Interview

Warum Friedrich Merz glaubt, dass er CDU-Chef wird

Arnsberg.  Der Bewerber um den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz, über die US-Präsidentschaftswahlen, die Proteste gegen Rassismus – und Angela Merkel.

Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Vorsitz, sagt im Interview: „Ich bin fest entschlossen, diese Abstimmung zu gewinnen.“

Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Vorsitz, sagt im Interview: „Ich bin fest entschlossen, diese Abstimmung zu gewinnen.“

Foto: SCHACHT, HENNING / action press

Im Arbeitszimmer von Friedrich Merz, aus dem er sich zum Videointerview meldet, hängt eine besondere Fotografie. Sie zeigt eine abgestürzte Douglas C-47D der US-Luftwaffe, aufgenommen von Dietmar Eckell. Der Düsseldorfer Künstler fotografiert Flugzeugwracks, die alle Passagiere lebend verlassen haben. Merz – Hobbyflieger, Amerika-Kenner und Kandidat für den CDU-Vorsitz – mag Geschichten, die gut ausgehen.

In den USA und vielen anderen Ländern demonstrieren Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Sind Sie überrascht vom Ausmaß des Protests?

Friedrich Merz: Es hat ja schon in früheren Jahren breite Proteste gegeben nach ähnlichen Vorfällen wie dem schrecklichen Tod von George Floyd. Wahrscheinlich wären die Demonstrationen auch dieses Mal im bekannten Rahmen geblieben, wenn nicht der Präsident so viel Öl ins Feuer gegossen hätte – bis hin zu diesem bizarren Fototermin mit der Bibel in der Hand vor der Kathedrale St. John’s. Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

Überlegen Sie, selbst auf die Straße zu gehen?

Merz: Ich würde wahrscheinlich an friedlichen Demonstrationen gegen Rassismus teilnehmen, wenn ich in Amerika leben würde. In Deutschland tue ich es nicht. Denn man setzt damit Dinge gleich, die nicht vergleichbar sind. Es gibt in den Vereinigten Staaten einen systemischen Rassismus, die Amerikaner haben seit der Abschaffung der Sklaverei das Problem der Rassendiskriminierung bis heute nicht wirklich gelöst.

In Deutschland gibt es das in dieser Form nicht – und es gibt bei uns auch keinen latenten Rassismus bei der Polizei. Solche Vorwürfe kommen aus der SPD oder von noch weiter links leider immer wieder. Ich halte es für unzulässig, die Bilder aus Amerika eins zu eins auf Deutschland zu übertragen. Das relativiert die Probleme in den USA und überhöht sie hier bei uns.

Wohin führen die Proteste in den USA? Wird Trump im November abgewählt?

Merz: Fünf Monate vor dem Wahltermin denkt Trump laut darüber nach, die Armee in amerikanischen Städten in Stellung zu bringen, um Ausschreitungen zu unterbinden. Nach den gegenwärtigen Umfragen müsste Joe Biden diese Wahlen gewinnen.

Lässt sich das transatlantische Verhältnis reparieren?

Merz: Amerika hat lange vor Trump begonnen, sich zu verändern. Und es wird nicht alles wieder so wie früher, wenn ein neuer Präsident gewählt wird. Die Amerikaner wollen die Rolle der Weltordnungsmacht nicht mehr spielen. Aber wir werden mit einer neuen Regierung sicherlich zu anderen Umgangsformen zurückkehren, auch wenn manche Meinungsverschiedenheiten bleiben. Das ist schon ein Wert an sich.

Worauf spielen Sie an?

Merz: Auf die Gerüchte um den Truppenabzug aus Deutschland zum Beispiel. So ein Umgang mit Verbündeten, der gehört sich einfach nicht. Und falls diese Soldaten auf polnischem Staatsgebiet stationiert würden, wäre das eine so erhebliche Provokation für Russland, dass daraus zusätzliche Unsicherheit entstehen würde. Oder nehmen Sie die Sanktionsdrohung gegen Unternehmen, die sich an der Ostseepipeline Nord Stream 2 beteiligen. Das ist eine völlig inakzeptable Einmischung in unsere eigenen Angelegenheiten.

Was soll der nächste Präsident alles rückgängig machen?

Merz: Wir können in Deutschland kein Pflichtenheft für den amerikanischen Präsidenten formulieren. Meine Erwartung betrifft vor allem Stil und Form des Umgangs. Ich möchte in Deutschland keinen was wir hier zu tun haben. Und ich möchte dort einen Präsidenten treffen, der uns Respekt entgegenbringt und uns als gleichberechtigte Partner akzeptiert.

Was sagt ein Bundeskanzler Merz bei seinem Antrittsbesuch in Washington?

Merz: Friedrich Merz als Bundesvorsitzender der CDU Deutschlands würde sich darum bemühen, möglichst bald nach dem Parteitag in Stuttgart den Kontakt zu einer gerade ins Amt gewählten Administration in Amerika aufzunehmen. Es wird Zeit, dass wir wieder vernünftig miteinander reden. Dann geht es in den Wahlkampf in Deutschland, und daraus folgt alles Weitere.

Wie wahrscheinlich ist es, dass der frisch gewählte CDU-Chef die Kanzlerkandidatur der CSU überlässt?

Merz: Nach dem Parteitag in Stuttgart werden die beiden Vorsitzenden von CDU und CSU über den Zeitplan und die Person des gemeinsamen Kanzlerkandidaten sprechen. Ich habe immer großen Respekt vor der CSU und ihrer Mitwirkungsmöglichkeit gehabt, und ich werde nichts tun, was die politische Gemeinschaft von CDU und CSU gefährdet.

Bleibt es bei der Kampfkandidatur um den CDU-Vorsitz?

Merz: Wir haben nach gegenwärtigem Stand der Dinge drei Kandidaten, und ich sehe nicht, dass sich daran etwas ändert.

Und Sie sind siegesgewiss?

Merz: Ich bin fest entschlossen, diese Abstimmung zu gewinnen. Und die Umfragen zeigen, dass mir zurzeit mehr Zustimmung entgegengebracht wird als allen meinen Mitbewerbern zusammen.

Armin Laschet könnte sich als Ministerpräsident mit Krisenmanagement profilieren, Ihnen bleiben Zwischenrufe von der Seitenlinie.

Merz: Solche Zeiten erfordern natürlich klare Präsenz der Regierungen von Bund und Ländern. Ihre Arbeit wird von den Wählern unterschiedlich bewertet. Ich kann nur sagen: Geschadet hat mir der gegenwärtige Zustand nach meinem Eindruck nicht.

Was soll Ihr Gewinnerthema werden?

Merz: Das kommt ganz auf die Lage im Herbst an. Ich vermute, dass dann das Thema wirtschaftlicher Aufbau und Erneuerung nach der Corona-Krise das beherrschende Thema sein wird. Und wir haben ja jetzt wirklich die Chance, Ökonomie und Ökologie zu versöhnen durch einen Innovationsschub, den wir aber auch auslösen müssen.

Da ist Ihnen die große Koalition zuvorgekommen. Das Konjunkturpaket steht.

Merz: Ich habe das ja schon positiv kommentiert – so wie auch die Mehrheit der Ökonomen. Vielleicht war es nicht notwendig, gleich ganze 135 Einzelmaßnahmen auf den Weg zu bringen. Die Konzentration auf weniger wäre vermutlich noch besser gewesen. Aber insgesamt ist das ein rundes Paket, das Innovation in den Vordergrund stellt.

Die Union liegt in den Umfragen wieder bei 40 Prozent. Ein Merkel-Effekt?

Merz: Ein sehr positiver Effekt für die Bundeskanzlerin und für CDU und CSU als die führenden Repräsentanten des Krisenmanagements. Es wird anspruchsvoll bleiben für die Union, Werte von 35 plus X zu halten. Aber es kann gelingen.

Hat sich Ihr Bild von Angela Merkel in der Corona-Krise verändert?

Merz: Ich werde ja nun seit Jahren als Merkel-Kritiker apostrophiert. Dabei habe ich Angela Merkel immer differenziert gesehen.

Ernsthaft?

Merz: Sehr ernsthaft. Einige ihrer Entscheidungen sehe ich bis heute sehr kritisch. Aber ich sehe auch, dass Angela Merkel auch die Eigenschaften mitbringt, die man als Regierungschef in einer Krise haben muss: Nervenstärke, Konzentration, den Blick für das Mögliche.

Was versprechen Sie sich von der Corona-Warn-App, die jetzt mit einiger Verspätung an den Start geht?

Merz: Es ist richtig, dass wir uns modernster Technologie bedienen, um das Risiko in der Pandemie zu begrenzen. Ich persönlich hätte nichts dagegen gehabt, die Daten anonymisiert in einer großen Cloud abzulegen. In jedem Fall hätte ich mir eine gemeinsame europäische Lösung gewünscht. Und dass wir selbst für eine nationale Lösung drei Monate gebraucht haben, ist auch kein Ruhmesblatt. Aber immerhin: Es geht in die richtige Richtung.

Sie haben selbst eine Corona-Erkrankung durchgemacht. Wie denken Sie über eine Impfpflicht?

Merz: Ich bin für eine verpflichtende Impfung – aber nur, wenn es um die großen Krankheiten der Menschheit geht: Masern, Pocken, Röteln, Kinderlähmung. Und ich sage all den Verschwörungstheoretikern, die einfach nur dummes Zeug reden: Ich habe in meiner Schulzeit noch zwei Kinder erlebt, die Kinderlähmung hatten. Und heute haben wir eine Impfpflicht, die völlig selbstverständlich von 99 Prozent der Bevölkerung akzeptiert wird – und auf der Welt so gut wie keine Kinderlähmung mehr. Ich bin trotzdem nicht der Meinung, dass wir gegen Grippe und solche Viruserkrankungen wie Corona verpflichtend impfen lassen sollten. Die Zahl der Freiwilligen wird groß genug sein.

Wie geht es Ihnen inzwischen? Haben Sie die Krankheit vollständig überwunden?

Ich habe keine bleibenden Schäden davongetragen, das haben die Untersuchungen ergeben, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich hatte auch keinen allzu schweren Verlauf erlebt, nur leichte und mittlere Symptome. Das war unangenehm, aber zu keinem Zeitpunkt wirklich bedrohlich. Gleichzeitig macht das die Sache so unheimlich. Ich gehöre zu einer Risikogruppe, weil ich über 60 bin – und bei mir war der Verlauf harmloser als bei manchem Jugendlichen. Es wird noch längere Zeit dauern, bis wir über Corona wirklich alles wissen.

Corona-Pandemie – Mehr zum Thema: