Türkischer Präsident

Ist Erdoğan krank? Gerüchte um Ende von Herrschaft

Gerd Höhler
| Lesedauer: 4 Minuten
Türkei: Hotel nimmt Männer nur in weiblicher Begleitung auf

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Die Türkei ist für viele Reisende ein beliebtes Urlaubsziel. Einige Hotels wollen nun zum Schutz ihrer Gäste, alleinstehenden Männern die Reservierung nicht ermöglichen.

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Istanbul  Nach fast 19 Regierungsjahren zeigt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Ermüdungserscheinungen. Geht die Regierung Erdoğan zu Ende?

  • Gerüchten zufolge steht es nicht gut um die Gesundheit des türkischen Präsidenten
  • In Reden wirkt Erdoğan müde und angeschlagen
  • Zudem schwindet die Zustimmung für seine Politik - bahnt sich da ein Wechsel in der Türkei an?

Dass ein Zuhörer während eines Vortrags einschläft, kommt vor. Dass der Redner einnickt, ist eher ungewöhnlich. Passiert ist das kürzlich dem türkischen Staatschef Erdoğan in einer Ansprache zum islamischen Opferfest. Das Fernsehen übertrug die 13-minütige Grußbotschaft am 21. Juli live aus Erdoğans Sommersitz in Marmaris an der türkischen Ägäisküste.

Im quergestreiften Polohemd sitzt der Präsident der Türkei an einem Tisch, eingerahmt von zwei türkischen Fahnen. Er liest von einem Teleprompter ab. Der Präsident wirkt müde, seine Sprache ist schleppend. Nach achteinhalb Minuten fallen Erdoğan die Augen zu, er nickt kurz ein, fängt sich dann aber wieder.

„Das war kein gutes Bild“, schrieb der Journalist Fatih Altaylı im Nachrichten-Netzwerk „HaberTürk“. Altaylı spekulierte, jemand habe Erdoğan vor die Kamera gesetzt, „um ihn schwach aussehen zu lassen“.

Journalist Can Dündar: „Ära Erdoğan geht zu Ende“

Drei Wochen später: Erdoğan stellt sich in einer Live-Übertragung den Fragen ausgewählter Journalisten. Zufällig kommt der Teleprompter ins Kamerabild. Von ihm liest Erdoğan die vorformulierten Antworten ab. „Was ist los mit Recep Tayyip Erdoğan?“, fragte die linksgerichtete, regierungskritische Zeitung „BirGün“. Kann der Staatschef, der früher die Massen mit seinen feurigen Reden elektrisierte, nicht mehr frei sprechen?

Die Ära Erdoğan gehe zu Ende, meint der in Deutschland lebende türkische Exil-Journalist Can Dündar. Der 67-Jährige Erdoğan, dessen islamisch-konservative Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) das Land seit Ende 2002 ununterbrochen regiert, wurde allerdings schon oft politisch totgesagt.

Türkei: Erdoğan wirkt schon länger angeschlagen

2007 wies das türkische Verfassungsgericht einen Verbotsantrag gegen die AKP wegen islamistischer Umtriebe mit ganz knapper Mehrheit ab. 2013 überstand Erdoğan massive Korruptionsvorwürfe. Den Putschversuch vom Juli 2016 nutzte er, seine Macht weiter zu zementieren.

Auch Spekulationen über Erdoğans Gesundheitszustand sind nicht neu. 2011 musste er sich einer Krebsoperation unterziehen. 2017 brach Erdoğan in einer Istanbuler Moschee zusammen. Im gleichen Jahr nickte er während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko ein.

Immer häufiger kursieren jetzt im Netz Videos, die Erdoğans schleppenden Gang zeigen. Oppositionsmedien schreiben von Diabetes und Blutdruckproblemen, auch von Epilepsie ist die Rede. Erdoğan selbst und seine Entourage schweigen zu Fragen nach dem Zustand des Präsidenten.

Auch politisch steht Erdoğan vor dem Aus

Erdoğan wirkt nicht nur gesundheitlich angeschlagen. Zwei Jahre vor den regulär 2023 fälligen Wahlen schwächelt er auch in den Meinungsumfragen. Im Durchschnitt von sieben Erhebungen, die im August durchgeführt wurden, kommen Erdoğans AKP und die mit ihr verbündete rechts-nationalistische MHP nur noch auf 40,5 Prozent Stimmenanteil.

Die in einer Allianz antretenden Oppositionsparteien CHP und IYI liegen mit 40,6 Prozent hauchdünn vorn. Nach einer Umfrage des angesehenen Instituts Metropoll sind nur noch 38 Prozent mit Erdoğans Amtsführung einverstanden. 51,5 Prozent äußern sich unzufrieden.

Erdoğan hat die Türkei heruntergewirtschaftet

Die schlechten Umfragewerte spiegeln vor allem die schwierige wirtschaftliche Lage. Die Arbeitslosenquote stieg im Juli gegenüber dem Vormonat von 10,6 auf zwölf Prozent. Im August beschleunigte sich die Inflation von 18,7 auf 19,2 Prozent. Weiterlesen: Flüchtlinge aus Afghanistan: Helfen statt Angst machen

Die Wirtschaft war einst Erdoğans Trumpfkarte. Er galt als „Vater des türkischen Wirtschaftswunders“. 2013 versprach er, das Pro-Kopf-Einkommen, das damals bei 12 500 Dollar lag, bis 2023 auf 25 000 Dollar zu verdoppeln. Tatsächlich ist es seither auf 8548 Dollar gefallen

Selbst die eigene Partei zweifelt am Präsidenten

Insider berichten, auch in der Regierungspartei AKP gebe es wachsende Zweifel an Erdoğans Amtsführung. Als Erdoğan noch in der Opposition war, forderte er, Politiker müssten mit 65 zwingend in Rente gehen.

Davon ist jetzt keine Rede mehr. Dass der Staatschef zurücktritt, ist unwahrscheinlich. Verliert er die Macht, muss er fürchten, dass die alten Korruptionsvorwürfe wieder hochkommen.