Viele Hundebesitzer sind überzeugt, ihre Haustiere genau zu kennen. Sie bemerken jede Laune, jede Eigenheit, jede Veränderung. Doch ausgerechnet bei Schmerzen versagt dieses Gespür oft. Selbst deutliche Warnzeichen würden häufig übersehen oder falsch gedeutet, schreiben drei Forscherinnen der Universität Utrecht im Fachjournal „PLOS One“.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Das Team um Ineke van Herwijnen untersuchte, wie gut 530 Hundebesitzer und 117 Menschen ohne eigenen Hund Schmerzen bei Hunden erkennen. Grundlage waren geschilderte Fallbeispiele und eine Liste mit 17 eher unauffälligen Warnsignalen, die ein Forschungsteam um den britischen Verhaltensforscher Daniel Mills bereits 2024 beschrieben hatte.

Lesen Sie auch

Im Blick standen dabei vor allem feine Veränderungen, die im Alltag leicht übersehen werden. Die Teilnehmer der Studie sollten unter anderem einschätzen, ob eine veränderte Persönlichkeit, zögerliches Anheben der Pfote, Stimmungsschwankungen oder nachlassende Spielfreude auf Schmerzen hindeuten. Auch häufigeres Kratzen, Veränderungen von Fell und Erscheinungsbild, vermehrte Fellpflege, das Abwenden von Kopf oder Körper, häufiges Blinzeln, Luftlecken, Erstarren sowie Gähnen oder Schnüffeln in die Luft zählten zu den abgefragten Signalen.

Schmerzen beim Hund: Klare Symptome werden erkannt, feine Hinweise kaum

Das Ergebnis ist ernüchternd. Offensichtliche Symptome, vor allem solche, die die Bewegung beeinträchtigen, erkannten fast alle Befragten zuverlässig als Schmerzsignale. Bei subtileren Anzeichen wurde die Einschätzung jedoch schnell unsicher. In der Studie heißt es, gerade solche feinen Veränderungen seien für viele Menschen schwer einzuordnen. Dazu zählen etwa eine veränderte Persönlichkeit, weniger Spielfreude, häufigeres Blinzeln, Gähnen, das Abwenden von Kopf oder Körper oder ein insgesamt verändertes Erscheinungsbild. Auch nächtliche Unruhe oder das ständige Hinterherlaufen hinter Familienmitgliedern verstanden viele nicht unmittelbar als Hinweis auf Schmerzen.

Bemerkenswert ist dabei vor allem, wer diese Zeichen übersah: nicht nur Menschen ohne Hund, sondern auch viele Halter. Zwar lagen sie bei einzelnen Hinweisen etwas häufiger richtig. Insgesamt aber waren sie beim Erkennen der feinen Signale kaum treffsicherer. Nähe schafft Vertrautheit, aber offenbar nicht automatisch Klarheit.

Auch interessant

Warnsignale bei Hunden: Warum Tiere Schmerzen oft verbergen

Ein Grund dafür liegt womöglich im Tier selbst. Hunde sind erstaunlich gut darin, Schmerzen zu verbergen, schreiben die Forschenden. Das sei kein Zufall, sondern habe mit ihrer Entwicklungsgeschichte zu tun: In freier Wildbahn wäre sichtbare Schwäche ein Nachteil. Für Menschen mache das die Einschätzung umso schwieriger.

Hinzu komme, dass viele Halter sich vor allem an groben Alarmzeichen orientierten. Wer an Schmerzen denke, denke an Jaulen, Humpeln oder eine deutliche Schonhaltung. Dreht ein Hund dagegen den Kopf weg, wirke das auf viele Menschen eher wie Stress oder Angst als wie körperliches Leiden, vermuten die Autorinnen. Dabei könne genau darin bereits ein Hinweis auf Schmerzen liegen.

Orcas, Haie und Tiere im Meer

Schmerzsignale beim Hund: Warum übersehene Anzeichen riskant sind

Für die Tiere kann dieses Nichterkennen gravierende Folgen haben. Gerade chronische Schmerzen zeigen sich selten abrupt oder eindeutig. Stattdessen verändern sie nach und nach den Alltag: Ein Hund spielt weniger, wirkt anders oder ist nachts unruhig. Weil er weder humpelt noch jault, gilt er dennoch schnell als gesund. Eben diese Diskrepanz macht die Einschätzung so tückisch. Die Utrechter Studie zeigt, wie leicht ein falscher Eindruck entstehen kann.

Hinzu kommt ein zweiter Aspekt. Die Autorinnen betonen, dass verspätet erkannte Schmerzen nicht nur das Wohlbefinden der Tiere beeinträchtigen. Sie könnten auch das Risiko für Verhaltensprobleme erhöhen, darunter Aggressionen. Ein Hund, der plötzlich schnappt oder beißt, ist also nicht zwangsläufig „schwierig“. Es kann sein, dass er Schmerzen hat und sich nicht anders zu helfen weiß. Wer die Körpersprache des Hundes falsch deutet, gefährdet deshalb nicht nur das Tier, sondern unter Umständen auch die Sicherheit von Menschen.

Auch interessant

Ganz chancenlos sind Halter allerdings nicht. Laut Studie erkannten Menschen, deren Hunde bereits einen Unfall oder eine schmerzhafte Erkrankung hatten, subtile Hinweise häufiger. Ähnliches galt für Befragte mit eigener Schmerzerfahrung: Wer selbst Verletzungen oder Krankheiten durchgemacht hatte, deutete Blinzeln oder Gähnen eher als mögliches Warnsignal.