Häusliche Gewalt kann jeden treffen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebenssituation. Doch warum fällt es Betroffenen oft so schwer, eine gewalttätige Beziehung zu verlassen? In dieser Ausgabe unseres Beziehungs-Newsletters „Ein FUNKE Liebe“ geht es um die Mechanismen hinter häuslicher Gewalt, um Angst, Abhängigkeit und Hoffnung – und um die Frage, warum wir weniger über die Entscheidung der Opfer, nicht zu gehen, und mehr über die Verantwortung der Täter sprechen sollten.

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Wenn man mich fragt, was ich an meinem Beruf als Redakteurin am meisten mag, dann ist es die Tatsache, dass er mir Türen öffnet. Türen zu Menschen und ihren Geschichten, die ich sonst vielleicht nie kennenlernen würde. Ich darf Menschen begegnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, ihnen zuhören und ihre Erlebnisse aufschreiben. Manche Begegnungen sind nach dem Gespräch vorbei. Andere bleiben.

Eine dieser Begegnungen werde ich mein Leben lang nicht vergessen: Während meines Volontariats durfte ich ein Frauenhaus in Bayern besuchen. Ich war dort, um über einen Ort zu schreiben, an dem Frauen Schutz suchen – vor Männern, die ihnen einmal nahestanden. Ich wusste natürlich, dass häusliche Gewalt viele Gesichter hat. Aber was es bedeutet, wenn ein Zuhause plötzlich kein sicherer Ort mehr ist, bekam für mich an diesem Tag eine ganz andere, sehr persönliche Dimension.

Häusliche Gewalt kommt in jeder Gruppe und Schicht vor

Was ich dort vorfand, waren keine Einzelfälle und schon gar keine bestimmte Sorte Frau. Da waren junge und ältere Frauen, Frauen mit Kindern und ohne, manche waren schwanger. Einige waren in Deutschland geboren und aufgewachsen, andere waren aus anderen Ländern geflüchtet. Sie kamen aus unterschiedlichen Lebenswelten, hatten unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Gründe, warum sie irgendwann in diesem Haus Schutz suchten.

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Alina Juravel ist Redakteurin im Ressort Leben der FUNKE-Tageszeitungen.

Doch eines verband sie: Sie hatten Angst vor einem Mann, den sie einmal geliebt hatten. Und etwas anderes fiel mir auf. Keine dieser Frauen erzählte mir, dass ihr Partner von Anfang an gewalttätig gewesen sei. Im Gegenteil. Am Anfang waren da oft Männer, die aufmerksam waren, die zuhörten und verständnisvoll wirkten. Männer, die ihnen das Gefühl gaben, endlich den Richtigen gefunden zu haben. Sie versprachen Liebe, Sicherheit und eine gemeinsame Zukunft.

Die Gewalt kam später. Schleichend. Erst war es vielleicht Eifersucht. Eine Bemerkung über die Kleidung. Die Frage, mit wem sie telefoniert hatte. Ein Bedürfnis, immer zu wissen, wo sie ist. Kontrolle, die als Sorge verkauft wurde. Ein Streit, auf den eine Entschuldigung folgte. Ein Versprechen, dass es nie wieder passieren werde. Dann kam wieder der nächste Streit. Die nächste Demütigung und vielleicht sogar Schläge. Und irgendwann war das, was anfangs noch wie ein Ausrutscher wirkte, Alltag.

Gerade deshalb ist die Frage „Warum geht sie nicht einfach?“ so falsch. Denn sie setzt voraus, dass eine betroffene Frau irgendwann vor einer klaren Entscheidung steht: Hier ist die Gewalt, dort ist das Leben ohne Gewalt – und sie muss nur noch die Tür aufmachen und gehen. Aber so einfach ist es nicht.

Das bestätigt auch Tina Michel, die selbst 30 Jahre lang in einer toxischen Beziehung blieb: „Streit und Schläge zweimal die Woche waren für mich normal gewesen.“ Meine Kollegin Eileen Wagner hat mit ihr über ihre traumatischen Erfahrungen gesprochen. Wie sie es schließlich schaffte, dieser Beziehung zu entkommen, und was eine Psychologin betroffenen Frauen rät, das können Sie hier lesen.

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Gewaltbeziehungen funktionieren häufig nicht nach dem Muster „böser Mann, verängstigte Frau“. Sie funktionieren über Bindung, Hoffnung und Abhängigkeit. Der Mann, vor dem eine Frau flieht, ist schließlich nicht nur der Mann, der sie bedroht oder schlägt. Er kann gleichzeitig der Mensch sein, den sie liebt, und der Vater ihrer Kinder.

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Das macht die Situation nicht weniger gefährlich. Aber es macht sie menschlich kompliziert. Hinzu kommt, dass Gewalt häufig mit Kontrolle einhergeht. Manche Betroffene werden finanziell abhängig gemacht, von Freunden und Familie isoliert oder daran gehindert, einer eigenen Arbeit nachzugehen. Manche haben keine eigene Wohnung, kein Geld und keinen sicheren Ort, an den sie gehen könnten.

Finanzielle Abhängigkeit: Viele Frauen können sich Trennung nicht leisten

Eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds aus dem vergangenen Jahr zeigt, wie verbreitet die finanzielle Abhängigkeit ist: 53 Prozent der Frauen gaben an, sich mit ihrem Einkommen langfristig nicht eigenständig versorgen zu können. Bei Frauen mit Kindern waren es sogar 70 Prozent. Manche Frauen bleiben also bei ihren Partnern, weil sie sich eine Trennung schlichtweg nicht leisten können. So auch Lena H. Die 47-Jährige hat uns erzählt, wie sie in die finanzielle Abhängigkeit geriet und wie sie deswegen unter ihrem Mann leidet.

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch eine Geschichte ans Herz legen, die mich sehr berührt hat. Wir wissen, dass die meisten Opfer von häuslicher Gewalt Frauen sind. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) sind rund 70 bis 80 Prozent der Opfer weiblich. Doch es gibt auch Männer, die in ihren Beziehungen psychisch und physisch misshandelt werden. Jedoch ist Gewalt gegen Männer in der Gesellschaft häufig noch ein Tabuthema. Heiko kämpft dafür, dass sich das ändert. Fünf Jahre lang war Heiko Opfer von Partnerschaftsgewalt durch seine Ehefrau. Meine Kollegin Lisa-Marie Eggert hat mit ihm darüber gesprochen, wie ihn seine Frau misshandelte – und warum er sich so lange nicht wehren konnte.

Eines habe ich nach meinem Besuch im Frauenhaus gelernt: Häusliche Gewalt ist kein Einzelfall und kein privates Problem hinter verschlossenen Türen. Sie betrifft Hunderttausende Menschen in Deutschland und ist damit ein tiefes gesellschaftliches Problem. Umso wichtiger ist es, hinzusehen, Betroffene ernst zu nehmen und ihnen nicht zusätzlich mit Vorurteilen zu begegnen.

Falls Sie auch Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht haben und davon berichten möchten, können Sie mir gerne schreiben – auch anonym.

Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet übrigens an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr unter der Nummer 116 016 oder per Onlineberatung vertraulich und kostenfrei Hilfe und Unterstützung. Dasselbe Angebot steht Männern, die von Gewalt betroffen sind, unter der Nummer 0800 1239900 zur Verfügung.

Alles Liebe,
Alina Juravel

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P.P.S.: Auch heute möchte ich Ihnen den FUNKE-Podcast „Länger Leben“ empfehlen. Darin spricht meine Kollegin Natalja Fischer mit dem Mediziner und Longevity-Experten Dr. Felix Bertram darüber, wie wir uns möglichst lange gesund halten. Neue Folgen erscheinen jeden Mittwoch, überall, wo es Podcasts gibt. Hier können Sie reinhören.