Tino Chrupalla, das Gesicht der Ost-AfD im Bundesvorstand, der Malermeister aus der sächsischen Lausitz, setzt sich auf einen der hölzern-verschlungenen Stühle im Augustiner-Wirtshaus am Gendarmenmarkt, an der Wand Hirschgeweihe und Ölmalerei bayerischer Bergwelten. Vor ihm, auf den Tischen, zünftige Brotzeit. Ein Sachse in Bayern in Berlin. Aber gut, das sind die Details.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Stellt ein Politiker seine Autobiografie vor, dann geht es um mehr als die Lebensgeschichte. Es gibt Botschaften an die eigene Partei, zum einen. Ein Buch kann zum anderen Munition sein im nächsten Machtkampf, eine Bewerbungsschrift für höhere Ämter.

Bei Tino Chrupalla ist noch offen, wo dieser Kampf endet. Gerade erst musste der AfD-Chef eine Schlappe auf dem Parteitag in Erfurt hinnehmen. Gerade noch 70 Prozent der Delegierten stimmen für ihn. Deutlich weniger als bei der letzten Wahl vor zwei Jahren, deutlich weniger als für seine Co-Chefin Alice Weidel.

Chrupalla steht in der AfD unter Druck. Das mächtige Netzwerk hinter Weidel hat mobilgemacht und die eigenen Leute ins Vorstandsrennen gegen Mitstreiter von Chrupalla geschickt. Mit Erfolg. Die AfD-Spitze ist jünger, ostdeutscher, radikaler. Chrupalla gehört schon zu den Älteren, Parteichef seit 2019, der „Dienstälteste“ aller Parteien, wie er betont. Zu denen, die vielleicht noch etwas „Gemäßigtes“ in sich tragen – in einer AfD, die längst in weiten Teilen extrem rechts steht und deren Politiker regelmäßig Verschwörungsmythen und völkische Ideologie verbreiten. Und genau damit punkten.

Es gebe nur sieben Meister im Bundestag. Sein Buch sei „Lobbyismus“ für den Handwerker im Parlament

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Auch Chrupallas Nähe zu russischen Stellen, inklusive Besuch in der Botschaft, ging vielen zu weit. Zudem mischt sich der AfD-Chef öfter ein, wenn Streitereien in Landesverbänden eskalieren (was nicht selten passiert in der AfD).

Die Folge: Die Schlagzeilen nach dem Parteitag sind nicht gut für Chrupalla. Eine Buchpräsentation bringt Ablenkung. Und die Chance, die Debatten in der Partei zu seinen Gunsten zu formen. Sein Buch sei „Lobbyismus“ für den Handwerker im Parlament. Es gebe nur sieben Meister im Bundestag, sagt Chrupalla. Bereits der Titel der Biografie setzt den Soundtrack, mit dem Chrupalla schon immer seinen Aufstieg in der AfD begleitet hat: „Handwerk – Meister – Politik“. Im Wirtshaus in Berlin-Mitte sagt Chrupalla: „Meine Knie sind nicht kaputt, weil ich anderen Leuten hinten reinkriechen musste.“ Sie seien kaputt, weil er 25 Jahre lang Estrich verlegt habe.

„Heute erlebe ich, dass Westdeutsche uns Ostdeutsche die DDR erklären. Und falsch erklären“

Der Politiker, der „noch weiß, wie man einen Dübel setzt“, das ist das eine Narrativ dieses Buches. Das andere ist der ostdeutsche Weg. „Ich möchte die DDR nicht zurück, aber ich möchte sie mir auch nicht nehmen lassen“, sagt Chrupalla heute. Er beschreibt seinen Alltag in der Diktatur, seine Schritte nach der Wiedervereinigung, seinen Quereinstieg in die Politik.

Der ostdeutsche Handwerker, der auf einmal auf die westdeutschen Juristen im Bundestag trifft. Dort, wo die AfD heute ihre größten Erfolge feiert, lebt sie auch von einer Kränkung der Menschen zwischen Lausitz und Stettiner Haff. Von einem Gefühl der Ungerechtigkeit, das Deutschland seit 1989 nie überwinden konnte. „Heute erlebe ich immer mehr, dass Westdeutsche uns Ostdeutsche die DDR erklären“, sagt er. „Und teilweise falsch erklären.“ Der AfD-Chef Chrupalla, heute 51, wird zum Zeitzeugen einer Wende, die bis heute Wunden hinterlässt.

Hintergründe zur AfD – für Sie recherchiert

DDR-Kindheit, Handwerksausbildung, Aufstieg zum Meister – es ist dieses Leben, das ihn näher an die AfD-Wählerschaft bindet, als es bei Alice Weidel der Fall ist: Investment-Ökonomin, lesbisch, zwei adoptierte Kinder. Es ist dieser Gegensatz, mit dem die AfD das Bild der „Volkspartei“ untermalt hat. Nur: Es bekommt Risse. Weidel will Kanzlerkandidatin 2029 werden. Sie will die Partei allein führen, das ist ein offenes Geheimnis.

Chrupalla sucht seinen Platz in der AfD, die immer mehr auf die schillernde Frau an der Spitze zugeschnitten wird. „Netzwerke in der Politik gehören dazu“, sagt er im Wirtshaus. „Machtkämpfe gibt es in jeder Partei.“ Wichtig sei ihm, mit „Verlierern“ anständig umzugehen. Man liest die Wut über die Abwahl zweier enger Parteifreunde auf dem Treffen in Erfurt heraus, die von Ex-Schatzmeister Carsten Hütter und vom Bundestagsabgeordneten Peter Boehringer.

Bundesparteitag der AfD
Tino Chrupalla auf dem Parteitag in Erfurt: Sein Ergebnis bei der Wahl zum Bundesvorstand ist ein Warnsignal. © Sebastian Kahnert/dpa | Sebastian Kahnert

Noch braucht Weidel Co-Chef Chrupalla, seine Erfahrung, seinen Fleiß, seine Loyalität

Und ja, Gerangel und Klüngel gehören zur Politik. Doch in der AfD prägen Machtkämpfe die Geschichte der jungen Partei bisher. Rechtsextremisten mischen mit, Vetternwirtschaftsvorwürfe und Egotrips belasten die AfD. Der Ehrenvorsitzende Alexander Gauland nannte die Partei einst einen „gärigen Haufen“ – sie ist heute professioneller, und doch gärt es noch immer.

Brisante aktuelle Konflikte spart Chrupalla in seinem Buch aus. Er sagt im Wirtshaus selbst, dass er nicht alles schreiben wolle. Jemand, der noch etwas werden will in der AfD, kann nicht abrechnen mit Wegbegleitern.

Spätestens 2029 ist Bundestagswahl. Schon jetzt bringt sich Alice Weidel als Kanzlerkandidatin in der Partei in Stellung. Noch aber braucht sie Chrupalla, seine Erfahrung, seine Beliebtheit bei einem Teil der Wählerschaft, seinen Fleiß, seine Loyalität. Noch fehlt Weidel vielleicht auch der Mut, Chrupalla offen anzuzählen.

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Haben Sie Ihre Wähler mit KI getäuscht, Herr Voigt?
Amann Unframed
 

In der AfD-Spitze kursiert eine Idee: 2029 ist noch eine Wahl, in Sachsen, Chrupallas Heimat. Um ihm den Abgang aus der AfD-Spitze zu erleichtern, könnte er nach dem Posten des Ministerpräsidenten greifen. Mit Rückendeckung von Weidel und ihren Leuten. In Berlin-Mitte sagt Tino Chrupalla: „Was 2029 passiert, spielt aktuell für mich keine Rolle.“ Im Sommer werde er darüber nachdenken, im Frühjahr könne eine Entscheidung fallen. „Man sollte in der Politik nie etwas ausschließen“, sagt Chrupalla. Der Parteichef der AfD, die immer so anders sein will als Union und SPD, klingt hier, unter Hirschgeweihen im Augustiner, ziemlich etabliert.