• Sentia soll ähnlich wie Alkohol wirken, aber ohne die gesundheitlichen Risiken
  • Eine Expertin sagt, ob das Werbeversprechen sich bewahrheitet
  • Und gibt eine Antwort auf die Frage: Wie schmeckt und wirkt Sentia eigentlich?

Alkohol trinken, ohne die gefährlichen Folgen von Alkohol – klingt verlockend? Das dachte sich auch Professor David Nutt. Der britische Arzt hat im Labor einen „Funktionsdrink“ entwickelt, der ähnlich wie Alkohol nach dem Genuss für Entspannung und Ausgelassenheit sorgen soll. Auf Partys oder in geselliger Runde soll das Getränk laut Werbung einen ungehemmter und redseliger machen. Doch anders als bei Alkohol soll der sanfte „Rausch“ für Körper und Hirn harmlos sein.

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Der Name des mysteriösen Drinks: Sentia. Der Preis: Hat es in sich. Rund 30 Euro kostet die Flasche Sentia, die es in drei Sorten und bislang nur über den britischen Onlineshop und in ausgewählten Bars gibt. Der Autor hat den Sentia-Drink in zwei Varianten einige Abende getestet und eine Expertin gefragt, was von der Alkohol-Alternative wirklich zu halten ist. Das nüchterne Ergebnis.

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Alkoholwirkung ohne Alkohol: Was verspricht der Hersteller?

Manche haben den Januar über – Stichwort Dry January – bewusst komplett auf Alkohol verzichtet. Nach der erfolgreichen Abstinenz verspüren einige aber langsam wieder Lust auf ein Gläschen Wein am Abend, ein Feierabend-Bier oder das Glas Sekt zum Anstoßen. Das mag verständlich klingen. Harmlos wird Alkohol jedoch auch nach einer Pause nicht. Täglich sterben in Europa 2000 Menschen an den Folgen von Alkohol. Selbst kleinste Mengen erhöhen heutigen Erkenntnissen zufolge erhöhen das Krebsrisiko.

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt daher jetzt prominente Warnhinweise auf Alkohol, ähnlich wie auf Zigarettenpackungen. Wer sich durch Alkohol entspannter und gelöster fühlt, aber die gesundheitsgefährdenden Folgen der Droge nicht länger hinnehmen will, soll mit Sentia eine schmackhafte Alternative ins Glas bekommen, verspricht der britische Hersteller.

Sentia Cocktail
Sentia gibt es bislang im Onlinehandel und ersten Bars. Die Alkohol-Alternative lässt sich pur trinken oder gemixt als Cocktail.© FUNKE Foto Services | Sergej Glanze

David Nutts Firma deklariert Sentia auf den Flaschen als „flüssiges Nahrungsergänzungsmittel, das Kräuterextrakte, Vitamine und natürliche Zuckerarten enthält“. Das Ganze ist vegan sowie frei von Gluten, Koffein und von gentechnisch veränderten Inhaltsstoffen. Basieren soll der Drink auf einer „revolutionären botanischen Formel“. Die Werbetexter setzen noch eins drauf: „Entwickelt, um Ihren Geist zu erheben. Schwelgen Sie in beispielloser Ruhe und Entspannung, während Sentia seine Magie entfaltet.“ Magischer Drink oder fauler Zauber? Was ist wirklich dran am Sentia-Drink? Wie ist das Geschmackserlebnis und wie risikofrei ist das hochpreisige Pflanzenextrakt-Getränk mit dem Versprechen auf den harmlosen Rausch?

Was ist GABA und wie wirkt es?

Vier Buchstaben stechen auf Flasche und Werbeschildern zuerst ins Auge: GABA. Entwickelt wurde der Sentia-Drink zudem in den „GABA Labs“. Was steckt dahinter? „GABA ist ein entspannender Nervenbotenstoff“, erklärt Gaby Guzek. Die Wissenschaftsjournalistin hat mehrere Bücher zum Thema Sucht geschrieben und ist Autorin der regelmäßigen Serie „Raus aus der Sucht“ der FUNKE Mediengruppe, zu der auch diese Redaktion gehört. GABA ist laut Guzek dafür zuständig, in Körper und Geist Ruhe einkehren zu lassen. „Es ist quasi der Gegenspieler von Adrenalin und den ganzen anderen Stress-Botenstoffen“, sagt Guzek.

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Das Label „GABA-Getränk“, bemängelt die Expertin, sei allerdings irreführend. „Sentia enthält kein GABA, sondern Substanzen, die man medizinisch ‚GABA-Agonisten‘ nennt“, stellt sie klar. Darunter versteht man Stoffe, die die Andockstellen für GABA im Nervenkostüm besonders empfindlich machen oder die GABA-Konzentration im Körper steigern. Revolutionär findet Guzek die Inhaltsstoffe nicht. „Es ist ja nun nichts Neues, dass Baldrian oder Ashwaganda eine beruhigende Wirkung haben.“

Sentia: Geschmack gewöhnungsbedürftig – Wirkung fragwürdig

Der Autor hat für seinen Selbsttest zwei Flaschen je 50 Zentiliter (cl) geordert: die Sorten „GABA Black“ und „GABA Red“. Die erste, schwarz-braune Variante verspricht vollmundig: „Traditionelle Weisheit trifft auf moderne Neurowissenschaft, angetrieben von Ginko und Ginseng für Konzentration und kognitive Funktion.“ Sie sei entwickelt worden, um zu „revitalisieren“ und auf Partys „Gespräche anzuregen“.

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Um den Geschmackstest nicht zu verfälschen, wurde der Drink jeweils in einem Schnapsglas auf einem Eiswürfel getrunken. Auf diese Art pur genossen, lässt sich das Geschmackserlebnis eher als „gewöhnungsbedürftig“ beschreiben, denn als „lecker – noch ein Glas!“. Die ersten Schlucke brennen dezent im Rachen und erinnern an einen scharf-würzigen Ingwer-Smoothie, aber mit rauchig-bitterem Abgang.

Nach ein bis zwei geleerten Schnapsgläsern entfaltet sich – nach dem scharf-pfeffrigen Aroma im Mund – im Körper eine gewisse wohlige Wärme. Man fühlt sich entspannt bis leicht müde und kann anschließend recht gut einschlafen. Von einem „Rausch“ oder einer ausgeprägten Geselligkeit ist bei GABA Black dagegen nicht wirklich etwas zu spüren.

Girlfriends celebrating drinking cocktails inside the disco
Sentia soll auch ohne Alkohol auf Partys aufgeschlossener und enthemmter machen. Was ist dran am Werbeversprechen?© Getty Images | RicardoImagen

Sicherlich kann die Wirkung von Person zu Person anders ausfallen und auf einer Party vielleicht auch anregender einschlagen als nach Feierabend auf dem Sofa. Aber die Erwartungen kann der Drink nicht wirklich erfüllen. Neben dem puren Genuss auf Eis auch empfiehlt der Hersteller auch, Sentia für mehr Abwechslung in einen Premium-Tonic oder einen Cocktail zu geben.

Die rote Variante GABA Red sieht aus wie trüber Kirschnektar und schmeckt tatsächlich auch leicht fruchtig-intensiv. Aber auch hier überzeugt der Drink pur auf Eis geschmacklich nicht auf Anhieb. Wie die schwarze kommt auch die rote Version erdig-streng daher, dafür fruchtiger und weniger scharf. Die Wirkung nach ein bis zwei Gläsern ist ebenfalls eher entspannend, was hier laut Etikett aber auch so bezweckt wird. Die dritte erhältliche Sorte „GABA Gold“ soll eine Zitrusnote besitzen, die Stimmung heben und geselliger machen.

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Auch wem Sentia schmecken sollte: übertreiben sollte man es nicht. Höchstens vier Gläser Sentia am Tag (maximal 100 Milliliter) empfiehlt der Hersteller. Besteht also doch ein Risiko? „Nein“, meint Gaby Guzek. „Die Empfehlung dürfte eher rechtliche Gründe haben. Denn auch wenn die zugegebenen Pflanzensubstanzen als Nahrungsergänzungsmittel frei zu kaufen gibt, so hat der Gesetzgeber dafür dennoch Mengen-Obergrenzen festgelegt.“ Das spiegele sich dann in der Empfehlung des Herstellers.

Alkohol-Alternative: Für wen ist der Drink nicht geeignet?

Bei Sentia handelt es sich zwar nicht um Alkohol. Dennoch sind die Drinks laut Etikett des Herstellers für bestimmte Gruppen nicht geeignet. Dazu zählen Menschen, die Medikamente einnehmen, ebenso wie Schwangere, stillende Mütter und Unter-18-Jährige.

Expertin Gaby Guzek zählt noch eine weitere Gruppe dazu, die von Sentia die Finger lassen sollten: trockene Alkoholiker. Sie warnt Abstinenzler „klar und wütend“ davor, den GABA-Drink als entspannende Alkohol-Alternative zu trinken. „Es wäre absolut fahrlässig, das zu empfehlen. Das programmiert den Rückfall geradezu vor“, sagt Guzek.

Grund: Das Suchthirn eines trockenen Alkoholikers erwarte von einem solchen Drink, dessen entspannende Wirkung ja auch noch beworben wird, dann „die echte Dröhnung“, wie eben von Alkohol. Sprich: neben der Entspannung auch Sorgen vergessen, sich wohler fühlen, leichter soziale Kontakte knüpfen, fröhlich sein. Das bleibe aber aus. „Dann klopft ganz schnell der Suchtteufel an: ‚Hey, das war’s schon? Komm, wir nehmen mal das gute Zeug!‘“, warnt Guzek.

Raus aus der Sucht
Gaby Guzek ist Wissenschaftsjournalistin und Coach. Die Alkohol-Alternative Sentia sieht die Sucht-Expertin kritisch.© Carmen Wilhelmer | Carmen Wilhelmer

Und als Alternative für Menschen, die grundsätzlich auf Alkohol verzichten wollen? „Sicher. Die können aber auch einen Mocktail trinken oder alkoholfreie Varianten von sonst alkoholischen Getränken“, so die Expertin.

Fazit zu Sentia: „Cleverer Marketinggag mit Placebowirkung“

Der Selbsttest mit dem GABA-Drink Sentia fällt im Ergebnis dann auch nüchtern aus – um nicht zu sagen: ernüchternd. So sehr die Idee dahinter lobenswert ist: Für 30 Euro pro Flasche, was laut Hersteller 20 Drinks entspricht, ist die Alkohol-Alternative teurer als so manche Spirituose. Der Geschmack entpuppte sich zumindest beim Autor nicht gerade als Genusserlebnis. Und als Mix in Cocktails oder Tonic verfälscht das intensive Sentia-Aroma den Geschmack anderer Getränke deutlich. Die Wirkung? Ging über ein wohlig-warmes Gefühl und etwas Schläfrigkeit nicht hinaus – der Rausch blieb aus. Das kann auf einer ausgelassenen Party womöglich anders aussehen.

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Und was meint die Expertin? „Ich halte das Ganze wirklich nur für einen sehr cleveren Marketinggag – der außerdem die Placebowirkung nutzt“, urteilt Gaby Guzek. „Wenn man sich so ein teures Getränk kauft, verbunden mit der Werbeaussage: ‚Dieser Drink entspannt‘, dann tritt das auch ein“, sagt sie. Schließlich habe man ja viel dafür bezahlt. Und die enthaltenen Phytosubstanzen allein wirkten auch.