Bildung

Vor Corona-Schulgipfel: SPD schlägt kostenlose Nachhilfe vor

Berlin.  Die Schulen stehen vor dem ersten Corona-Winter. Wir erklären, welche Themen beim Schulgipfel der Regierung am Montag im Fokus stehen.

Homeschooling mit Hartz IV: Abgehängt in der Corona-Krise

Nicht einmal ein Euro ist vorgesehen im Hartz-IV-Regelsatz für Kinder und Jugendliche, wenn es um das Thema Bildung geht. Einen Rechner davon anzuschaffen, ist praktisch aussichtslos. In der Corona-Krise verschärft sich die Bildungsungerechtigtkeit.

Beschreibung anzeigen

Wie kommen die Schulen durch den ersten Corona-Winter? Steigende Infektionszahlen und Reiseverkehr in den Herbstferien, geschlossene Fenster und digitale Ratlosigkeit in vielen Kommunen treiben Eltern und Lehrern die Schweißperlen auf die Stirn.

An diesem Montag (21. September) soll beim Schulgipfel im Kanzleramt vor allem die Digitalisierung im Mittelpunkt stehen – doch das allein reicht nicht, wie die Praktiker vor Ort wissen.

Die vier dringlichsten Probleme – und welche Antworten die Politik darauf hat:

Tablets und schnelles Internet

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will sich beim Treffen mit Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU), SPD-Chefin Saskia Esken und den Kultusministern der Länder für mehr Tempo bei der Digitalisierung der Schulen einsetzen: „Alle Schulen sollen so schnell wie möglich an das schnelle Internet angeschlossen werden“, erklärte Merkel.

Der Staat müsse die Digitalisierung der Schulen mit Hochdruck weiter vorantreiben. „Wir brauchen sie als eine unverzichtbare Ergänzung zum Präsenzunterricht“, so die Kanzlerin. Neben der flächendeckenden Breitbandanbindung von Schulen soll es auch Lernplattformen sowie Kompetenzzentren für digitale Bildung gehen.

Bei einem ersten Treffen Mitte August hatten sich Bund und Länder unter anderem darauf verständigt, dass jeder der rund 800.000 Lehrer einen für digitalen Unterricht geeigneten Laptop bekommen solle. Dafür will der Bund zusätzlich 500 Millionen Euro bereitstellen, finanziert aus Corona-Hilfen der EU. Doch es gibt ein Problem – und das heißt, mal wieder, Föderalismus: Der Bund muss immer erst einen Weg finden, wie er verfassungskonform Geld in die Länder pumpen kann.

Insgesamt gilt: Am Geld mangelt es momentan nicht, aber es dauert, bis die Mittel an den Schulen ankommen. Über den Digitalpakt stehen seit Monaten mehr als fünf Milliarden Euro zur technischen Modernisierung bereit, unter anderem für den Aufbau von schuleigenem Wlan oder die Anschaffung interaktiver Tafeln. Die Länder geben noch einmal 500 Millionen dazu. Doch auch hier gibt es Probleme: Die Antragsstellung ist so kompliziert, dass bislang nur ein Bruchteil der Gelder an den Schulen angekommen ist. Über ein Jahr nach Beginn des Digitalpakts Schule waren Ende August von den fünf Milliarden Euro Fördergeld nur 15,7 Millionen Euro abgeflossen.

Schneller ging es zum Glück beim Corona-Sofortprogramm für Schüler, die zu Hause keinen PC haben: Viele Länder haben bereits damit begonnen, aus dem 500-Millionen-Euro-Programm des Bundes Leih-Laptops für benachteiligte Kinder anzuschaffen und an die Schulen zu verteilen.

Benachteiligte Schüler

Unterrichtsausfall und Homeschooling werfen vor allem schwache Schüler und Kinder aus bildungsfernen Haushalten stark zurück. Damit diese Kinder ihre Lernlücken schließen können, damit sich die Lage bei erneutem Unterrichtsausfall nicht noch verschärft, suchen die Länder nach Lösungen: SPD-Chefin Saskia Esken schlägt nun vor, sozial benachteiligten Schülern kostenlose Nachhilfe zu ermöglichen.

Dafür könnte das Bildungs- und Teilhabepaket genutzt werden. „Warum eröffnen wir den Schülerinnen und Schülern nicht ein Abonnement auf einer qualitätsgeprüften Nachhilfeplattform, anstelle der Kosten für das Schullandheim, das in diesem Schuljahr ohnehin ausfallen dürfte?“, sagte Esken unserer Redaktion. Es sei wichtig, dass Schüler wegen Corona-Unterrichtsausfalls keine Nachteile erlitten.

Bildungsgerechtigkeit bedeute, dass Schüler aus Risikogruppen, die in Quarantäne müssten oder deren Lerngruppe vorübergehend geschlossen werde, „nicht vom Lernen abgekoppelt sind, sondern durch hochwertigen digitalen oder hybriden Unterricht im Spiel bleiben“.

Lehrermangel

Udo Beckmann hat ein schönes Bild für die Lage an vielen deutschen Schulen. Sie müssen Tag für Tag mit zu wenigen Kräften zu viele Probleme lösen: „Kann ich das Loch in der Wand zuhalten und mit dem Fuß noch das Smartboard an die Wand schrauben, fehlt mir aber trotzdem die Lehrkraft, die in der 8a Mathe vertreten kann.“

Angesichts dieser Lage warnt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) davor, die politische Energie nur auf Tablets und schnelles Internet zu lenken. „Die Lehrkraft macht den Unterricht – und den Unterschied.“ Wichtig seien gut qualifizierte Lehrkräfte in angemessen ausgestatteten Schulen. „Das größte Problem an den Schulen ist der eklatante Lehrkräftemangel“, so Beckmann.

Zum Jahreswechsel fehlten zudem rund 1000 Schulleiter. Die Maßnahmen dagegen seien viel zu zögerlich. „Einzig die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen, wird das Problem nicht lösen.

Schon jetzt studiert eine nicht unerhebliche Anzahl von Studierenden zwar auf Lehramt, geht dann aber lieber in andere Branchen, weil es hier bessere Karriereperspektiven, mehr Freiraum und eine bessere Bezahlung gibt.“ Beckmann forderte eine gemeinsame Kraftanstrengung der Länder und des Bundes, um die Bedingungen für die Behebung des Lehrkräftebedarfs zu verbessern.

Lüftung und Hygiene

Fenster, die sich nicht öffnen lassen. Heizungen, die mitten im Winter ausfallen. Schultoiletten, die schon lange Brutstätten für Erreger waren. Dazu enge Klassenräume, überbelegte Sporthallen, Endlosschlangen in der Mensa. Seit Jahren ist das Alltag in vielen Schulen. In diesem Corona-Winter bedeutet es: Das beste Hygienekonzept nutzt nichts, wenn die Maßnahmen baulich überhaupt nicht funktionieren.

Wie massiv die Probleme sind, zeigt jetzt das aktuelle KfW-Kommunalpanel, eine Umfrage unter Städten und Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern sowie allen Landkreisen: Der Investitionsrückstand an Schulen liegt bei 44,2 Milliarden Euro.

VBE-Chef Beckmann hat Verständnis für die Kommunen, denen in der Corona-Krise Steuereinnahmen verloren gehen und die ihre personellen Kapazitäten im unmittelbaren Kampf gegen Corona benötigten. Jedoch: „Das interessiert das kaputte Dach der Schule, die fehlende Lüftungsanlage und die alte Tafel, die gegen ein Smartboard ausgetauscht werden soll, nicht.“

Der VBE erwartet daher vom Schulgipfel im Kanzleramt eine Bauoffensive – „bei der nach Kriterien, die Innovation fordern und fördern, in Schule investiert wird“.

Doch bis eine solche Offensive greift, dauert es. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mahnt dringend kurzfristige Lösungen für den Winter an: Sollten die Infektionszahlen weiter steigen und die Lüftungskonzepte wegen der sinkenden Außentemperaturen nicht mehr funktionieren, gebe es nur zwei Wege: den Einsatz von Lüftungsanlagen oder Unterrichtskonzepte, um den Hygieneabstand zwischen den Schülern zu vergrößern.

Auch darüber wollen Bund und Länderminister an diesem Montag reden.