Kommentar

Der Männerverein CDU kann die Frauenquote gut gebrauchen

Berlin.  Annegret Kramp-Karrenbauer will die CDU modernisieren – unter anderem mit einer Frauenquote. Die Partei sollte ihr dafür dankbar sein.

Kramp-Karrenbauer: Jeder CDU-Vorsitzkandidat hat auch Kanzlerkandidatur im Auge

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer geht davon aus, dass die Kandidaten für ihre Nachfolge im Parteivorsitz grundsätzlich auch die Kanzlerkandidatur der Union bei der Bundestagswahl 2021 anstreben. Es sei "vollkommen klar", dass jeder Vorsitzkandidat auf dem CDU-Bundesparteitag im Dezember "natürlich auch das Thema mögliche Kanzlerkandidatur im Auge" habe, sagte Kramp-Karrenbauer im ARD-"Sommerinterview".

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Die CDU ist vor ein paar Tagen 75 Jahre alt geworden. Über die mehr als doppelt so alte SPD heißt es ja gerne, sie sei die alte Tante der Republik. Dann ist die CDU ein alter, weißer Opa. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei über 60, nur ein Viertel sind Frauen. Wer an CDU und Emanzipation denkt, dem fällt (neben Merkel) heute als Erstes immer noch Rita Süssmuth ein, die ihre Karriere vor mehr als zwei Jahrzehnten beendet hat. Wer im Bundestag durch die Reihen der Abgeordneten von CDU und CSU schaut, findet 51 Frauen – aber 195 Männer. Überhaupt sitzen im Parlament nicht einmal ein Drittel Frauen. Das ist ein Armutszeugnis.

Deshalb ist es richtig, dass die Noch-CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer gemeinsam mit der Frauen-Union einen neuen Anlauf startet, um schrittweise eine Frauenquote in der CDU durchzusetzen. AKK ist das den Frauen in der Partei schuldig. Ohne deren Stimmen hätte sie Friedrich Merz auf dem Parteitag 2018 in Hamburg nicht besiegt.

In fünf Monaten wird AKK als CDU-Vorsitzende Geschichte sein. Sie war erst die zweite Frau.

Frauen werden in der Politik härter beurteilt als Männer

Angela Merkel übernahm nach dem Ende der Ära Kohl und der Parteispendenaffäre 2000 den Vorsitz und gab ihn 18 Jahre später wieder ab. Sie rückte die wertkonservative CDU weit in die Mitte. Diese „Sozialdemokratisierung“ bis hin zur Homo-Ehe sowie ihre Flüchtlingspolitik nehmen viele Männer in der Union Merkel bis heute übel. Merkel sah sich nie als Feministin. Sie war und ist aber der Beweis, dass Frau es ganz nach oben schaffen kann. Oder wie Ursula von der Leyen, die erste EU-Kommissionspräsidentin. Damit ist es nicht getan. Die Beharrungskräfte von Männern in Politik und Wirtschaft (siehe Bundestag, siehe Vorstände) sind groß. Wer nicht von selbst für Parität sorgt, dem muss die Gesetzgeberin auf die Sprünge helfen.

Eine Quote ist kein Allheilmittel. Der Rahmen muss stimmen. Frauen, die als Berufspolitikerin oder als Vorständin Karriere machen wollen, brauchen Partner, die zurückstecken. Und Betreuung für Kinder. Marathonsitzungen, Chauvinismus, Frauenhass im Netz – das schreckt viele weibliche Talente leider zu oft ab. Ihr Äußeres, ihre Kleidung, ihre Stimme, alles wird härter beurteilt.

Der Männerverein CDU braucht dringend einen emanzipatorischen Aufbruch. Für die Volks- und Staatspartei, die in 50 von 75 Jahren den/die Kanzler(in) stellte, ist das überlebensnotwendig. Lange reichte Merkels Strahlkraft aus, um Wählerinnen zu binden. Mit dem rasanten Aufstieg der Grünen und einer von jungen Frauen geprägten Klimaschutzbewegung wie Fridays for Future ist das endgültig passé. Die Europawahl 2019 war ein Warnschuss. Bei jüngeren Wählern, darunter viele Frauen, kam die CDU nicht mehr an. Diese wählten überdurchschnittlich viel Grün.

Ein Mann, der den Schuss gehört hat, ist Markus Söder. Doch selbst der unangefochtene CSU-Chef holte sich bei der Frauenquote beim eigenen Parteitag im Herbst eine blutige Nase. Eine verbindliche 40-Prozent-Quote war vielen Franz-Josef-Strauß-Jüngern dann doch zu progressiv.

So ist noch lange nicht ausgemacht, ob Kramp-Karrenbauer sich mit der Quote ein parteipolitisches Denkmal errichten kann. Beim CDU-Parteitag vor einem halben Jahr in Leipzig wurde das Thema stiefmütterlich abgeräumt. So blind für gesellschaftlichen Wandel darf die CDU nicht sein.

Zum Verdruss vieler Frauen werden im Dezember in Stuttgart die Bewerber für die AKK-Nachfolge Armin, Friedrich und Norbert heißen. Nach 20 Jahren mit zwei Frauen an der CDU-Spitze sollte das aber kein Problem sein. Es muss ja nicht gleich eine Doppelspitze wie bei Grünen und der SPD sein.