Durchbruch für ein wichtiges Aufrüstungsvorhaben in Deutschland gegen eine mögliche russische Bedrohung: Erstmals in der Geschichte der Bundeswehr bekommt Deutschland eigene Langstreckenwaffen, die im Ernstfall strategische Ziele weit im russischen Hinterland präzise treffen und zerstören könnten.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gab das Projekt am Donnerstag in einer Regierungserklärung bekannt: „Wir haben am Rande des Nato-Treffens in Ankara mit der amerikanischen Regierung vereinbart, dass amerikanische Tomahawk-Raketen von uns erworben und in Deutschland stationiert werden.“ Damit werde eine wichtige strategische Lücke in der Verteidigung geschlossen. „Und wir werden gleichzeitig daran arbeiten, eigene europäische Systeme zu entwickeln und in Europa zu stationieren“, sagte Merz.
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Um die Tomahawk-Marschflugkörper wird seit Jahren gerungen: Eigentlich hatten die USA noch unter dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden zugesagt, solche Waffen und eine entsprechende Einheit der US-Streitkräfte von diesem Jahr an vorübergehend in Deutschland zu stationieren. Diese Zusage hatte US-Präsident Donald Trump im Frühjahr zurückgezogen. Ein Grund ist, dass die amerikanischen Vorräte durch den Iran-Krieg stark geschmälert worden sind und die US-Armee nun erstmal ihre Tomahawk-Bestände auffüllen muss.
Parallel hatte die Bundesregierung aber seit Längerem auch Interesse am Kauf von Tomahawks und eines passenden Startsystems vom Typ Typhon für die Bundeswehr in Washington angemeldet. In internen Plänen des Verteidigungsministeriums ist von bis zu 400 solcher Marschflugkörper die Rede. Wie viele jetzt tatsächlich gekauft werden sollen, ist in der Bundesregierung als geheim eingestuft. Ein Marschflugkörper kostet in modernerer Version etwa 1,2 bis 1,8 Millionen Euro. Regierungskreise berichteten am Donnerstag, den Kauf habe Merz in mehreren Gesprächen mit Trump vereinbart, Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und sein US-Kollege Pete Hegseth unterzeichneten in Ankara dann eine Absichtserklärung. Bis August will die US-Regierung demnach den Verkauf von Tomahawks und Typhons genehmigen. Der Rüstungsdeal soll die Abschreckung verstärken, bis Deutschland zusammen mit anderen europäischen Partnern eigene Langstreckenraketen für sogenannte „deep precision strikes“ im Hinterland eines Gegners bekommt.
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Die Tomahawks können mehr als 2000 Kilometer weit fliegen, je nach Modell auch 2500 Kilometer – also von Deutschland aus auch nach Moskau und darüber hinaus. Der Tomahawk ist eine Erstschlagswaffe, eine Art unbemanntes Einwegflugzeug, das mit einem sehr modernen Navigationssystem in niedriger Höhe (30 bis 90 Meter) fliegen und seine Richtung unterwegs ändern kann. Wegen dieser Eigenschaften sind die Cruise Missiles nur schwer für die Flugabwehr des Gegners zu erkennen. Die Stationierung wäre eine Warnung an Russland, dass auch die Bundeswehr im Falle eines Angriffs mit einem Gegenschlag sehr präzise strategische Ziele in Russland zerstören könnte – militärische Kommandozentralen, Flugplätze, Depots.
Der Tomahawk soll eine Verteidigungslücke schließen
Der Tomahawk übertrifft alle in Europa vorhandenen Systeme. Bis 2019 waren solche landgestützten Mittelstreckenwaffen in Europa durch den INF-Rüstungskontrollvertrag verboten, dann kündigte Trump in seiner ersten Amtszeit das Abkommen, weil Kremlherrscher Wladimir Putin es offenkundig gebrochen hatte. Nachdem Russland mit eigenen Raketen und Marschflugkörpern aufgerüstet hat, sehen Sicherheitsexperten eine Verteidigungslücke in Westeuropa. Die Nato verweist seit Jahren auf atombombenfähige Iskander-Raketen und Kampfjets mit Kinchal-Raketen in Kaliningrad, taktische Atomwaffen in Belarus, den Marschflugkörper SSC-8 oder Neuentwicklungen wie das Raketensystem Oreschnik.

Nach Einschätzung von Militärfachleuten spiegeln die Pläne das veränderte sicherheitspolitische Selbstverständnis Berlins wider. Nicht nur wegen der Bedrohungslage, sondern auch technologisch: Abstandswaffen würden einerseits genauer, andererseits wichtiger, weil moderne Flugabwehrsysteme vor allem der Russen und Chinesen es schwerer machten, tiefreichende Präzisionsschläge mit Flugzeugen durchzuführen, sagt etwa der Raketenexperte Fabian Hinz vom Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS). Er spricht von „Deutschlands Rückkehr ins Raketenzeitalter“. Der Militäranalyst Fabian Hoffmann, der an der Universität Oslo forscht, sieht Deutschland langfristig sogar auf dem Weg zu „Europas Raketensupermacht“.
Es ist eine Zäsur: Eine solche Stationierung gab es zuletzt im Kalten Krieg in den 80er-Jahren, als die Nato auf die Bedrohung durch sowjetische SS20-Mittelstreckenraketen mit der Pershing-Nachrüstung antwortete. Damals hatte das eine nukleare Komponente und war in Deutschland hoch umstritten. Jetzt geht es um eine konventionelle Antwort auf die massive Aufrüstung Russlands, die ganz Europa bedroht. Allerdings hat der Kreml auch diesmal schon gewarnt, die Tomahawk-Pläne bedeuteten eine „Eskalation“.
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Neben dem Kauf der Tomahawks soll Deutschland in fünf bis sieben Jahren eine eigene Abstandswaffe für Distanzen über 2000 Kilometer entwickelt haben. Das Elsa-Gemeinschaftsprojekt mit Großbritannien, Frankreich, Italien, Polen und Schweden arbeitet bereits; als Teilvorhaben ist auch der Bau einer deutsch-britischen Abstandswaffe vereinbart, vermutlich ein Hyperschallgleitflugkörper. Es gehe um effektive Abschreckung, sagt Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). „Jeder Schlag gegen uns wird beantwortet werden – auch konventionell.“ Am Rande des Nato-Gipfels berieten die Verteidigungsminister der beteiligten Länder, wie die Projekte noch beschleunigt werden können. In einer gemeinsamen Erklärung bezifferten sie das Investitionsvolumen auf 50 Milliarden Euro. Deutschland werde davon etwa die Hälfte übernehmen, hieß es in Regierungskreisen in Berlin.
Merz zog in seiner Regierungserklärung eine positive Bilanz des Nato-Gipfels: „Das Ergebnis übertrifft alle meine Erwartungen.“ Merz fügte hinzu: „Die Nato ist geschlossen, sie ist stark und sie ist selbstbewusst.“ Die Nato sei und bleibe ein transatlantisches Bündnis. „Aber wir sind auch als Europäer stark und wir haben verstanden, dass wir unsere Sicherheit nicht einfach auslagern können“, erklärte der Kanzler.












