US-Wahlkampf

Nächste und schon historische Vizepräsidentin: Kamala Harris

Washington.  Kamala Harris kann einige Superlative für sich in Anspruch nehmen. Das ist die Frau, die die neue Vizepräsidentin der USA wird.

Kamala Harris könnte Geschichte schreiben

Sie könnte die erste Vizepräsidentin der USA werden - und die erste schwarze Frau als Nummer zwei an der Staatsspitze: Die kalifornische Senatorin Kamala Harris zieht an der Seite von Präsidentschaftskandidat Joe Biden ins Rennen um das Weiße Haus.

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Bahnbrechende Premieren gehören einfach zu ihrem Lebenslauf. Kamala Harris war die erste Bezirksstaatsanwältin in San Francisco. Sie war die erste Justizministerin des bevölkerungsreichsten US-Bundesstaates Kalifornien. Als sie 2016 in den Senat von Washington gewählt wurde, war sie erst die zweite Frau mit dunkler Hautfarbe, der dieser Sprung gelang. Jetzt schreibt die 55-Jährige zum vierten Mal Geschichte: als erste Afro-Amerikanerin mit indisch-jamaikanischen Wurzeln im Amt der Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika.

Dass der nächste US-Präsident Joe Biden, sie im August ins Boot geholt hat, könnte das Präludium zum ganz großen Erfolg sein, wenn der Wähler es denn will: Einzug ins Weiße Haus nach 2024, dann als Nr.1. Wer ist die Frau, die im politischen Werdegang frappierende Ähnlichkeiten mit dem ersten schwarzen Präsidenten der USA, Barack Obama, aufweist?

Kamala Harris ging in eine Schule für schwarze und weiße Kindern

Kamala Harris wurde am 20. Oktober 1964 in Oakland am anderen Ende der Bucht von San Francisco geboren. Vater Donald war Wirtschaftswissenschaftler an der Stanford University, ein Einwanderer von der Karibik-Insel Jamaika. Mutter Shyamala Gopalan, eine auf Brustkrebs spezialisierte Ärztin, kam in Indien zur Welt. Der Name Kamala kommt aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „Lotusblüte”. In den Jahren der Studentenproteste kutschierten ihre Eltern, die sich trennten, als sie sieben war, Kamala bei Demonstrationen im Kinderwagen über den Campus der berühmten Universität von Berkeley.

In der zweiten Klasse kam Kamala Harris zum ersten Mal mit den Ausläufern von Rassismus in Kontakt. Sie wurde abseits ihres Wohnortes Berkeley mit dem Bus in eine Schule gebracht, in der weiße Kinder mit schwarzen Kindern gemeinsam unterrichtet wurden; als Impuls zur Überwindung der Rassentrennung. Die Episode spielte in einer TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten vergangenen Jahr eine Rolle. Joe Biden, der Senator wurde, als Kamala Harris acht Jahre alt war, lehnte die aus Sicht der Bürgerrechtsbewegung wichtige Methode seinerzeit ab.

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Staatsanwältin mit Schwerpunkt Sexualstraftaten und Kinder-Prostitution

Als Harris ihn deswegen extrem konfrontativ anging, schwieg der Trump-Herausforderer erst betreten und entschuldigte sich später. Heute sagt er über die öffentliche Demütigung: „Ich hege keinen Groll.” Ihre Kern-Schulzeit verbrachte Harris in Montreal/Kanada, wo die Mutter einen Forschungsauftrag hatte. Später wurde gemeinsam mit Schwester Maya Oakland wieder ihr Lebensmittelpunkt. Religiös wuchsen die Mädchen zwischen Gottesdiensten in einem Hindutempel und einer schwarzen Baptistenkirche auf.

„Meine Mutter wahrte unsere Identität und formte uns zu starken Frauen”, schreibt Harris in ihrer Biografie. Nach der Universität in Washington DC und San Francisco (Politik, Wirtschaft, Jura) wurde die schon in jungen Jahren streitbare und kampflustige Harris in Oakland 1990 Staatsanwältin. Sexualstraftaten und Kinder-Prostitution waren ihre ersten Schwerpunkte. Mitte der 90er Jahre startete sie kurzzeitig eine schlagzeilenträchtige Beziehung mit dem 30 Jahre älteren Willie Brown, der damals Bürgermeister von San Francisco wurde. Lesen Sie hier: Wie Donald Trump Kamala Harris’ Recht auf eine Kandidatur anzweifelt

Kamala Harris verfolgt eine „Law and Order“-Politik

Privat fand Harris 2014 ihr wahres Glück. Sie heiratete den aus New York stammenden jüdischen Anwalt Doug Emhoff, den sie über ein von Freunden vermitteltes „blind date” kennengelernt hatte. Emhoff, der mit Cole und Ella zwei Kinder aus erster Ehe einbrachte, machte ihre knieend mit einem mit Diamanten besetzten Platin-Ring den Antrag.

Die Stiefkinder nennen Harris „Momala”, eine Variation des jüdischen Kosenamens für Mütter: „Mamaleh”. Schon ein Jahr nach ihrem Aufstieg zur Bezirksstaatsanwältin in San Francisco zog Harris Pfeile aus den Polizeigewerkschaften auf sich, Sie weigerte sich, gegen den Polizisten-Mörder Isaac Espinoza die Todesstrafe zu beantragen.

Im liberalen Kalifornien wurde sie von der eigenen Partei oft angefeindet, weil sie eine „Law and Order”-Politik verfolgte. So sollten Eltern chronischer Schulschwänzer per Gesetz mit bis zu zwölf Monaten Gefängnis bestraft werden können.

Harris war eng mit Bidens Sohn befreundet

Als Justizministerin im „Golden State” sorgte Harris im linken Spektrum für Unmut, als sie dem beantragten Bann der Todesstrafe (in Kalifornien sitzen die meisten Todeskandidaten in den Zellen) ihre politische Zustimmung versagt. Aus der Zeit als Generalstaatsanwältin rührt ein enger Kontakt mit der Familie von Joe Biden, der bei seiner Personalentscheidung für die Vizepräsidentschaft große Bedeutung hatte, wie Vertraute sagen.

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Beau Biden, Bidens ältester Sohn, der 2015 im Alter von nur 46 Jahren an einem Gehirntumor starb, war mit Harris eng befreundet und zeitgleich Justizminister (im Bundesstaat Delaware). „Beau hielt große Stücke auf ihr Verhandlungsgeschick und ihre politische Linie”, sagt Joe Biden.

Harris hatte im Nachgang der Weltfinanzkrise den Banken, die vier Milliarden Dollar anboten, 20 Milliarden Dollar zur Linderung der Immobilienkrise abgetrotzt. Joe Biden: „Ich bin stolz, sie als Partnerin in diesem Wahlkampf an meiner Seite zu haben.” Das Harris ihre eigene, streckenweise wankelmütige Präsidentschaftskampagne im vergangenen Dezember noch vor den Vorwahlen wegen Erfolglosigkeit einstampfte, war für Biden kein Malus.

Obama: Harris ist „mehr als bereit für die Aufgabe“

Eine besondere Verbindung hat Harris zu Barack Obama, mit dem sie seit 2004 befreundet ist. Sie war die erste renommierte Politikerin Kaliforniens, die 2008 seine Präsidentschaftskandidatur unterstützte. Der Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines schwarzen Vaters aus Kenia und Harris fühlen sich wesensverwandt. Ihre Nominierung durch seinen Ex-Vize lobte Obama, der in den USA immer noch hohe Beliebtheit genießt, über den grünen Klee. Harris sei „mehr als bereit für die Aufgabe”.

Obama wörtlich: „Wenn du im Oval Office bist, die schwersten Probleme abwägst, und eine Entscheidung, die du triffst, die Leben und Existenzen eines ganzen Landes beeinflusst - da brauchst du jemanden bei dir, der das Urteilsvermögen und den Charakter hat, um die richtige Entscheidung zu treffen.” Lesen Sie hier wie Barack Obama die Corona-Politik von Donald Trump kritisiert

Respekt durch rhetorisch messerscharfe Auftritte geschaffen

Auch Bernie Sanders, lange Zeit Bidens hartnäckigster Widersacher um die Präsidentschaften und von der Parteilinken als Ikone gefeiert, fand nur Gutes über Harris zu sagen: „Sie versteht, was es heißt, für die arbeitende Bevölkerung aufzustehen, für eine allgemeine Krankenversicherung zu kämpfen und die korrupteste Regierung in der Geschichte Amerikas abzulösen”, erklärte der Senator aus Vermont, der Harris seit ihrem Einzug in den Senat von Washington im Tagesgeschäft erlebt.

Hier hat sich Harris durch rhetorisch messerscharfe Auftritte in Anhörungen Respekt und Bewunderung erworben. Als der damalige Justizminister Jeff Sessions zu Trumps Russland-Affäre aussagen musste, kapitulierte der kleine Mann aus Alabama mitten im Fragengewitter. „Man kann mich nicht so hetzen. Das macht mich nervös.” Auf präzise vorgetragene Attacken und inquisitorische Fragen von Harris muss sich auch Donald Trump gefasst machen.

Über den Noch-Präsidenten, der sich gerne wortgewaltig gibt, aber nie wirklich viel sagt, formulierte Kamala Harris einmal mit Hinweis auf Hollywoods Traumfabrik: „Mit Trump ist es wie mit dem Zauberer von Oz. Wenn man den Vorhang an die Seite schiebt, entpuppt er sich als wirklich kleiner Kerl.”

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