Die jüngsten ukrainischen Drohnenangriffe auf Ziele direkt in der russischen Hauptstadt haben den Krieg Russlands gegen die Ukraine direkt nach Moskau gebracht. Sie haben den Krieg sichtbar gemacht für die russische Bevölkerung. Sie haben die russische Flugabwehr entblößt. Die Kremlmauern rund um den Propaganda-Mythos des russischen Regimes einer auf die Ukraine begrenzten Spezialoperation sind damit hinfällig. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einer „absolut fairen Antwort“ auf russische Angriffe. Aber ist all das mehr als nur Symbolik?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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In diesem Jahr ist der russischen Armee bisher so gut wie nichts gelungen. Zuletzt hat Russland netto mehr Gebiet verloren als gewonnen – einhergehend mit horrenden Verlusten. Befindet sich der Krieg Russlands gegen die Ukraine an einem Wendepunkt?
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„Da wäre ich vorsichtig“, sagt der Politikwissenschaftler und Militärexperte Gustav Gressel. Auch wenn sich doch sagen lasse: „Es geht der Ukraine deutlich besser als vor einem Jahr.“ Und: „Für Russland hat alles derzeit einen weit höheren Preis an Material und Menschenleben.“ Die Frage sei, „welchen Preis Putin bereit ist zu zahlen“. Aber da sind schneller werdende Entwicklungszyklen, da sind politische Dynamiken, da sind Mängel. Und Gressel spricht zugleich auch bereits vom nächsten Kriegswinter und den damit heraufdämmernden Herausforderungen.
Ukraine: Der Militärexperte glaubt nicht an ein Ende des Kriegs
An ein Ende des Kriegs glaubt er folglich nicht – auch wenn Kreml-Vertreter zuletzt auffällig oft die Wörter „Dialog“ und „Diplomatie“ in den Mund genommen haben. Gressel nennt das „Kriegsführung mit gesprochenem Wort“. Inhaltlich bleibe: „Sie halten an den Kriegszielen fest. Wladimir Putin hat die Kriegsziele bekräftigt.“ Moskau habe sich keinen Millimeter bewegt. Russlands Hoffnungen lägen auf dem kommenden Winter: Da könne sich für die Ukraine der bisher größte Mangel an Flugabwehrmunition auftun, so Gressel. „Gemeinsame Rüstungsprojekte mit westlichen Partnern werden da noch nicht greifen“, sagt er. Und da werde Russland „ganz sicher abwarten und sehen, welchen Schaden es anrichten kann“.
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Der ukrainische Angriff vom Wochenende hat jedenfalls eine unmittelbare Vorgeschichte: Der Angriff war eine Antwort auf einen russischen Angriff aus der Vorwoche. Russland hatte da binnen 24 Stunden an die 1500 Flugkörper auf Ziele in der gesamten Ukraine abgefeuert: Drohnen, Marschflugkörper, ballistische Raketen. Und dieser russische Angriff wiederum war die Antwort darauf, dass Kiew dem Wunsch Moskaus nach einem Waffenstillstand rund um den 9. Mai nachgekommen ist. Allem Anschein nach hatte Russland die kurze Pause rund um die Parade vor allem dazu genutzt, Munition anzusammeln.

Es zahle sich aus, so Gressel, die Zeit ein klein wenig zurückzudrehen: Vor dem 9. Mai habe Moskau mit der Vernichtung Kiews gedroht, sollte die Ukraine die Parade stören. Frei nach dem Motto, so Gressel: „Wir können das, ihr könnt das nicht.“ Daraufhin habe man sich auf einen Waffenstillstand geeinigt sowie auf einen Gefangenenaustausch, der letztlich viel kleiner ausfiel als geplant. Vor allem aber, so Gressel: Der für einen Angriff auf die Parade in Moskau am 9. Mai angedrohte Vergeltungsangriff, der „kam dann sowieso mit ein paar Tagen Verzögerung“.

Und nun eben die ukrainische Antwort. Da habe Kiew nicht zuletzt auch mit Blick auf den kommenden Winter einen Pflock eingeschlagen, sagt Gressel: „Leute, Massenangriffe auf uns sind nicht gratis, das können wir auch.“
Militärexperte: „Wenn ich da mal durch bin, habe ich freie Jagd“
Mit einem markanten Unterschied zu Russlands Terrorbombardements allerdings: klar definierte Ziele. Erstens, so Gressel, gehe es der Ukraine darum, die Einnahmequellen des Kremls versiegen zu lassen – und das mittels Angriffen auf die Öl- und Gasinfrastruktur, und da vor allem auf die Infrastruktur für den Export. Das zweite seien militärische Anlagen, Rüstungsindustrie, Munitionsdepots und vor allem Anlagen zur Produktion von Fernwaffen. Denn, so Gressel: „Man muss die ganze Produktionsstraße bekämpfen, weil es für die Abwehr solcher Waffen alleine nicht genügend Mittel gibt.“ Die Sichtbarkeit dieser Angriffe, die Wirkung auf die russische Bevölkerung, die seien eher eine Nebenwirkung.
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Der ukrainische Angriff auf Moskau ist zudem ein sichtbares Zeichen einer Verschiebung. Angesichts knapper Munitionslieferungen aus dem Ausland hat die Ukraine damit begonnen, selbst zu entwickeln und zu produzieren. Ein Beispiel: die einst hochgelobten „Himars“, ein hochmobiles, US-amerikanisches Mehrfachraketenwerfersystem. Das sei relativ einfach zu stören und sehr teuer gewesen, vor allem aber habe es sich als politisch anfällig erwiesen: „Die Amerikaner haben da ein Monopol auf die Produktion (der Munition, Anm.) und nützen das politisch aus“, sagt Gressel.

Deshalb hätten die Ukrainer vor allem in diesem mittleren Reichweiten-Segment investiert. Zudem seien die Aufklärungsdrohnen auf dieser Distanz sehr gut geworden. So gelang es der Ukraine, gezielt Flugabwehrstellungen auszuschalten. Gressel: „Und wenn ich da dann mal durch diesen Gürtel an Flugabwehr durch bin, habe ich ein leichteres Spiel in der russischen Tiefe. Wenn ich da mal durch bin, habe ich freie Jagd.“ Und das hat Angriffe wie die auf Moskau erst möglich gemacht.








