Leitartikel

Homeschooling: Beim Bastelauftrag vom Lehrer rastete ich aus

Berlin.  „Die Schulen müssen dringend den Digitalpakt umsetzen. Eltern können der pädagogischen Aufgabe in der Corona-Krise nicht gerecht werden.“

Schüler müssen derzeit in ihren Kinderzimmern die Aufgaben lösen, die ihnen Lehrer aufgegeben haben.

Schüler müssen derzeit in ihren Kinderzimmern die Aufgaben lösen, die ihnen Lehrer aufgegeben haben.

Foto: Ulrich Perrey / dpa

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Als in der vergangenen Woche der Bastelauftrag auf dem Mathematik-Lehrplan stand, hätte ich das Stück Papier am liebsten aus dem Fenster geworfen. Ich rief durch die Küche: Basteln? Was denn noch alles?

Zum Hintergrund: Meine Tochter ist sieben und geht in die zweite Klasse: Sie bekommt jede Woche die Aufgaben für die Fächer Mathematik und Deutsch per E-Mail geschickt. Lernstoff, nicht nur Hausaufgaben.

Die Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien müssen wir ausdrucken, weil sie auf den Zetteln arbeiten muss. Also ganz analog. Dann sitze ich da mit meinem Kind, während ich vom Homeoffice aus arbeite – oder danach. Drei Stunden, vier Stunden, manchmal gefühlt den ganzen Tag über. Auf den Lehrplänen sollen die Kinder abzeichnen, wenn sie Aufgaben erledigt haben, und wir Eltern sollen kontrollieren.

Lernen in der Corona-Krise: Von digitalem Unterricht weit entfernt

Doch hier liegt der Fehler. Mit der Kontrolle ist es bei Grundschulkindern leider nicht getan. Eltern müssen den Stoff erklären, helfen bei der Lösung der Aufgaben. Auch sind wir als Vorleser, Diskutant oder Mitspieler gefragt.

Wenn Kinder etwas in dem Alter allein machen sollen, träumen sie sich oft weg. Kinder sind unterschiedlich, brauchen mal mehr, mal weniger Unterstützung. Und für Eltern, die von zu Hause aus arbeiten und problemverschärfend noch auf ein weiteres – in diesem Fall Kleinkind – aufpassen müssen, ist der Heimunterricht eine an den Nerven zerrende Aufgabe.

Natürlich spielen beim Bildungserfolg all die Faktoren eine Rolle, die auch in Zeiten des Schulbetriebs gelten. Sie wiegen sogar schwerer. Soziale Herkunft, finanzielle Ausstattung der Eltern, Bildungsnähe- oder ferne.

Eltern von Kindern, die schon auf weiterführenden Schulen sind, berichten von digitalem Unterricht, von Lern-Apps, von selbstständigen Kindern.

Eltern werden laut – und sind keine Pädagogen

Dagegen steht die Tatsache, dass es viele Lehrer in den vergangenen Wochen nicht einmal hinbekommen haben, ihre Klasse per Skype, Google Hangouts, Zoom, es gibt ja viele Arten der Videotelefonie, digital zu treffen, zu sprechen oder ja: zu unterrichten! Es gibt sogar Berichte von Lehrern, die ihre Unterrichtsmaterialien per Post verschicken.

Unter der Hand geben Eltern zu, laut zu werden, Kinder werden dann zu Recht bockig und verweigern jede weitere Zusammenarbeit. Eltern sind keine Pädagogen. Und müssen aber trotzdem derzeit deren Aufgaben übernehmen, weil Lehrern in Zeiten von sozialer Distanz das Besteck fehlt, die Kinder digital zu unterrichten.

Sogar der Präsident des Deutschen Lehrerverbands befürchtet, dass sich als Folge des Heimunterrichts das Leistungsgefälle zwischen den Schülern vergrößern könne. Leistungsschwächere Schüler drohen unter die Räder zu kommen. Deutlich rächt es sich jetzt in der Coronakrise, dass die Schulen digital so unterschiedlich aufgestellt sind. Mehr zum Thema: Kultusminister: Schulabschlussprüfungen sollen stattfinden

Der Digitalpakt muss schnell umgesetzt werden

In vielen Bundesländern beginnen jetzt die Osterferien, Zeit für die Eltern und Schüler durchzuatmen. Und Zeit für die Schulen und Lehrer, den Unterricht für die Zeit nach den Ferien besser zu planen. Alle hoffen zwar, dass die Schulen nach den Ferien wieder öffnen. Doch was ist, wenn nicht?

Die Situation heute zeigt, dass Länder und Schulen die Umsetzung des Digitalpakts, der vor einem Jahr beschlossen wurde, stärker vorantreiben müssen. Mit fünf Milliarden Euro will die Regierung die Digitalisierung der allgemeinbildenden Schulen fördern. Das sind umgerechnet 120.000 für jede der 40.000 Schulen in Deutschland.

Viel Geld für Schulungen der Lehrer, Laptops und digitale Lernprogramme. Das wird für alle Kinder und Lehrer von Vorteil sein. Nicht nur für Eltern in der Krise.

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