Gewalt

Attentat: Bestialische Bluttat erschüttert ganz Frankreich

Paris.  Islamistischer Terror bei Paris: Ein junger Tschetschene enthauptet Lehrer, der seinen Schülern Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte.

Islamist enthauptet Lehrer nahe Paris

In der Nähe von Paris hat ein 18-Jähriger einen Geschichtslehrer enthauptet, der im Unterricht Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron spricht von einer Terrorattacke.

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Je suis Samuel! (Ich bin Samuel) steht mit weißer Kreide auf einer schwarzen, aus einem Meer von Blumen herausragenden Schiefertafel vor dem Eingang des Gymnasiums Bois-d´Aulne in der Kleinstadt Conflans-Sainte-Honorine.

Je suis Samuel – die gleichen Worte finden sich auch auf zahllosen Schildern wieder, die am Sonntag von Paris über Lyon bis nach Marseille in fast allen Metropolen des Landes zusammengeströmte Menschen tragen, um ihrem Entsetzen über den bestialischen Mord an dem Lehrer Samuel Paty Ausdruck zu verleihen.

Paris: Junger Mann enthauptet Geschichtslehrer auf offener Straße

Die Bluttat, die sich am späten Freitagnachmittag in dem beschaulichen, 40 Kilometer nordwestlich von Paris gelegenen Städtchen Conflans-Sainte-Honorine ereignete, erschüttert ganz Frankreich. Auf dem Heimweg, kaum 400 Meter von seinem Gymnasium entfernt, wird der 47-jährige Geschichtslehrer von einem jungen Mann auf offener Straße angegriffen, mit mehreren Stichen in den Bauch tödlich verletzt und schließlich enthauptet. Die Tatwaffe, ein 35 Zentimeter langes Küchenmesser, lässt der Angreifer neben dem Körper seines Opfers zurück.

Kaum zwanzig Minuten später können Polizisten den flüchtigen und mit einer Soft-Gun bewaffneten Täter in der benachbarten Ortschaft Eragny stellen. Als er sich weigert, seine Waffe niederzulegen und stattdessen „Allahu Akbar“ (Allah ist groß) rufend mit Plastikkugeln auf die Ordnungshüter zu schießen beginnt, eröffnen diese das Feuer. Von neun Kugeln getroffen geht der 18-jährige Abdoullakh Anzonov, ein in Moskau geborener Tschetschene, zu Boden und stirbt noch vor dem Eintreffen des Notarztes.

Islamistischer Terror: Täter stellte Foto des Ermordeten ins Netz

Der Tathergang – sprich die Enthauptung des Opfers – sowie die rasche Bestätigung von Herkunft und der Identität des einen Ausweis bei sich tragenden Täters führen dazu, dass die für terroristische Anschläge landesweit zuständige Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen sofort an sich zieht.

Der Verdacht, dass es sich bei dem Mord um ein islamistisches Attentat handelt, erhärtet sich rasch. Zum einen, weil Anzonov unmittelbar nach der Tat ein Foto seines Opfers ins Internet stellte und sich in einer Nachricht an den von ihn als „Führer der Ungläubigen“ bezeichneten Präsidenten Emmanuel Macron wendet, um ihm auszurichten, einen seiner „Höllenhunde“ hingerichtet zu haben, der es wagte, den Propheten zu demütigen.

Zum anderen stellt sich rasch heraus, dass Paty am 7. Oktober im Rahmen einer der Meinungsfreiheit gewidmeten Bürgerkunde-Unterrichtsstunde seinen Schülern einige der von der Satirezeitschrift „Charly Hebbo“ Ende 2014 sowie im September dieses Jahres veröffentlichte Mohammed-Karikaturen zeigte.

Meinungsfreiheit: Lehrer zeigte Mohammed-Karikaturen im Unterricht

Mehrere Eltern der Schüler beschwerten sich daraufhin und ein Vater, der bei der Schulleitung und auf Facebook die sofortige Entlassung „dieses kranken Schufts“ gefordert hatte, erstattete sogar Anzeige gegen Paty wegen Verbreitung von pornographischen Bildern. Angeblich sei seine Tochter wegen einer der Karikaturen, die Mohamed nackt zeigt, zutiefst geschockt worden.

Von der Polizei befragt erstatte Paty seinerseits eine Gegenanzeige wegen Verleumdung. Offenbar hatte die Tochter des Klägers gar nicht an der besagten Unterrichtsstunde teilgenommen. Einen Tag später, am 13. Oktober, veröffentlichte der Kläger im Netz ein Video voller Anschuldigungen gegen Paty und mit der „Zeugenaussage“ seiner Tochter. Die Ermittler vermuten, dass erst dieses Video Anzonov dazu anstiftete, sich des „Frevlers Paty“ anzunehmen. Es ist unwahrscheinlich, dass der 90 Kilometer entfernt in Evreux wohnende Täter sein Opfer persönlich kannte.

In einer kurzen Ansprache am Tatort hat Macron noch am Freitagabend den Mord als einen Angriff auf die Werte der Republik und die Meinungsfreiheit bezeichnet, die zu vermitteln sich der Lehrer Paty bemühte. Worte, die nachhallen – schließlich haben die Franzosen auch den blutigen Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlys Hebdo“ im Januar 2015 als einen Angriff auf die Meinungsfreiheit und die Werte ihrer Republik verstanden. Zu Millionen gingen unsere Nachbarn damals auf die Straße, um mit dem Slogan „Ich bin Charly“ ihre Entschlossenheit zu demonstrieren, einer solchen Bedrohung entgegenzutreten.

Frankreich: Zehntausende demonstrieren gegen den Terror

Trotz oder wegen des Schocks, den der Mord an Paty auslöste, scheint diese Entschlossenheit kaum nachgelassen zu haben. Es waren zwar nicht Millionen, wohl aber Zehntausende, die gestern quer durch das Land an den Demonstrationen gegen den Terror teilnahmen, zu denen Menschenrechtsorganisationen, die Lehrergewerkschaften sowie Schüler- und Studentenverbände in seltener Einmütigkeit aufgerufen hatten. Gleichzeitig fand im Elysée-Palast eine Krisensitzung der Regierung statt.

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Derweil laufen die Ermittlungen der Pariser Staatsanwaltschaft auf Hochtouren. Elf Personen wurden in Polizeigewahrsam genommen, unter ihnen die Eltern, der Großvater und einer der fünf Brüder Anzonovs sowie mehrere Personen, die auf Facebook gegen Paty gehetzt haben. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob Anzonov, dessen gesamte Familie als politische Flüchtlinge nach Frankreich kam, allein handelte oder Helfer hatte.

Und ob es eine Verbindung zu der Messerattacke gibt, bei der vor erst drei Wochen ein 25-jähriger Pakistani zwei Mitarbeiter einer Produktionsfirma vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude von „Charly Hebdo“ schwer verletzte. Übrigens hat sich ein Freund Anzonovs inzwischen freiwillig gestellt. Er hatte den Täter am Freitag mit seinem Auto von Evreux nach Conflans-Sainte-Honorine gefahren, beteuert aber, nichts von dessen Mordabsichten gewusst zu haben.