten, meint Sicherheitsexpertin Puglierin. Die USA seien zwar bislang das Rückgrat der Nato. „Aber das Bündnis ist trotzdem mehr als nur die USA.“
Ein drittes Szenario ist wahrscheinlicher: Trump beschleunigt den Rückzug aus Europa, ohne die Allianz zu verlassen. „Die USA werden nicht mehr da sein, um euch zu helfen, so wie ihr nicht für uns da wart“, sagte der Präsident kürzlich. Der Abzug von 5000 US-Soldaten aus Deutschland ist wohl nur der Anfang, es geht um mehr als eine Laune des Präsidenten. Die USA wollten schon vor dem Iran-Krieg ihr Engagement rasch zurückfahren, „Phase out“ heißt die Strategie: Die Europäer könnten sich nicht länger auf die Sicherheit durch die USA verlassen, hat US-Verteidigungsminister Pete Hegseth seinen Nato-Kollegen in Brüssel offen angekündigt. Die USA bräuchten mehr Ressourcen für ihre militärische Präsenz in Asien, wo China ihre Kerninteressen im Indopazifik bedrohe.
Auch interessant
Ein kompletter Bruch mit der Nato ist nicht im Interesse der USA
Ein kompletter Bruch wäre das nicht, er ist gar nicht im Interesse der USA. „Die USA bleiben der Nato und der Verteidigungspartnerschaft mit Europa verpflichtet“, so Hegseth. Er fügt aber hinzu: „Unsere Beziehung wird vor allem darauf angelegt sein, Europa zu seiner eigenen Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu ermutigen.“ Die Richtung ist klar: Es geht nicht mehr allein um höhere Verteidigungsausgaben der Verbündeten, es geht um neue Rollen. Im Hintergrund steht die Idee einer „ruhenden Nato“, bei der die USA langfristig vielleicht nur noch ein stiller Teilhaber wären. Der atomare Schutzschirm für Europa bliebe erhalten, eine begrenzte Präsenz von Marine und Luftverteidigung auch. Die konventionelle Abschreckung aber, die Verteidigung der Nato-Ostgrenze, wäre nach diesem Plan allein Sache der Europäer.

Demonstrativ bleiben Hegseth und Außenminister Marco Rubio nun regelmäßig den Nato-Ministertreffen in Brüssel fern. Dafür erklärte neulich Hegseths Unterstaatssekretär Eldridge Colby im Nato-Hauptquartier die Linie: „Was wir brauchen, ist eine Nato 3.0. Sie erfordert wesentlich größere Anstrengungen unserer Verbündeten, die Hauptverantwortung für die konventionelle Verteidigung Europas zu übernehmen.“ Colby sagte immerhin zu, dass die Amerikaner nicht nur weiter für die nukleare Abschreckung sorgen würden, sondern auch Fähigkeiten bereitstellen, die die Europäer bisher nicht haben.
Nato: Europäer bereiten sich auf weniger US-Unterstützung vor
Längst laufen intern die Vorbereitungen für eine mehr europäische Nato, nicht nur mit massiver Aufrüstung: Die Europäer übernehmen jetzt auch wichtige Kommandoposten im Bündnis. „Es gibt kein Zurück“, versicherte Rutte kürzlich in Washington. Um einen Gipfel-Eklat zu vermeiden, könnten die Europäer Trump auch kurzfristig anbieten, die Lastenteilung im Bündnis schnell zu ändern: Der Beitrag der US-Streitkräfte in den regionalen Verteidigungsplänen der Nato könnte reduziert werden, meint Sicherheitsexpertin Puglierin. Die Lücken hätten dann die Europäer zu füllen.
Auch interessant
Fünf Jahre braucht es mindestens, um die Amerikaner bei der konventionellen Verteidigung zu ersetzen, für einige Fähigkeiten sogar ein Jahrzehnt: Bei strategischem Lufttransport, Satellitenaufklärung, Geheimdienstinformationen, Führungsfähigkeiten und präzisen Mittelstreckenraketen ist die Nato ohne die USA bislang ziemlich oder völlig blank. Das Bündnis setzt deshalb auf einen abgestimmten Rückzug der Amerikaner, der mit der Aufrüstung der Europäer synchronisiert ist. Aber lässt Trump den Europäern noch so viel Zeit? Oder bringt er sie mit einem abrupten Ausstieg in Not? Merz beschwört den Zusammenhalt. „Dieses Bündnis ist gegenwärtig durch nichts zu ersetzen“, sagt der Kanzler. Er wolle alles für den Erhalt tun. Eigentlich wollte Merz deshalb mit Trump vor dem Nato-Gipfel noch einmal in Ruhe über die Zukunft der Allianz sprechen. Aber abgesehen von Trumps Schimpftiraden herrscht jetzt gefährliche Funkstille.










