Am Donnerstag wurde in Venedig aus einer Filmpremiere binnen Stunden ein Politikum. „Naza“, die spät ins Programm aufgenommene Dokumentation des israelischen Regie- und Journalistenduos Yuval Abraham und Rachel Szor, untersucht, wie Israels Krieg im Gazastreifen nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 organisiert wurde. Produziert wurde der Film unter anderem vom „Guardian“ und von Oscarpreisträger Jonathan Glazer.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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In Venedig erhielt „Naza“ den Spezialpreis der Jury und wurde bei seiner Premiere minutenlang gefeiert. In dem Film berichten 24 Angehörige des israelischen Militärs und der Geheimdienste anonym über Überwachung, Zielauswahl und Bombardierungen in Gaza. In Israel dagegen löste die Dokumentation heftige politische Reaktionen aus. Ein Minister fordert inzwischen sogar, Abraham und Szor die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen.
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Politischer Streit um „Naza“: Kulturminister fordert Entzug der Staatsbürgerschaft
Gemeint ist Kulturminister Miki Zohar. Er warf Abraham und Szor auf X „Verrat am Staat“ vor. Die beiden seien bereit, ihrem Heimatland zu schaden, „um Beifall von Antisemiten auf der ganzen Welt zu erhalten“. Zohar kündigte an, Schritte einzuleiten, um ihnen die israelische Staatsbürgerschaft entziehen zu lassen.
Auch Israels rechtsextremer Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir griff die Filmemacher scharf an. „Ihr seid eine Schande und eine Blamage für das gesamte israelische Volk“, schrieb er auf X.
Ganz so einfach, wie Zohars Ankündigung vermuten lässt, wäre ein Entzug der Staatsbürgerschaft allerdings nicht. Das israelische Recht sieht diese Möglichkeit zwar vor, knüpft sie aber an enge Voraussetzungen. Ein solches Verfahren müsste mehrere politische und juristische Hürden nehmen.
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Israels Krieg in Gaza: Was die Insider in „Naza“ berichten
Warum „Naza“ in Israel derart heftige Reaktionen auslöst, wird deutlich, sobald der Film seine anonymen Gesprächspartner zu Wort kommen lässt. Anders als „No Other Land“, für den Abraham und Szor gemeinsam mit Basel Adra und Hamdan Ballal den Oscar gewannen, richtet sich der Blick diesmal nicht vor allem auf die Betroffenen israelischer Gewalt, sondern auf Menschen aus dem Inneren des israelischen Sicherheitsapparats.
Einer der Gesprächspartner berichtet, der Gazastreifen sei bereits vor dem 7. Oktober umfassend überwacht worden. Dass die Hamas dennoch rund 1200 Menschen in Israel töten und 251 weitere als Geiseln verschleppen konnte, wirft im Film zwangsläufig die Frage auf, wie die Sicherheitsdienste einen Angriff dieses Ausmaßes übersehen konnten.
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Nach dem Massaker habe sich die Überwachung verändert, schildern mehrere Beteiligte. Mithilfe KI-gestützter Software seien mutmaßliche Hamas-Mitglieder und ihre Aufenthaltsorte erfasst worden. Ein Entwickler erklärt die Funktionsweise im Film anhand einer einfachen Skizze. Nach Darstellung von „Naza“ habe es mitunter gereicht, dass sich ein mutmaßliches Hamas-Mitglied in einem Wohnhaus aufhielt, damit das gesamte Gebäude zum Angriffsziel wurde.
Besonders schwer wiegen die Aussagen zu zivilen Opfern. Im Film ist von bis zu 200 möglichen Toten die Rede, in einem Fall sogar von 500. Darauf verweist auch der Titel: „Naza 500“. „Naza“, erklärt einer der Gesprächspartner, sei ein interner Begriff für den sogenannten Kollateralschaden – also für Menschen, die bei einem Angriff sterben, obwohl sie nicht das eigentliche Ziel sind.
„Naza über Gaza“: Ein „System des Tötens“
Wie weit sich die Beteiligten dabei von den Folgen der Angriffe entfernt hätten, zeigen einige der drastischsten Aussagen des Films. Das Bombardieren habe sich „wie in einem Computerspiel“ angefühlt, sagt ein Gesprächspartner. Ein anderer berichtet, der Auftrag sei gewesen, Gaza „dem Erdboden gleichzumachen“. Ein Soldat spricht später sogar von „Riesenspaß“.
Dazu zeigt Szor das weitgehend unversehrte Tel Aviv: Hochhäuser, Wohnungen, Menschen vor dem Fernseher. Während die Informanten über die Zerstörung in Gaza sprechen, läuft das Leben wenige Kilometer entfernt weiter.
Abraham fasste das, was der Film zeigt, bei der Pressekonferenz in Venedig als „System des Tötens“ zusammen. Die Lehre aus dem Holocaust müsse darin bestehen, sagte er, Strukturen sichtbar zu machen, die massenhafte Gewalt ermöglichen.
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Israels Armee weist die Vorwürfe aus „Naza“ zurück
Die israelische Armee weist die Vorwürfe des Films zurück. Die Identität und Funktion der anonymen Informanten ließen sich nicht überprüfen, erklärte das Militär. Auch dem Vorwurf, künstliche Intelligenz habe über Angriffsziele entschieden, widerspricht die Armee. Auswahl und Freigabe von Angriffen würden ausschließlich von Menschen vorgenommen. Zudem gehe man gegen militärische Ziele der Hamas vor und versuche, zivile Opfer zu vermeiden. Mögliche Verstöße israelischer Soldaten würden untersucht.
Die Dimension des Krieges bleibt dennoch gewaltig. Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 begann Israel seine Offensive im Gazastreifen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seither mehr als 73.000 Palästinenser getötet. Auch die Vereinten Nationen führen diese Zahl unter Verweis auf das Ministerium, weisen jedoch darauf hin, dass sie nicht unabhängig von der UN überprüft wurde. Wie viele der Getöteten Kämpfer waren, geht aus der Gesamtzahl nicht hervor.
mit AFP







