Corona-Pandemie

USA: Höchster Anstieg der Neuinfektionen seit Januar

Washington.  Seit Trump die Rückkehr zur Normalität angeordnet hat, ist die Lage in den USA eskaliert. Es wird mit hohen Sterbezahlen gerechnet.

Trump nennt Corona-Lage in den USA "großartig"

In den USA sind bereits mehr als 120.000 Tote registriert worden - mehr als in jedem anderen Land der Welt. Das Krisenmanagement von US-Präsident Donald Trump steht dabei immer wieder in der Kritik. Zuletzt bezeichnete er die Situation als "großartig". Präsidentenberater Anthony Fauci schätzt die aktuelle Lage jedoch ganz anders ein.

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Wenn nicht in letzter Minute im Weißen Haus ein Sinneswandel eintritt, werden am kommenden Freitag George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln, die steingewordenen Präsidenten-Heroen der amerikanischen Geschichte an Mount Rushmore, stumm mitansehen, wie lax einer ihrer Nachfolger mit einem nationalen Notstand umgeht.

Gegen die massiven Warnungen seiner durch einen gewaltigen Rückschlag bei der Coronavirus-Epidemie alarmierten Gesundheitsexperten will Donald Trump rechtzeitig zum Nationalfeiertag am 4. Juli für mindestens 7500 Gäste am Besucher-Magneten in den Black Hills von South Dakota ein Groß-Feuerwerk abbrennen lassen.

Nach Erfahrungen mit größeren Menschenansammlungen nach der von Trump geforderten Lockerung der Kontaktsperren und Ausgehverbote ist laut Seuchenschutzbehörde CDC programmiert, dass nach dem patriotischen Spektakel die Coronavirus-Infektionen in den USA abermals steigen werden.

Coronavirus in den USA: Höchster Anstieg der Infektionszahlen

Dabei sind die Zahlen schon heute erschreckend. Mit rund 38.200 Neu-Erkrankungen verzeichneten die USA am Mittwoch nach Angaben der Johns Hopkins-Universität in Baltimore den höchsten 24-Stunden-Anstieg seit Ausbruch der Epidemie Ende Januar. Bislang sind – einmalig im Weltmaßstab – 121.000 Amerikaner an dem Virus gestorben, 2,4 Millionen sind infiziert.

Seit Präsident Trump gegen erhebliche Widerstände in Politik, Fachwelt und Bundesstaaten die Rückkehr zur Normalität angeordnet hat, um die dramatisch eingebrochene Wirtschaft wieder anzukurbeln und seine Wiederwahlchancen im November zu erhöhen, ist die Lage eskaliert. Über die Hälfte der 50 Bundesstaaten meldete in den vergangenen zwei Wochen Zuwächse von 30, 50, 70 oder gar 100 % bei den Ansteckungsraten.

Besonders stark betroffen sind republikanisch regierte Bundesstaaten wie Texas, Florida und Arizona, wo die Corona-Beschränkungen im Mai schneller als andernorts aufgehoben wurden – obwohl ein von der Zentralregierung empfohlener Stufenplan genau das zu verhindern trachtete. Mit dem Resultat, dass etwa in der texanischen Metropole Houston 97 % der Intensivbetten für Covid-19-Patienten ausgelastet sind und Bürgermeister Sylvester Turner mit dramatischen Sterbezahlen in den kommenden Wochen rechnet.

Regionale Shutdowns angedroht

Marc Boom, Chef mehrerer Krankenhäuser in der Öl-Hochburg: „Die Leute sind selbstgefällig geworden. Wenn ich in Restaurants gucke oder Geschäfte, wo Menschen den Richtlinien nicht folgen, dann werde ich wütend.“ Gouverneur Greg Abbott, sonst ein treuer Gefolgsmann Trumps, leitete bereits die mentale Kehrtwende ein und droht mit regionalen Shutdowns des öffentliche Lebens.

Der sicherste Ort für euch sind die eigenen vier Wände”, sagte Abbott an die Adresse seiner Schutzbefohlenen; in krasser Abgrenzung zu Trump, der die Amerikaner geradezu bedrängt, sich in Wirtschaft und Alltag möglichst frei zu bewegen.

Wie ernst die Lage ist, zeigen wissenschaftliche Vorhersagen. Danach wird innerhalb der Trump-Regierung bereits im Oktober, fünf Wochen vor der Präsidentschaftswah l, mit dem 200.000 Corona-Toten gerechnet. Auch in Kalifornien empfahl der demokratische Gouverneur Gavin Newsom den 40 Millionen Einwohnern, sie sollten nur im Notfall das eigene Zuhause verlassen und wieder mehr Gewicht auf Vorsichtsmaßnahmen und Abstandsregeln legen.

Trump, der zuletzt in Tulsa/Oklahoma und Phoenix/Arizona vor Tausenden Anhängern Wahlkampf betrieb und eine wirtschaftliche Turbo-Erholung des Landes prophezeite, hält die Corona-Krise dagegen für prinzipiell überwunden. Der Präsident stellte sich dabei informell an die Spitze eines Kulturkampfes, der aus Sicht von Ärzten etwas beängstigend Kindliches hat.

Während demokratische Wähler mehrheitlich Atemschutzmasken tragen, wehrt sich Trump persönlich aus ästhetischen Gründen (er will so nicht fotografiert werden) gegen das Stück Stoff, das nachweislich Leben retten kann – und viele seiner Anhänger tun es ihm nach. Mit der Folge, dass etliche Beamte des Secret Service, die Trumps Kundgebung in Tulsa sicherten, seit dieser Woche vorsorglich in Quarantäne geschickt wurden.

Trump: „Ich mache keine Witze“

Ginge es nach Trump, könnte die sich täglich verdüsternde Stimmungslage ad hoc verbessert werden, wenn man nach dem Motto Was-ich-nicht-sehe-ist-nicht-da die Schlagzahl bei den Corona-Tests (ein „zweischneidiges Schwert“) verringern würde. Genau darum habe er seine Experten angehalten, sagte Trump am Wochenende. Was das Weiße Haus schnell als „Scherz”-Versuch abtat. Bis Trump am Dienstag erklärte: „Ich mache keine Witze.”

Anthony Fauci, der führende Immunologe Trumps, Robert Redfield, der Chef der Seuchenschutzbehörde CDC, und Admiral Brett Giroir, Trumps “Corona-Zar”, konterten die präsidialen Vorgaben bei einer bemerkenswerten Kongress-Anhörung. Alle drei erklärten den Parlamentariern durch die Blume, wie falsch Trump liegt und wie fahrlässig es wäre, den aktuellen Stand der Pandemie zu ignorieren.

Danach könne von einer Drosselung bei den Tests (bisher 28 Millionen) überhaupt kein Rede sein. Im Gegenteil. „Selbst 500.000 am Tag sind nicht genug”, sagte Giroir und bekundete, dass die USA im Herbst in der Lage sein wollen, monatlich bis zu 50 Millionen Menschen zu testen. Zudem sei der wahre Grund für den rasanten Anstieg bei den Infektionen in der vielfach zu früh erlaubten Lockerung von Corona-Beschränkungen zu suchen. Was Trump aber nicht davon abhielt, finanzielle Zuschüsse für 13 Testzentren zu stoppen; sieben davon Texas.

Systeme könnten an Kapazitätsgrenze kommen

Anthony Fauci, der Trump regelmäßig widerspricht, warb inständig dafür größere Menschenansammlungen zu meiden – oder ausschließlich mit Atemschutzmasken aufzusuchen. „In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob wir den Besorgnis erregenden Anstieg eindämmen können.” Fauci befürchtet eine Ausweitung der „Brandherde“ mit der Folge, dass die medizinischen Versorgungssysteme, wie vor einigen Wochen in New York geschehen, in vielen Teilen Amerikas an die Kapazitätsgrenze gelangen.

In der Ostküsten-Metropole, wo nach Wochen der rigiden Ausgehsperren fast alle Trends inzwischen ins Positive schlagen, reagierten die Verantwortlichen rigoros. Gemeinsam mit seinen Kollegen in den Nachbarstaaten New Jersey und Connecticut verfügte Gouverneur Andrew Cuomo eine zweiwöchige Quarantäne für Alabama, Arkansas, Arizona, Florida, South Carolina und Texas. „Leugnen ist keine Lebensstrategie“, sagte der Demokrat und rief Geldstrafen von 2000 bis 5000 Dollar auf, falls sich Reisende aus den Südstaaten der Maßnahme verweigerten.

Pence: Zweite Welle völlig übertrieben

Im Kontrast dazu stehen Äußerungen von Vizepräsident Mike Pence. Er nannte die Befürchtungen über eine zweite Corona-Welle im „Wall Street Journal” völlig übertrieben. Ins gleiche Horn stieß der oberste Wirtschaftsberater Larry Kudlow; ein ehemaliger TV-Moderator mit fragwürdigen Referenzen, der bereits Ende Februar verkündete, Amerika habe das Coronavirus „fast luftdicht” unter Kontrolle.

Anthony Fauci und viele andere Experten sehen dagegen massive Anzeichen dafür, dass Amerika nicht einmal die erste Welle der Pandemie vernünftig in Schach halten kann.

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