Als Ibrahim Abu Ahmed und Ofir Lugassy sich vor gut eineinhalb Jahren auf der Rückbank eines Shuttles von Jerusalem nach Haifa zum ersten Mal wirklich unterhalten, ahnen sie noch nicht, wie eng ihre Familiengeschichten miteinander verwoben sind. Was als beiläufiges Gespräch über Politik beginnt, wird zu einer schmerzhaften Entdeckung. Die Schlacht von Sejera bei Tiberias, in der Ibrahims Großvater 1948 gegen jüdische Milizen kämpfte und fiel, ist zugleich der Ort, an dem Ofirs Vorfahren als einzige jüdische Familie lebten – in jenem arabischen Dorf, auf dessen Land später die jüdische Siedlung Ilaniya entstand.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Ibrahim ist Palästinenser aus Nazareth. Für ihn ist das Jahr 1948 kein abstraktes Datum, sondern Familiengeschichte. Für seine Partnerin Ofir ist dieselbe Zeit zunächst der Kern der israelischen Gründungsgeschichte. Ihre Großeltern fanden in dem neuen Staat zum ersten Mal einen Ort, an dem sie als Jüdinnen und Juden geschützt wurden. „Wir haben beide gelernt, uns als Überlebende zu sehen“, sagt Ofir, „aber von unterschiedlichen Katastrophen”.
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Zwei Sichtweisen prallen aufeinander
Seit 78 Jahren wird in Israel der Unabhängigkeitstag rund um den 14. Mai gefeiert. Dieser Tag symbolisiert für viele Jüdinnen und Juden die Rettung eines bedrohten Kollektivs nach der Shoah. Die Palästinenser begehen am 15. Mai hingegen den Nakba-Tag, den „Tag der Katastrophe“. Für sie erinnert dieser Tag an die Flucht und Vertreibung von rund 750.000 Menschen und den Verlust der Heimat. „Im israelischen Kontext ist ‚Nakba‘ kein neutrales historisches Ereignis, sondern ein politisch vermintes Wort. Wenn ich es benutze, halten mich viele sofort für eine extrem linke Person. Dieses Wort macht Juden und Israelis wirklich Angst“, sagt Ibrahim.
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Zwischen diesen beiden Narrativen verläuft im heutigen Israel eine leise, aber tiefe Bruchlinie. In jüdischen Schulen wird zwar ausführlich über die Shoah und den Unabhängigkeitskrieg unterrichtet, über die Nakba erfahren die meisten Schüler jedoch nichts. Umgekehrt lernen palästinensische Israelis in ihren eigenen Schulen zwar vom Holocaust, aber, wie Ibrahim sagt, „nur als ein einzelnes Ereignis“, ohne die lange Vorgeschichte von Pogromen, Ausgrenzung und Verfolgung, die die Angst der Israelis um den eigenen Staat bis heute nährt.
So wachsen zwei Bevölkerungsgruppen gleichsam in parallelen Universen auf. Sie unternehmen unterschiedliche Exkursionen zu unterschiedlichen Gedenkstätten, feiern unterschiedliche Feiertage und erinnern im selben Land an unterschiedliche Tote. „Jeder hat seine Geschichte, aber kaum jemand kennt die der anderen Seite“, sagt Ofir.
Im israelischen Kontext ist ‚Nakba‘ kein neutrales historisches Ereignis, sondern ein politisch vermintes Wort.
Ibrahim Abu Ahmed, Palästinenser aus Nazareth
Aktivisten suchen Dialog zwischen Israelis und Palästinensern
Oft ist der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis von Vorurteilen und Misstrauen geprägt. Insbesondere seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Krieg in Gaza hat diese Polarisierung zugenommen. In vielen jüdischen Gemeinden wird die Angst vor Angriffen immer größer – und die Sorge um die Zukunft des Staates. In palästinensischen Communitys wächst die Verzweiflung über die Gewalt der Siedler in der Westbank, die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und die hohe Zahl an Toten.
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Für die beiden Sozialaktivisten gibt es in diesem Konflikt trotzdem kein einfaches Schwarz-Weiß. Sie wollen ein drittes Narrativ jenseits der extremen Lager auf beiden Seiten schaffen. „Wenn wir miteinander reden, entdecken wir vieles, das uns verbindet: gleiche Kindheitsserien, gleiche Ängste und die gleiche existenzielle Bedrohung“, sagt Ibrahim. Im Kern steht deshalb die Idee, dass man sich über Vergangenheit und Gegenwart heftig streiten darf, nicht aber über eine Zukunft, in der Israelis und Palästinenser mit gleichen Rechten auf derselben Erde leben. Denn „niemand geht hier irgendwohin“, betont Ibrahim.

Neve Shalom – Wahat al-Salam lebt jüdisch-palästinensische Koexistenz
Einen Ort, an dem dieses dritte Narrativ greifbar wird, findet man zwischen Tel Aviv und Jerusalem: Neve Shalom – Wahat al-Salam. Das 1970 auf Initiative des Dominikanerpaters Bruno Hussar gegründete Dorf versteht sich als Modell für gleichberechtigte Koexistenz. Jüdische und palästinensische Familien mit israelischer Staatsbürgerschaft haben sich hier bewusst angesiedelt, um ihren Alltag zu teilen. Ihre Kinder besuchen einen gemeinsamen Kindergarten und eine zweisprachige Grundschule, in der beide gleichberechtigt behandelt werden.
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Neben der „Schule für den Frieden“ werden dort Dialog-Workshops für Fachkräfte, Studierende und Jugendliche aus ganz Israel und den palästinensischen Gebieten angeboten. Die Gemeinde wird durch ein rotierendes Komitee verwaltet, um politische und soziale Parität zu sichern. Unterstützung erhält das Dorf unter anderem von Vereinen im Ausland, darunter der deutsche Verein „Freunde von Neve Shalom“. „Für mich sind die Menschen in Neve Shalom – Wahat al-Salam zentrale Vorbilder geworden. Durch sie bekommen wir ein inneres Radar geschenkt, das uns selbst in ganz dunklen Zeiten zu leiten vermag“, sagt Ulla Philipps-Heck, die Vorsitzende des deutschen Vereins.

Hoffnung auf Frieden bleibt trotz Spaltung
Trotz der seit dem Krieg in Gaza herrschenden Spannungen halten Ofir und Ibrahim an ihrem Ziel fest und hoffen, dass sie dabei helfen können, Vorurteile und Misstrauen zu mindern. „Hoffnung auf Frieden ist dabei keine Option, sondern eine Notwendigkeit.“ Sie hätten „keine andere Wahl“, sonst würden sie diese Arbeit gar nicht machen und könnten in diesem Land nicht mehr leben. „Wenn Europa nach zwei Weltkriegen und massiver Gewalt zu offenen Grenzen gekommen ist, dann können das Israelis und Palästinenser ebenfalls schaffen“, betonen die beiden.
Für sie wird es nur eine gemeinsame Zukunft geben, „wenn jede Seite bereit ist, den Schmerz der anderen als Teil der eigenen Landkarte anzuerkennen“. Sie wissen, wie unrealistisch das in einem Land klingen mag, das in den vergangenen zweieinhalb Jahren tiefer gespalten war als je zuvor. Und doch halten sie an dem Gedanken fest, dass ausgerechnet der Ort, an dem Nakba und Staatsgründung so untrennbar miteinander verwoben sind, eines Tages auch ein Ort gemeinsam erzählter Geschichte sein könnte – so widersprüchlich und schmerzhaft diese auch bleibt.













